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NSDAP-Mitgliedschaft von Großvater entdeckt – was das in uns auslösen kann

Seit Kurzem ist die NSDAP-Mitgliederkartei online frei durchsuchbar – und für viele Menschen wird eine mögliche NSDAP-Mitgliedschaft des Großvaters zu einem einschneidenden Fund in ihrer Familiengeschichte. Was bedeutet es, wenn wir auf eine NSDAP-Mitgliedschaft von Großvater oder Großmutter, vielleicht sogar Vater oder Mutter stoßen, und wie gehen wir als Nachfahren gut damit um? Darum geht es in diesem Beitrag.

Die NSDAP-Mitgliederkartei ist jetzt online – was ist passiert?

Seit dem Frühjahr ist die Mitgliederkartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, online. Das Nationalarchiv der USA hat die 12,7 Millionen Dokumente der NSDAP ins Netz gestellt, und deutsche Medien haben sie mithilfe von KI und Suchmasken verfügbar gemacht. Zunächst war es die „Zeit“, dann der „Spiegel“, jetzt die „Süddeutsche Zeitung„. Ein Coup, keine Frage: zu Beginn brachen die Server zusammen, seither gehen die Zugriffszahlen in die Millionen. Noch nie war es so einfach nachzuschauen, ob Eltern, Großeltern, Tanten oder Großonkel Mitglieder dieser Partei waren – und ganz offenbar wollen sehr, sehr viele das tatsächlich wissen.

Wie gut! Dass es wieder einmal leichter geworden ist, die Familiengeschichte jener Zeit zu erforschen. Dass diese Möglichkeit genutzt wird. Und dass die Medien nicht nur die technische Plattform zur Verfügung stellen, sondern sie auch mit wichtiger Berichterstattung rahmen – ein journalistisches Verdienst!

Die Gefühle, wenn die NSDAP-Mitgliedschaft von Großvater entdeckt wird?

Was wir nicht verkennen sollten: Es sind Abgründe, die sich unvermittelt für jede und jeden von uns auftun können, wenn wir einen Namen in die Suchmaske eingeben und das System wenige Sekunden später das Ergebnis präsentiert. Zu erfahren, dass der Lieblings-Opa 1932 in die Partei eingetreten war, als es nur überzeugte Anhänger Hitlers dorthin trieb, kann sehr schmerzhaft sein. War der Mensch, den ich erinnere, nur ein Trugbild? Diese Frage kann tief verunsichern. Zugleich kann ein negatives Suchergebnis dazu verleiten, die Vorfahren von menschenfeindlicher Gesinnung freizusprechen und dabei zu verkennen, wie die Nachwirkungen jener Zeit die Familie eben doch vergiftet haben und uns heute noch beeinträchtigen.

Welche Bedeutung also kann eine online verfügbare Mitgliederkartei für uns heute, mehr als 80 Jahre später noch haben? Und wie finden wir einen für uns guten Umgang damit?

Reflexionsfragen zur Suche in der eigenen Familiengeschichte

Zum Einstieg habe ich ein paar Fragen an dich. Die du mir übrigens gerne auch per Mail beantworten kannst, wenn du dazu in persönlichen Kontakt kommen möchtest:

Hast du schon nachgeschaut, ob jemand aus eurer Familie NSDAP-Mitglied war?

Wie fühlte sich das an: ganz normal und natürlich? Oder eher so, als würdest du die Tür eines Raums öffnen, der dir bisher strikt verboten war?

Welches Gefühl war da, als das Ergebnis auf dem Bildschirm auftauchte?

Bestätigung, Erleichterung, Ernüchterung oder Entsetzen – vier typische Reaktionen

„Ich war mir immer sicher, dass er einer von den Guten war.“ – Bestätigung bei einem negativen Ergebnis.

„Puh, kein Treffer, noch mal davongekommen.“ – Erleichterung.

„Wusste ich’s doch, da war immer diese Ahnung, bei dieser Atmosphäre, die von ihr ausging!“ – Ernüchterung.

„Oh nein, das kann doch nicht wahr sein!“ – Entsetzen.

Schon diese Emotionen während der Suche erzählen viel über den Umgang der Familie mit dieser dunkelsten Zeit deutscher Geschichte. Dazu gleich noch mehr.

Warum die NSDAP-Mitgliederkartei jetzt so leicht zugänglich ist

Vom Bundesarchiv mit Schutzfristen zur offenen US-Datenbank

Zunächst möchte ich einordnen, was diese Situation, die seit der Veröffentlichung der Daten entstanden ist, so besonders macht. Sie könnte eigentlich verwundern, denn die Daten waren ja alle längst verfügbar, nämlich über das Bundesarchiv. Wer es wissen wollte, konnte erfahren, ob Vorfahren Parteimitglieder waren.

