Selbsterforschung. Seelische Gesundheit. Wellbeing.

Gedächtnis und Erinnerung: Wie sie unsere Identität prägen

Wie prägen uns Erfahrungen – auch solche, die wir schon vor unserer Geburt im Mutterleib gemacht haben, und wo sind sie gespeichert? Welche Rolle spielt unser Gedächtnis bei der Ausprägung unserer Persönlichkeit? Warum können wir manche Dinge erinnern und andere nicht? Wo steckt eigentlich unser Gefühlserbe – und was hat all das mit unserer Lebenszufriedenheit und unserer mentalen Gesundheit zu tun?

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen landen wir bei der Neurobiologie, der Wissenschaft, die sich unserem Nervensystem widmet, und der ihr eng verwandten Gehirnforschung. Und damit bei diesem unfassbaren Wunderwerk, das unser Gehirn ist. Mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen ist es das komplexeste Organ, das die Natur je hervorgebracht hat.

Was ich in diesem Beitrag versuchen möchte: eine Skizze zu entwerfen, wie wir unser Gehirn dazu nutzen können, unser Lebensgefühl zu verändern, mehr Glück und Freude zu empfinden, Probleme mit leichterer Hand zu lösen. Es geht dabei um den Blick in die Vergangenheit: was erinnern wir, was erinnern wir nicht und wie prägt unsere Art zu erinnern unser heutiges Lebensgefühl?

„Wir sind, was wir erinnern“ – Erinnerung als Identität

Die Leitfrage lautet: Wie bestimmen uns die in unserem Gehirn gespeicherten Erinnerungen? Die Antwort der Wissenschaft könnte grundsätzlicher kaum formuliert sein. Die Verbindung von Erinnerung und Gedächtnis mit der persönlichen Identität ist nämlich sehr eng: „Wir sind, was wir erinnern.“

Moment mal: Ich bin nicht das, was ich erlebt habe, sondern meine Persönlichkeit wird von meinen Erinnerungen definiert? Vom Narrativ meines Lebens, der Geschichte, die ich mir über mich selbst erzähle?

Ja, genau. Wir erzählen uns Geschichten über uns selbst, und wenn wir vor allem die negativen Erlebnisse wiedergeben, dann fühlt sich das ganze Leben irgendwie trostlos an. Das ist sehr häufig bei Menschen mit Depressionen der Fall. Das Repetieren dieser negativen Erinnerungen nimmt ihnen die Energie, aus diesem Dunkel herauszukommen. Gelingt es stattdessen durch bewusstes Ansteuern positiver Gedanken, auch die schönen Erinnerungen zu aktivieren, die Erfolge wachzurufen, dann steckt hierin bereits der Keim für weitere positive Erfahrungen. Die Erinnerung wird zur wichtigen Ressource, und gerade in Zeiten von Krise und Umbruch ist das besonders wichtig. Deswegen spielen Erinnerungen im Coaching-Prozess auch eine so wichtige Rolle.

Frühe Prägung: Erinnerungen aus dem Mutterleib

Aber wie geht das überhaupt: erinnern? Schauen wir genauer hin.

Die frühesten Erinnerungen, die uns zugänglich sein können, stammen zumeist aus dem 3. oder 4. Lebensjahr. Alles, was vorher war, entzieht sich dem Gedächtnis. Allerdings haben wir in der Zeit vorher schon wichtige Prägungen erfahren. Sie beginnen im Mutterleib und werden von genetischen, epigenetischen und vorgeburtlichen Einflüssen bestimmt. Der Hippocampus aber, jener Teil im Gehirn, der für unser Erinnern eine zentrale Rolle spielt, ist erst mit etwa 14 Jahren wirklich ausgereift. Bis zu diesem Zeitpunkt wird unsere Erinnerungsfähigkeit immer präziser und detaillierter. Das bedeutet keineswegs, dass unsere Erfahrungen bis zu diesem Zeitpunkt weniger bedeutsam sind – tatsächlich ist das Gegenteil richtig! Heute wissen wir, dass gerade diese frühen Erlebnisse prägende Spuren in der Psyche hinterlassen.

Weil diese frühen Erfahrungen auf die Amygdala, das Angstzentrum in unserem Gehirn, eingewirkt haben – und damit auf unseren Umgang mit Emotionen. Jahrzehnte später können Ängste auftauchen, für die wir keine Erklärung haben, deren Ursache sich uns nicht erschließt. Und genau die können aus den ersten Lebensmonaten stammen. In diesem Zusammenhang spielen auch Gefühlserbschaften, die uns in dieser Zeit übertragen wurden, eine wichtige Rolle. Aber damit habe ich mich in anderen Artikeln befasst. Hier soll es um das gehen, was wir erinnern können.

