Selbsterforschung. Seelische Gesundheit. Wellbeing.

Dem inneren Kompass folgen: der Weg zu einem erfüllteren Leben

Da ist endlich Raum, wir haben uns befreit. Was immer es war, das uns bedrängt hatte: die Beziehung, die nur noch dahindümpelte, der vollkommen überfordernde Job, die mit altem Kram vollgestopfte Wohnung, die Klamotten im Kleiderschrank, die längst out of date waren. Alles bereinigt, beendet, geklärt. Ja, jetzt sind wir frei, auch von familiären Verpflichtungen und Bedrängnissen.

Es gibt diese Phasen im Leben, immer wieder: nach der Schule, nach der Ausbildung, in der Mitte des Lebens, nach dem Eintritt in die Rente. Jetzt ist Raum da, endlich – und wir könnten dem zustreben, was unser Ureigenes ist. Was sich erfüllend anfühlen würde, sinnvoll, beglückend. Machen wir es mal ein bisschen größer: dem Sinn unseres Lebens entsprechend. Wir könnten jetzt ganz einfach unserem inneren Kompass folgen, unbelastet von den Einschränkungen, denen wir zuvor die Verantwortung dafür gegeben hatten, dass das natürlich nicht geht.

Aber jetzt, wo es doch möglich wäre, geht es eben irgendwie auch nicht. Warum? Warum klingen in uns immer noch die blockierenden Stimmen, sind die alten Ängste und Loyalitäten immer noch wirksam? Warum fällt uns partout nichts ein, was es sein könnte, das uns Sinn gibt? Warum richten wir uns nicht nach dem inneren Kompass, der uns zuverlässig die Richtung zu einem erfüllten Leben weist?

Die Mail einer Frau, die ich aus mehreren Workshops und aus der Jahresgruppe Gefühlserben kenne, hat mich auf dieses Thema gebracht. Sie schrieb mir:

„Welche Bedürfnisse habe ich lange nicht beachtet?

Was brauche ich wirklich?

Was tut mir in der Tiefe gut?

Was braucht es jetzt?

 Was könnte jetzt kommen?

Es ist ja auch einfach ein ‚Klassiker‘, dass diese Fragen auftauchen, wenn alles einmal zur Ruhe kommt, sowieso die Kinder aus dem Haus, keine alten Eltern mehr zu pflegen sind!!! Und eigentlich bin ich in den letzten Jahren da gut dran für mich … trotzdem stelle ich auch immer wieder fest, wie schwer es ist, mich auf das, was ich wirklich will, zu besinnen … es zu spüren!“

Vielen Dank für diesen Impuls! Mails wie diese sind ein wunderbarer Anlass, grundlegende Fragen unseres Lebens aus neuer Perspektive anzuschauen. Haben wir die Möglichkeiten, die sich darin zeigten, wirklich genutzt?

Wenn endlich Raum ist – und wir ihn doch nicht nutzen

Wenn ich ehrlich bin, lautet meine Antwort: zu oft nicht. Vielleicht geht es euch ähnlich. Denn schauen wir genauer hin, dann hat es solche Räume relativer Freiheit immer wieder gegeben. Es gab natürliche Einschnitte, nach Schule, Ausbildung oder Uni, in den Wochen nach einer Trennung, zwischen zwei Jobs. Oder in jenem Sommer, in dem plötzlich alles möglich schien. Da waren Räume, in denen wir die Frage hätten stellen können: Was will ich eigentlich? Aber dann haben wir die Räume doch wieder rasch geschlossen, ehe sie sich richtig auftun konnten – mit der nächsten Aufgabe, der nächsten Dringlichkeit, dem nächsten Menschen, der uns brauchte. Und wenn es das nicht war: füllt die digitale Welt nicht jeden Raum in Sekundenschnelle?

Ein altes Muster: Warum wir die Freiheit so schwer aushalten

Hier wird ein Muster sichtbar. Es lag eben nicht nur an den Kindern, am Job, an den pflegebedürftigen Eltern, dass wir uns selbst so schwer auf die Spur kommen. Diese Umstände waren und sind reale Belastungen, ganz ohne Frage. Aber zugleich waren sie auch ein willkommener Ort, an dem unsere eigentliche Frage sicher verwahrt blieb. Solange das Leben laut und voll war, mussten wir uns ihr nie wirklich stellen. Was wir vor uns sehen, ist also weniger das Problem einer Lebensphase. Es ist ein altes Muster, das jetzt nur besonders deutlich hervortritt: Wir haben das Offene, die Freiheit lange nicht gut ausgehalten.