Es war allerdings ein etwas größerer Schritt: Da das Bundesarchiv an deutsches Archivrecht gebunden ist, können Anfragen nur einzeln beantwortet werden. Außerdem gelten Schutzfristen: Man kommt erst 100 Jahre nach der Geburt eines Menschen oder 10 Jahre nach seinem Tod an die Unterlagen heran. Familienangehörige konnten und können ein „berechtigtes Interesse“ geltend machen und Akten früher einsehen. Das müssen sie beantragen. Insgesamt etwas aufwendiger, ein Verfahren, das die Hürde stärker spürbar macht: Will ich wirklich wissen, was ich da erfahren könnte? Ach, jetzt nicht, vielleicht später. So haben wohl viele reagiert.

Das amerikanische Recht kennt diese Einschränkungen des deutschen Archivrechts nicht, und so konnte die National Archives and Records Administration die Daten, die einst von der US Army in München sichergestellt worden waren, ins Netz stellen. Wenn wir jetzt über die Eingabemasken von „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ auf die Suche gehen, greifen wir auf eine amerikanische Datenbank zu. Es braucht keinen Antrag mehr, keine Wartezeit, niedriger kann die Hürde nicht sein. Wir müssen uns nurmehr einen kleinen Ruck geben, und schon ist das Ergebnis da.

Meine Frage an dich: Wie geht’s dir gerade, wenn du an diese Möglichkeit denkst? Welche Körperempfindung meldet sich? Auch das ist ein wichtiger Teil der Erforschung, um die Macht der Familien- und der deutschen Geschichte auf unser ganz persönliches Empfinden zu verstehen.

Und was erzählt es uns über die Menschen, wenn wir sie in der Kartei gefunden haben? Ja, wir blicken in Abgründe.

Was bedeutete eine NSDAP-Mitgliedschaft wirklich?

  • Wer Mitglied der NSDAP war, unterstützte dadurch eine Partei, die eine zutiefst menschenfeindliche Gesinnung vertrat, die größte denkbare Staatsverbrechen plante und in die Tat umsetzte: den Holocaust und einen Vernichtungskrieg.
  • Manche traten früh ein, etwa noch vor der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 und bekannten sich damit zu einem Programm, dessen Radikalität und Gewaltbereitschaft bereits erkennbar war; andere kamen später hinzu, als die Partei längst an der Macht war und eine Mitgliedschaft Vorteile, die Nicht-Mitgliedschaft Nachteile haben konnte.
  • Die Beweggründe konnten unterschiedlich sein: echte ideologische Überzeugung, Opportunismus oder der Wunsch nach sozialem Aufstieg, Anpassung an den politischen Druck oder auch der Wunsch, „einfach dazuzugehören“.
  • Ebenso wichtig ist die Frage nach der konkreten Beteiligung: Blieb es bei einer formalen Mitgliedschaft oder war sie verbunden mit Funktionen, Mitwirkung oder aktiver Unterstützung des Regimes? Viele Mitglieder bewegten sich in einem Spannungsfeld aus persönlichem Vorteil, Anpassung und ideologischer Nähe – die Grenzen zwischen Überzeugung, Mitläufertum und bewusster Beteiligung waren dabei fließend.

Kein rechtlicher Zwang, aber sozialer Druck

Was die Forschung gut abgesichert hat: Es gab keinen allgemeinen rechtlichen Zwang zum Eintritt. Ja, es gab nachdrückliche Empfehlungen dazu, auch erheblichen sozialen Druck, aber keinen Zwang. Es sind auch keine Fälle bekannt, bei denen die Weigerung zu strafrechtlichen Konsequenzen geführt hätte. Zu beruflichen Nachteilen wohl schon, aber eben nicht zu Verhaftungen oder gar zu einer Haft im Konzentrationslager.

Der Eintritt in die NSDAP war also ein bewusster Schritt und ein Bekenntnis: zum nationalsozialistischen Staat, zu seinen Grundlagen, zu seiner Gesinnung. Und wenn wir das nun über einen Menschen erfahren, dem wir uns verbunden fühlen, kann das ein Schock sein. Weil diese Fakten erst einmal so gar nicht zu dem Gefühl und unserer Erinnerung passen wollen. Es entsteht eine Verunsicherung: Was ist „wahr“ an diesem Menschen, den ich zu kennen glaubte? Erinnerungen können sich plötzlich fremd anfühlen, Vertrauen wird brüchig, und einfache Einordnungen greifen nicht mehr. Häufig treten widersprüchliche Gefühle nebeneinander auf – Nähe und Distanz, Zuneigung und Irritation, manchmal auch Scham oder Abwehr. Diese Spannung auszuhalten, ist für viele der schwierigste Teil der Auseinandersetzung.