Die lebenswichtige Bedeutung des Gedächtnisses

Und das hat natürlich enorme Bedeutung. Ohne unser Gedächtnis wären wir Menschen ziemlich hilflos. Wir würden permanent in der Gegenwart leben – aber der Traum vom Dasein im „Hier und Jetzt“ würde schnell zum Albtraum. Wir hätten nämlich keinen Zugriff auf unsere Vergangenheit und damit auch nicht auf unsere Lernprozesse. Wenn wir sind, was wir erinnern, wie es die Wissenschaft formuliert, dann spielt das Gedächtnis dabei eine überragend wichtige Rolle.

Gedächtnis und Erinnerung: Vom Reiz zur Erinnerung

Schauen wir uns den Weg an, den eine Information oder ein Erleben durchlaufen muss, damit wir uns daran erinnern können. Dafür sind fünf Stationen nötig.

1. Das sensorische Gedächtnis

Es ist ein Speicher, der einen Reiz für ein bis zwei Sekunden verfügbar hält und es ermöglicht, etwas Gesehenes oder Gehörtes sofort wiederzugeben oder nachzumachen.

2. Das Kurzzeitgedächtnis

Es hat ebenfalls eine sehr begrenzte Speicherkapazität und kann Inhalte bis zu 30 Sekunden verfügbar machen. Es ist auch störanfällig – erhöhter Stress kann die Aufnahmefähigkeit behindern. Wenn wir also in der Küche stehen und nicht mehr wissen, warum wir dorthin gegangen sind, dann ist das in aller Regel kein Anzeichen von Demenz, sondern einfach die Folge großer Überlastung.

3. Das Arbeitsgedächtnis

Hier findet eine vom Bewusstsein gesteuerte Verarbeitung von sensorischen Reizen und Gedanken statt. Sie können zu einem Ganzen verbunden werden, dessen Bedeutung wir verstehen.

4. Das Zwischengedächtnis

Es ist eine Art Filter zwischen dem Arbeitsgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis, der letzten Stufe. Es wird wenige Sekunden nach dem Bewusstwerden eines Inhalts aktiviert und speichert die Information für mehrere Stunden. Im Hippocampus, der Schaltstelle des Gehirns für Erinnerungen, wird während dieser Zeit festgelegt, wo die Inhalte abgespeichert werden. Dies geschieht insbesondere im Schlaf, ist also ein komplett unbewusster Vorgang.

5. Das Langzeitgedächtnis

Es hat eine enorme Speicherkapazität und kann Informationen prinzipiell ein Leben lang vorhalten. Allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Form. Tatsächlich werden die Inhalte mit der Zeit immer wieder umgeschrieben. Jede neue Erfahrung wird in das, was bereits vorhanden war, integriert und kann darauf einwirken. Das ist für Therapien und Coachings ein wichtiger Aspekt. Aber so können Erinnerungen auch gründlich verfälscht werden, meist ein unbewusster, manchmal aber auch ein willentlicher Prozess, etwa wenn andere Menschen uns etwas einreden.

Warum wir so vieles nicht erinnern können

Der komplexe Weg über diese fünf Stufen erklärt uns, warum wir vieles, was wir erleben, nicht erinnern können: weil eine Information den Weg durch diese fünf Stationen gar nicht erst durchlaufen hat. Uns begegnen täglich zahllose Reize, die unser Gehirn nicht ins Bewusstsein lässt, weil sie vorher als unwichtig aussortiert werden. Ein Schutzmechanismus, der uns vor Überlastung schützt. Bei Menschen mit Hochsensibilität arbeitet dieser Filter weniger intensiv, weswegen sie schneller unter Reizüberflutung leiden.

Es gibt weitere Hindernisse, Schlafstörungen etwa. Sie behindern den Zugang vom Zwischen- zum Langzeitgedächtnis. Auch permanenter Stress kann eine Blockade der Weiterverarbeitung bewirken. Ebenso ist Angst eine bedeutende Hürde für die Gedächtnisaktivierung. Die Amygdala nimmt permanent eine Angstkontrolle vor, und wenn sie übersensibilisiert ist, wenn ein Mensch sehr schnell von Angst überspült wird, ist auch der Zugang zum Gedächtnis versperrt.