Transgenerationale Wurzeln: Müßiggang als Verdacht

Natürlich ist das auch ein transgenerationales Thema. Viele von uns sind aufgewachsen mit der Botschaft: Müßiggang ist verdächtig. Wer Pause macht, hat sich zu rechtfertigen. Der Mensch hat nützlich zu sein, gebraucht zu werden, zu funktionieren. In früheren Generationen war diese Haltung überlebensklug. Leerlauf konnte man sich nicht leisten, wenn es ums Wiederaufbauen ging, ums Durchkommen. Und danach ging es vor allem um Sicherheit, nicht um Erfüllung. Außerdem kommen in der Stille die Dämonen hoch, die abgewehrten Leiden, Verluste und Verbrechen. Deswegen haben die Generationen vor uns das Befüllen der Pausen gemeistert wie eine Kunst – und als transgenerationales Erbe an uns weitergegeben, lange bevor wir ein Wort dafür hatten. Was damals Schutz war, macht uns heute ratlos.

 „Ja, aber …“ – warum wir uns selbst defizitär erleben

Wo, bitte, geht’s zu einem erfüllten Leben?

Darauf keine überzeugende Antwort geben zu können, macht unzufrieden. Als Coach erlebe ich oft Menschen, die mit ihrer Lebensleistung hadern. In der gemeinsamen Arbeit entdecken wir zwar, wie viele Erfolge sie erzielen konnten, welchen Sinn sie gestiftet haben, aber ihre Orientierung bleibt sehr oft das „aber …“. Dann kommt geradezu zwanghaft der Vergleich mit anderen, und sie erleben sich defizitär, weil die anderen es angeblich so viel besser hingekriegt haben. Woher kommt das: ist das eine menschliche Eigenschaft, dass wir uns eher auf Probleme fokussieren, eine generationale oder eine kulturelle, eine nationale Prägung?

Der Negativity Bias: Warum Negatives schwerer wiegt

Man kann dieses „Ja, aber …“ gut mit Erkenntnissen aus der Psychologie erklären. Menschen reagieren nicht symmetrisch auf Positives und Negatives: Negative Informationen, Fehler und Lücken bekommen in unserem Denken oft mehr Gewicht als Erfolge. Das ist keine blöde Angewohnheit, sondern ein gut belegter Aufmerksamkeits- und Bewertungsmechanismus. Genau deshalb bleiben Erfahrungen von Mangel oder Unzulänglichkeit oft länger im Kopf als reale Leistungen. In der Forschung spricht man vom Negativity Bias.

Sozialer Vergleich und ein zu harter Maßstab

Dazu kommt der soziale Vergleich. Wir bewerten uns fast immer im Verhältnis zu anderen. Und dieser Vergleich ist fast immer unfair: Wir kennen natürlich unsere eigenen Zweifel, Umwege und Brüche sehr genau – bei anderen sehen wir dagegen nur die Resultate. Forschungen zur Selbstbewertung zeigen zudem, dass Menschen Erfolge häufig schnell als „normal“ oder als „Glück“ abtun, während sie Misserfolge als Hinweis auf die eigene Person deuten. So entsteht eine innere Bilanz, die systematisch zu hart ausfällt.

Die Lebensmitte als Zeit der Neuordnung

Gerade in der Lebensmitte spitzt sich das noch einmal zu. Studien zu Entwicklungsaufgaben im mittleren Erwachsenenalter beschreiben diese Phase als Zeit der Neuordnung: Die Frage nach Sinn, Stimmigkeit und Generativität – das ist unser Bedürfnis, etwas weiterzugeben, Spuren zu hinterlassen –, wird wichtiger, während reine Leistung allein nicht mehr trägt. Wenn dann äußere Rollen kleiner werden – die Kinder ausziehen, sich berufliche Strukturen verändern oder Verantwortung anders verteilt ist –, fällt oft stärker auf, was vorher überdeckt war. Nicht selten wird dann das bisher Erreichte zwar objektiv sichtbar, subjektiv aber nicht als ausreichend erlebt. „Hätte ich damals doch lieber …“, „wäre es nicht besser gewesen, wenn …“: Satzanfänge wie diese illustrieren ein beschädigtes Selbstwertgefühl.