Wenn der geliebte Mensch plötzlich fremd wirkt

Es kann aber auch die Bestätigung einer lang gehegten Vermutung sein. Weil uns schon die Sprüche am Kaffeetisch, erst recht nach zwei Weinbrand, an dunkle Zeiten erinnerten: „Damals war ja nicht alles schlecht.“ Oder: „Unterm Führer hätte es das nicht gegeben.“ Oder: „Die haben wenigstens für Ordnung gesorgt.“

Warum wir nicht gefragt haben: das Familientabu

Warum haben wir damals, als uns ein unangenehmer Zweifel an der Integrität dieser Verwandten befiel, nicht gefragt? Weil es ein Tabu war. Und weil es ein Risiko bedeutet hätte: familiäre Beziehungen zu gefährden; Konflikte auszulösen, die außer Kontrolle geraten; Loyalitäten infrage zu stellen und als „Nestbeschmutzer“ diskreditiert zu werden. Vielleicht auch die Angst vor dem, was wir hätten hören müssen – vor einer Wahrheit, die das eigene Bild unwiderruflich verändert. Und nicht zuletzt die Erfahrung, dass solche Fragen oft aggressiv abgewehrt, verharmlost oder ins Lächerliche gezogen wurden.

„Wir haben gefragt und wurden belogen“: wenn Vertrauen bricht

Oder wir haben gefragt – und wurden belogen. Schockierend, das jetzt anhand des Ergebnisses einer Online-Abfrage vorgeführt zu bekommen. Ja, das ist schlimm. Wem immer das gerade widerfahren ist, möchte ich mein Mitgefühl aussprechen. Denn dieser massive Verstoß gegen die Integrität und Glaubwürdigkeit kann uns tief verunsichern. Auf einmal steht vieles in Zweifel, was vorher sicher schien: Erinnerungen, Gespräche, gemeinsame Deutungen der Vergangenheit. Es kann sich anfühlen, als käme der Boden unter der eigenen Familie ins Wanken. Vertrauen bekommt Risse, und die Frage stellt sich neu, worauf wir uns in diesen Beziehungen eigentlich gestützt haben.

Die Mauer des Schweigens: Wie NS-Familiengeschichte verdrängt wurde

Hier begegnen wir ihr aufs Neue: der Mauer des Schweigens, die in Millionen Familien um die Zeit zwischen 1933 und ’45 aufgerichtet wurde.

Das Schweigen diente zumeist dem Schutz der Täter. Wer in das System verstrickt gewesen war, hatte großes Interesse daran, dass diese Vergangenheit nie zur Sprache kam. Familien deckten sich gegenseitig, weil die Aufdeckung eines Einzelnen oft das ganze Gefüge bedroht hätte: den Ruf, die berufliche Existenz, mitunter auch die juristische Sicherheit in den ersten Nachkriegsjahren, als die Entnazifizierung noch reale Konsequenzen haben konnte. Die sogenannten Persilscheine, mit denen sich Nachbarn und Kollegen gegenseitig reinwuschen, waren Ausdruck eines stillschweigenden Bündnisses: Ich schweige über dich, du schweigst über mich. Das reichte bis weit in die Gesellschaft hinein – in Behörden, Universitäten, Kirchen, Betriebe, die ihre eigene Verstrickung ebenso wenig aufarbeiten wollten wie die Familien. Und so wurde aus individueller Deckung eine kollektive, sich selbst stabilisierende Struktur: Je mehr Menschen etwas zu verbergen hatten, desto stabiler wurde das gemeinsame Interesse, nicht nachzufragen. Kinder und Enkel wuchsen in dieses Schweigen hinein. Sie spürten die unsichtbare Grenze, an der Fragen ins Leere liefen oder Aggression auslösten.

Was in Familien verschwiegen wird, verschwindet nicht, es verändert nur seine Form. Ein Geheimnis bleibt trotzdem im Raum: als Spannung, die Kinder spüren, ohne sie benennen zu können, als diffuses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Kinder sind gute Seismografen für solche Spannungen, auch wenn ihnen die Worte fehlen für das, was sie da wahrnehmen. Sie füllen die Lücke mit eigenen Erklärungen, oft mit Schuldgefühlen, manchmal mit der Überzeugung, irgendwie falsch zu sein.