Diese Hürden wirken in beide Richtungen: sowohl, wenn Erfahrungen ins Gedächtnis eingespeichert werden, als auch, wenn bereits gespeicherte Erlebnisse wieder aktiviert, also erinnert werden sollen. An welcher der Hürden das Erinnern scheitert, lässt sich im Nachhinein allerdings kaum nachvollziehen.

Emotion und Erinnerung: Belohnung oder Substanz-P

Das Zusammenwirken von Erinnerung und Emotion ist von allergrößter Bedeutung. Tatsächlich werden mit einer Erinnerung immer auch die Gefühle gespeichert, die wir während des Erlebens gespürt haben. Der Ort im Gehirn ist das Langzeitgedächtnis, wo es einen eigens für Emotionen zuständigen Bereich gibt. Hier ist gespeichert, ob mit Erlebnissen Belohnungen oder Bestrafungen verbunden waren. Erinnern wir Belohnungen, werden Hormone ausgeschüttet, die für Wohlgefühl sorgen. Erinnern wir dagegen Bestrafungen oder andere negative Aspekte wie Scham oder Schuld, wird der Botenstoff mit Namen „Substanz-P“ freigesetzt – und wir empfinden Schmerz, Unlust oder sogar Panik. Das ist natürlich ein guter Grund, diese Erinnerungen immer wieder zu verdrängen. Oder, was tatsächlich viel nachhaltiger ist, sie in einem therapeutischen oder Coaching-Prozess zu bearbeiten und zu integrieren. Dann kann das unangenehme Gefühl, das mit ihnen verbunden ist, langsam verblassen. Zudem können ähnliche Erlebnisse diese alten Gefühle nicht mehr so stark hervorrufen.

Traumatische Erinnerungen: Fragmentiert und gegenwärtig

Und damit sind wir bei einem zentralen Punkt des Erinnerns angekommen: bei den Traumata. Traumatische Erinnerungen werden im Gehirn anders verarbeitet und gespeichert als normale Erinnerungen. Und das ist das Besondere an ihnen:

Sie sind oft fragmentiert und ungeordnet im Gedächtnis abgelegt, in einer Art unverarbeiteten Fassung, die vor allem aus Sinneseindrücken, Gefühlen und Körperempfindungen besteht. Diese Sinneseindrücke können später durch Trigger wieder hervorgerufen werden und zu Flashbacks führen, im Fachjargon „Intrusionen“ genannt. Wenn das geschieht, kann das Trauma wieder genauso erlebt werden, als würde es in diesem Moment wieder passieren. Wir sprechen dann von einer Retraumatisierung.

Viele Traumatisierte verlieren aber auch die bewusste Erinnerung an das traumatische Ereignis, ein wichtiger Schutzmechanismus. Dabei werden vor allem Informationen aus dem kognitiven Gedächtnis abgespalten, während emotionale und körperliche Erinnerungen erhalten bleiben. Erzählen die Betroffenen davon, haben die Geschichten oft keinen klaren Anfang und kein Ende. Sie lassen sich schwer in Worte fassen oder als zusammenhängender Bericht erzählen. Interessant auch: Die Geschichten werden oft in der Gegenwartsform erzählt. Das hat eine innere Logik, denn ein Teil unserer Psyche empfindet das traumatische Erleben tatsächlich als nicht abgeschlossen, sondern als höchst gegenwärtig. Erst, wenn das Trauma bearbeitet wurde, kann es gleichsam in die Chronologie vergangener Erlebnisse einsortiert werden. Ins Episodengedächtnis nämlich, einen Teil des Langzeitgedächtnisses.

Andreas Maercker: Der Hippocampus wird kleiner – und größer

Traumatisierten ist es kaum möglich, das Gedächtnis wirklich zu erschließen, sagt Andreas Maercker, Professor für Psychopathologie an der Universität Zürich. Das gilt auch für schwer depressive Menschen. Wenn sie ihr Gedächtnis nicht mehr benutzen, dies womöglich sogar ablehnen, weil sie negative Erinnerungen verdrängen wollen, wird über die Jahre der Hippocampus, diese Schaltstelle für Erinnerungen im Gehirn, tatsächlich kleiner. Aber das ist reversibel: Nach einer Therapie, die das Erzählen wieder möglich macht, ist dieses Volumen wieder aufgebaut.