Wenn Unzufriedenheit kulturell gelernt ist

Das ist auch kulturabhängig. In leistungsorientierten Milieus werden Menschen dazu erzogen, sich an Defiziten zu messen: Was fehlt noch? Was könnte besser sein? Was hat jemand anderes mehr erreicht? Eine bekannte Werbeagentur wirbt für sich mit dem Slogan „Wir bleiben unzufrieden“. Diese Bewertungslogik kann tief eingeübt sein und fühlt sich dann wie „Realismus“ an, obwohl sie eigentlich eine kulturelle Brille ist. In dieser Perspektive ist das Leiden am eigenen Leben oft nicht nur individuell, sondern auch gelernt.

Vom Messen zum Lauschen: Was der innere Kompass wirklich ist

Hier braucht es ganz offenbar eine neue Art des Bewertens: Nicht das Leben selbst ist unzureichend, sondern der Maßstab, mit dem es bewertet wird. Und vielleicht reicht es noch nicht einmal, den Maßstab auszutauschen. Denn jeder Maßstab, ob hart oder milde, fragt am Ende dasselbe: Genüge ich? Reicht es aus? Bin ich weit genug gekommen? Solange wir messen, vergleichen wir – mit anderen, mit einem früheren Selbst, mit dem, was hätte sein können. Und das Messen selbst ist schon Teil des Problems. Es hält uns im Aufrechnen fest, in einer Buchhaltung des eigenen Lebens, die uns von dem entfernt, worum es der Hörerin eigentlich ging.

Denn sie hat ja nicht geschrieben: Wie bewerte ich mein Leben richtig? Sie hat geschrieben: „Was brauche ich wirklich – und wie spüre ich es?“ Das ist etwas vollkommen anderes. Hier wird nichts gemessen, hier wird gelauscht, geforscht, gesucht. Und damit sind wir wieder bei dem Bild, mit dem wir angefangen haben – beim inneren Kompass. Ein Kompass misst nicht. Er sagt uns nicht, ob wir genug erreicht haben, ob die anderen weiter sind. Er ist auch kein magischer Wahrheitsdetektor, sondern das Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, Erfahrung und unbewusster Bewertung. Er weist einfach die Richtung.

Somatische Marker: Wie der Körper die Richtung weist

Wenn wir allerdings darauf warten, dass sich der Hinweis auf unseren Weg zu einem erfüllten Leben eindeutig, kraftvoll und ohne jeden Zweifel anfühlt, dann warten wir wahrscheinlich sehr lange. Denn das, was wir inneren Kompass nennen, meldet sich selten als große Gewissheit. Eher als eine leise Intuition, eine sanfte Öffnung, als ein kaum merkliches Nachlassen von Anspannung, oder auch als ein Widerstand, der sich plötzlich zeigt.

Auf diese feinen Signale sind wir oft gar nicht eingestimmt. Wir sind darauf trainiert, auf das Laute zu reagieren – auf Anforderungen, auf Erwartungen, auf Dringlichkeit. Unser ganzes System ist darauf ausgelegt, schnell zu entscheiden, zu funktionieren, zu lösen.

Was hilfreich sein könnte, aber zunächst ungewohnt: nicht sofort zu fragen „was soll ich tun?“, sondern überhaupt erst wahrzunehmen, was in mir in Bewegung kommt, wenn ich mir diese Frage stelle. Zieht mich etwas an? Wird es enger in mir? Wird es stiller? Oder unruhiger? Ich merke das bei mir selbst immer wieder: Wenn ich zwei Möglichkeiten habe, dann ist die eine oft die, die sich gut begründen lässt. Sie ist sinnvoll, nachvollziehbar, vernünftig. Die andere ist schwerer zu greifen, aber sie hat eine besondere Qualität. Da ist ein kleines bisschen mehr Lebendigkeit. Und lange Zeit habe ich genau dieser Spur nicht getraut, weil sie sich nicht ausreichend erklären ließ.

Dabei ist dieses leise Mehr an Lebendigkeit nicht etwa Zufall oder Ablenkung: Es ist selbst eine Information – und zwar eine erstaunlich verlässliche.