Entlastung durch Erkenntnis: „Endlich verstehe ich…“

Der Blitzschlag der Erkenntnis, den ein positiver Befund in der NSDAP-Datenbank womöglich auslöst, kann also – bei aller Dramatik, die darin steckt – auch eine Entlastung sein: „Endlich verstehe ich, was hier all die Jahre los war!“

Wir befreien uns damit aus der erzwungenen Loyalität jener, die schwiegen, aus der Komplizenschaft, in die sie uns geholt hatten, ohne dass wir es wussten. Sie waren fein raus, die Folgen ihres Schweigens trugen wir. Abgewehrte Schuld erledigt sich ja nicht, sie sucht sich ihren Weg in die nachfolgenden Generationen und richtet dort Schaden an.

Soweit zu den Treffern in der Datenbank.

Kein Treffer in der NSDAP-Kartei – bedeutet das Entwarnung?

Und was bedeutet es, wenn die Suche zu keinem Ergebnis führt, wenn wir weder Großvater noch Großmutter, Vater oder Mutter, weitere Verwandte aus dem Familiensystem dort finden? Ist dann alles okay?

Kann man so nicht sagen. Zum einen gibt es eine Lücke in der Kartei, weil die Parteioberen zum Ende des Krieges versuchten, die Unterlagen zu vernichten. Das gelang ihnen nur zum kleinen Teil, aber dieser Teil fehlt eben. Expert:innen schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Daten erhalten sind.

Aber nehmen wir an, die Verwandten waren tatsächlich nicht in der Partei – können wir uns dann erleichtert zurücklehnen und unsere Angehörigen aufseiten der Guten wähnen? Nein, jedenfalls nicht einfach so. Und hier wird es ein bisschen komplexer:

Die Wehrmacht und die Grenzen der Mitgliederkartei

Soldaten der Wehrmacht etwa waren bis 1944 in der Regel nicht Mitglieder der NSDAP. Das Wehrgesetz legte fest, dass Soldaten weder wählen noch politisch aktiv sein durften. Das änderte sich radikal nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Im Zuge der anschließenden „Nazifizierung“ der Wehrmacht sollten auch Soldaten der Partei beitreten.

Aber sie waren ja ohnehin Teil einer weithin verbrecherischen Organisation, die einen Vernichtungskrieg führte. Wie wir spätestens seit der Wehrmachtsausstellung wissen, war sie an Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Millionen von Opfern beteiligt. Für mich persönlich war es ein Schock zu begreifen, dass auch mein Vater an einem beteiligt war: der Belagerung von Leningrad, bei der mehr als eine Million Einwohner der Stadt verhungerten. Informationen hierüber gibt es aber nicht in der NSDAP-Mitgliederkartei, sondern in den umfangreichen Aktenbeständen des Bundesarchivs.

Ich merke es gerade wieder: der Kontakt mit diesen Geschichten ist schwer. Ich kann jede und jeden verstehen, der sich nicht damit befassen möchte. Es ist nur leider so: wenn wir etwas zu verdrängen versuchen, was unsere Vorfahren erlebt und uns übertragen haben, dann wirkt es trotzdem. Aus dieser Erkenntnis habe ich den Schluss gezogen, die Geschichten lieber anzuschauen, um einen für mich guten Umgang damit zu finden.

Mein Großvater und die Geschichte, die nicht in der Kartei steht

Und damit zu meinem Großvater. Nein, er war nicht in der Partei, was ich schon vor einigen Jahren recherchiert habe. Er bekam auch schon im Juli 1945 von der britischen Militärregierung in Hamburg seine Zulassung als Rechtsanwalt zurück, war also offenbar nicht in das NS-Regime verstrickt. Aber er sorgte im selben Jahr dafür, dass das uneheliche Kind seiner jüngsten, noch nicht volljährigen Tochter – meiner Tante – drei Jahre in einem Kinderheim verschwand. Weil er die Schande, die das seiner Auffassung nach für ihn bedeutet hätte, abwehren wollte. Das entsprach dem Geist jener Zeit. Man brauchte kein Parteiabzeichen, um hartherzig, ja unmenschlich zu handeln.

Geschichten wie diese kenne ich leider viele. Sie machen mich immer wieder fassungslos, treiben mir die Tränen der Trauer oder der Wut in die Augen und lassen mich tiefes Mitgefühl empfinden für die Opfer dieser Gesinnung, dieser emotionalen Kälte, dieser Hartherzigkeit.