Neuroplastizität: Das Gehirn kann sich verändern

Und hier kommen wir zu einer wunderbaren Fähigkeit des Gehirns, die uns Hoffnung geben kann: der Neuroplastizität. Dieser Begriff bezeichnet die Veränderungsfähigkeit unseres Gehirns. Es kann seine Strukturen und Verknüpfungen neuen Anforderungen immer wieder anpassen, und das bis ins hohe Alter. Auch das Erinnern lässt sich wieder üben. Und es hat außerordentlich positive Wirkungen.

Das Vorbewusste: Vergessenes wieder zugänglich machen

Diese Erfahrung habe ich oft gemacht, vor allem in meinem Workshop „Autobiografisches Schreiben“. Darin gibt es mehrere Übungen, die zum strukturierten Erinnern einladen. Die Reaktion darauf ist oft große Verblüffung: „Das hatte ich ja total vergessen …“ Und an den Gesichtern der Teilnehmenden ist abzulesen, wie sehr sie sich über diese Erinnerung freuen.

Hierfür ist eine Instanz in unserem Gehirn verantwortlich, die Neurobiologen „das Vorbewusste“ nennen. Es steht zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten und umfasst Inhalte, die wir im Moment nicht parat haben, aber bei Bedarf wieder ins Bewusstsein holen können. Also zum Beispiel Erinnerungen und Wissen, das wir uns früher einmal angeeignet haben. Wenn wir das Erinnern geschickt angehen – mit dem Ziel nämlich, unsere Kompetenzen und Fähigkeiten zu stärken –, dann aktivieren wir damit unsere Selbstheilungskräfte. Die Erinnerung daran, wie wir ein schwieriges Problem gelöst haben, holt nicht nur die Informationen hervor, wie das gelungen ist, sondern auch die damit verbundenen positiven Gefühle. Sie geben uns die Energie, um mit mehr Optimismus und Tatkraft weiterzumachen. Deswegen ist der Blick auf das bisherige Leben gerade in Krisensituationen so hilfreich.

Lebensrückblickstherapie: Heilung durch Erinnern

Das strukturierte Erinnern hat aber durchaus auch therapeutische Qualität. Ja, es gibt sogar eine „Lebensrückblickstherapie“, die erstaunliche Erfolge ermöglicht. Je nach psychischer Problematik sind es andere Aspekte des Erinnerns, die deren heilsame Kraft ausmachen. So erläutert es Andreas Maercker.

Bei Depression: Geschichten des Gelingens

„Ist ein Mensch depressiv, helfen Geschichten, die einen Zugang schaffen zu Erinnerungen, in denen er etwas gut bewältigt hat, in denen etwas schön und positiv war.

Bei Trauma: Behutsamer gefühlsmäßiger Kontakt

Bei Trauma-Patient:innen ist es dagegen der behutsame gefühlsmäßige Kontakt mit der traumatisierenden Erinnerung, der eine langsame Verarbeitung ermöglicht.

Bei Krisen: Mehr Kontext, mehr Weisheit

Bei Menschen in Krisen, die etwa eine Trennung, einen Arbeitsplatzverlust oder den Tod eines Angehörigen erlebt haben, ist die Aufgabe, übers Erinnern und Erzählen mehr Kontexte zu erarbeiten, mehr Erklärungen, gleichsam mehr Weisheit, um das Erlebte besser einbetten zu können und nicht zu verbittern.

Bei Hadern: Expedition ins Gedächtnis

Und bei den vielen Menschen, die keinen Befund aufweisen, sondern einfach nur mit Geschichten aus ihrem Leben hadern, die das Gefühl mit sich herumtragen, sie hätten es für die falschen Dinge vertan? Sie können sich auf eine Expedition ins Gedächtnis und auf die Suche nach den schönen Geschichten machen, in denen sie Probleme gelöst haben, etwas Gutes entschieden, etwas Wichtiges gelernt.

Praktischer Tipp: Musik als Erinnerungsbrücke

Ein Tipp dazu, der viel Vergnügen bereiten kann: Sucht doch einfach mal aus dem Plattenschrank, aus dem CD-Archiv, aus Spotify oder Apple Music Songs heraus, die ihr mit einer bestimmten Zeit eures Lebens verbindet. Welche Erinnerungen steigen auf – und welche Gefühle? Ich verspreche euch: Das kann eine sehr spannende Reise werden.

Fazit: Wir haben großen Einfluss darauf, was wir sind

Wir sind, was wir erinnern. Das war der Leitsatz für diesen ersten Ausflug in die Neurobiologie. Wir sehen: wir haben großen Einfluss darauf, was das ist.

Neurobiologie 1: Wie Erinnerungen uns bestimmen

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