Damásios Forschung: Wenn der Verstand allein nicht entscheiden kann

Der Neurowissenschaftler António Damásio hat das untersucht. Er arbeitete mit Menschen, bei denen durch eine Verletzung die Verbindung zwischen Denken und Körpergefühl unterbrochen war. Ihr Verstand war absolut intakt, der Intelligenztest tadellos. Aber sie konnten plötzlich die einfachsten Entscheidungen nicht mehr treffen. Sie wogen endlos Argumente ab, listeten Vor- und Nachteile auf, drehten sich im Kreis, und kamen zu keinem Schluss. Was ihnen fehlte, war nicht der Verstand. Es war das körperliche Signal, das sonst sagt: Das hier, ja. Das andere, lieber nicht.

Damásio nannte diese Signale somatische Marker. Kleine Empfindungen im Körper, die einer Möglichkeit in Bruchteilen von Sekunden ein Vorzeichen geben, ein Ja oder ein Nein, lange bevor wir es begründen können. Sie sind die eigentliche Nadel unseres Kompasses. Nicht der Verstand zeigt die Richtung, sondern diese feine Empfindung – und der Verstand kommt hinterher und erklärt, warum. Was bedeuten kann, dass wir uns lange am falschen Sinn orientiert haben. Wir haben auf die laute, begründbare Stimme gehört und die leise, körperliche für unzuverlässig gehalten. Dabei war und ist sie die präzisere.

Wenn das Spüren in die Irre führt: das belastete Nervensystem

Nun gibt es eine Schwierigkeit, die jene von uns betrifft, die aus belasteten Familien kommen und ein frühes emotionales Erbe in sich tragen. Bei einem Nervensystem, das früh gelernt hat, ständig auf der Hut zu sein, ist dieses Spüren nicht immer ein zuverlässiger Wegweiser. Im Beitrag über Hypervigilanz könnt ihr mehr dazu erfahren. Manchmal löst der innere Alarm gerade dann aus, wenn sich etwas Neues, Lebendiges zeigt. Die Möglichkeit, die uns eigentlich nähren würde, fühlt sich dann nicht warm und einladend an, sondern eng, riskant, fast bedrohlich. Das Vertraute dagegen, auch wenn es uns kleinhält, fühlt sich sicher an. Wer das nicht weiß, deutet die Enge schnell als ein „Nein, falsche Richtung“ – und folgt weiter dem, was sich vertraut anfühlt.

Dem inneren Kompass folgen lernen: Übungen für mehr Körpergefühl

Wie also stimmen wir uns auf diese feinen Signale wieder ein? Die gute Nachricht ist: Das lässt sich üben. Die nicht ganz so gute: Dafür braucht es Geduld. Wir müssen eine Wahrnehmung wiederbeleben, die lange brachgelegen hat. Und wir beginnen besser nicht sofort beim Großen, beim „Was ist der Sinn meines Lebens“, sondern beim Kleinen, bei Signalen, die der Körper ohnehin sendet: Hunger, Müdigkeit, das Bedürfnis, endlich aufzustehen und sich zu bewegen. Wenn wir wieder lernen, diese gut vernehmlichen Meldungen ernst zu nehmen, schulen wir genau das Organ, mit dem wir später auch die leisen Signale empfangen. Es ist wie beim Lauschen in einem stillen Raum: Erst nehme ich das Ticken der Uhr wahr, dann den Kühlschrank, irgendwann den eigenen Atem.

Und es gibt Wege, diese Aufmerksamkeit zu schulen. Achtsamkeitstraining und MBSR sind die bekanntesten – das geduldige Wandern durch den Körper im sogenannten Body Scan. Manchen liegt die Bewegung mehr als die Stille: Feldenkrais, Tai Chi oder Qigong trainieren dasselbe feine Spüren über die langsame Bewegung. Und es gibt eine Methode, die für unser Thema fast maßgeschneidert ist: das Focusing nach Eugene Gendlin. Gendlin, amerikanischer Philosoph und Psychotherapeut, nannte das, was wir hier beschreiben, den „felt sense“ – das im Körper spürbare Ganze einer Frage, ehe es Worte findet. Beim Focusing legt man eine Entscheidung gleichsam in den Körper hinein und wartet, was sich meldet.

Drei einfache Übungen ohne Kursgebühr

Aber hier für den Alltag, ganz ohne Methode und Kursgebühr, ein paar einfache Übungen. Die erste nenne ich die kleine Wetterkarte: zwei-, dreimal am Tag kurz innehalten und nur registrieren, wie das innere Wetter gerade ist. Heiter oder bedeckt? Müde oder wach? Nichts bewerten, nichts ändern, bloß wahrnehmen. Die zweite passt sehr schön zum autobiografischen Schreiben, das ich gerne anleite: beim Schreiben nicht nur festhalten, was ich denke, sondern auch, wie es sich anfühlt, während ich es schreibe. So wird das Schreiben selbst zum Messinstrument. Die dritte ist einfach, aber nicht leicht: Bevor ich das nächste Mal automatisch „Ja, mach ich“ sage, einen Atemzug warten – und schauen, was der Bauch sagt, bevor der Mund antwortet.

Ein Warnhinweis für wachsame Nervensysteme

Ein Warntäfelchen braucht es aber auch. Bei einem Nervensystem, das früh gelernt hat, ständig wachsam zu sein, ist „mehr hineinspüren“ nicht unbedingt der richtige Weg. Lange stille Übungen können manchmal überfluten, statt zu beruhigen. Deshalb gilt für manche von uns eine andere Reihenfolge: erst nach außen orientieren, ehe wir nach innen gehen. Die Füße am Boden spüren, den Blick durch den Raum wandern lassen, sich klarmachen: Ich bin hier, es ist jetzt, und es ist sicher. Und dann das Spüren fein dosieren – lieber dreißig Sekunden mit offenen Augen als zwanzig Minuten mit geschlossenen. Genau diese behutsamen, sicheren Erfahrungen sind es, die ein wachsames Nervensystem nach und nach lernen lassen, dass es sich auch öffnen darf.

Kein Dauerglück: drei ehrliche Einwände zum erfüllten Leben

Und jetzt höre ich schon den Einwand, vielleicht denkt ihr ihn gerade selbst: Schön und gut – wenn ich also lerne, besser auf meinen Körper und meine Intuition zu achten, dann finde ich den Weg zu einem erfüllten Leben? So einfach, echt jetzt?

Nein, natürlich nicht, und ich wäre kein ehrlicher Begleiter, wenn ich das verspräche. Drei Dinge dazu.

Ein Kompass ist kein Navi

Das erste betrifft das Bild vom Kompass. Ein Kompass ist kein Navi. Er sagt nicht „in dreihundert Metern rechts abbiegen, Ankunft in zwölf Minuten“. Er zeigt eine Richtung, und das ist alles. Wer darauf wartet, dass das Spüren ihm den ganzen Lebensplan ausbuchstabiert, wird enttäuscht werden. Es zeigt immer nur den nächsten Schritt. Und dann schaut man wieder, justiert nach, geht weiter. Das klingt banal, aber es ist das Einzige, was wirklich trägt.

„Erfüllt“ ist kein Dauerzustand

Das zweite betrifft das Wort „erfüllt“. Es trägt eine Falle in sich, weil es nach einem Dauerzustand klingt, nach einem Leben, das sich endlich rundum stimmig und sinnvoll anfühlt, für immer. Das gibt es nicht. Auch ein Leben, das zu uns passt, hat seine zähen Tage, seine Zweifel, seine Durststrecken, seine Krisen. Der Unterschied liegt woanders: Ein stimmiges Leben fühlt sich nicht permanent gut an – es fühlt sich aber nach uns selbst an. Das ist etwas anderes als das Dauerglück, das uns Hochglanzbilder und Mindset-Verheißungen versprechen.

Der eigenen Richtung zu folgen, ist nicht der leichtere Weg

Und noch ein drittes: Der eigenen Richtung zu folgen, muss nicht leichter sein, als in eine von anderen vorgegebene zu gehen. Der Kompass weist manchmal genau dorthin, wo in uns eine alte Stimme „besser nicht“ ruft. Fangen wir an, das Eigene ernst zu nehmen, enttäuschen wir womöglich Erwartungen, die andere an uns richten. Wir rühren an stille Familienverträge, an unausgesprochene Loyalitäten und müssen aushalten, dass nicht alle mitgehen. Das Spüren macht das Leben also nicht unbedingt leichter, aber wahrhaftiger auf jeden Fall. Und auf diese Weise wohl auch erfüllter. Ja, das kann manchmal eine ziemliche Zumutung sein – für uns selbst und auch für die Menschen um uns herum.

Was soll ich sagen: ist halt so.

Wo, bitte, geht’s zu einem erfüllten Leben?

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