Gefühlserbe: Was die NS-Zeit bis heute in unseren Familien auslöst

Ja, selbst wenn es keine aktenkundigen Mitgliedschaften, Vergehen, Verbrechen oder sonstige negativen Daten über unsere Vorfahren gibt, ist diese Zeit zwischen 1933 und 1945 für unsere Familien von großer, wenn nicht entscheidender Bedeutung – um unser Leben heute besser zu verstehen! Es war die Zeit, in der Mütter und Kinderschwestern Säuglinge und kleine Kinder nach den Anweisungen von Johanna Haarer aus deren Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ emotional misshandelten. In jener Zeit wurden, je nach Generationenfolge, unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern geprägt! In dieser „Zeitheimat“, wie der Schriftsteller W.G. Sebald sie nennt, wurden jene Gefühlserbschaften angelegt, deren Widerschein wir heute noch in unserem Familiensystem erleben, oft auch in uns selbst.

Welche Gefühlserbschaften wir bei genauerem Hinschauen finden

Welche Gefühlserbschaften also finden wir, wenn wir genauer hinschauen? Eine Angst, die sich gar nicht an ein konkretes Ereignis knüpfen lässt, sondern als diffuses Grundgefühl wirkt: die Welt als unsicheren Ort zu erleben, in der Wachsamkeit überlebensnotwendig scheint.

Die Gewohnheit, sich Autoritäten zu fügen, Anweisungen nicht zu hinterfragen, eigene Zweifel klein zu halten – eingeübt in einer Zeit, in der Gehorsam über Leben und Tod entscheiden konnte.

Emotionale Kälte als Schutzpanzer, jene Hartherzigkeit, von der ich eben erzählt habe, die sich über Generationen fortpflanzt, weil Nähe und Verletzlichkeit als Schwäche missdeutet werden.

Ein tiefes Misstrauen, schwer zu verorten, weil es selten mit benennbaren Ursachen verknüpft wird.

Die unverarbeitete Trauer der Kriegs- und Nachkriegsgeneration aus einer Zeit, die keinen Raum für Trauer ließ.

Schuld, Verantwortung und die Frage „Was hätte ich getan?“

Es ist der Nachklang einer Zeit, die jede und jeden auf die Probe stellte. Sie wurde oft nicht bestanden. Wie sagte der Philosoph Karl Jaspers direkt nach dem Ende des NS-Regimes: „Jeder von uns hat Schuld, sofern er untätig blieb.“ Er bezog sich dabei ausdrücklich selbst mit ein.

An diesem Punkt kommt heute nicht selten der Satz: „Wir wissen ja gar nicht, wie wir uns damals verhalten hätten.“ Der Historiker Norbert Frei antwortet darauf so: „In der Tat, das können wir nicht wissen, doch heißt das ja nicht, dass wir nicht wüssten, wie wir uns hätten verhalten sollen“. Ein Satz von Jan Philipp Reemtsma, Mastermind hinter der Wehrmachtsausstellung, ist mir präsent und eine Leitlinie: „Den Helden bewundern wir, aber wir verlangen von niemandem, ein Held zu sein. Umgekehrt verlangen wir von jedem, dass er kein Verbrecher werde.“

Liebevolle Oma, NSDAP-Mitglied: Wie wir mit Widersprüchen umgehen

Nun ist wirklich niemand, der in der NSDAP-Mitgliedskartei auftaucht, schon deswegen ein Verbrecher. Was also zeigt sich da? Es ist wahrlich nichts Positives, wie wir gesehen haben. Und was bedeutet es für uns, wenn wir eine Frau, die in dieser Partei war, später als liebevolle und unterstützende Oma erlebt haben, sie uns als Kind Wärme und Geborgenheit gespendet hat? Was war denn nun ihre wahre Persönlichkeit – die menschenfeindliche der NS-Zeit oder die liebevolle der späten Jahre?

Psychologische Spaltung: Warum wir Menschen in Gut und Böse teilen

Beides. Das ist schwer zusammenzubringen. Wir neigen dann zu dem, was die Psychologie „Spaltung“ nennt: Wir teilen einen Menschen in zwei getrennte Bilder, ein gutes und ein schlechtes, weil wir die Spannung zwischen beiden nicht aushalten. Die liebevolle Oma und die NSDAP-Genossin werden zu zwei verschiedenen Personen, obwohl sie ein und derselbe Mensch waren. Das entlastet uns kurzfristig, weil wir uns für eine der Personen entscheiden können. Es verhindert aber die eigentliche Erkenntnis: dass Menschen fähig sind, beides in sich zu tragen: Zärtlichkeit und Verstrickung, Wärme im Privaten und Gewalt im Außen. Diese Widersprüchlichkeit auszuhalten, ist schwer, aber notwendig, wenn wir unseren Vorfahren als ganzen Menschen begegnen wollen. Nicht als Ideal und nicht als Monster, sondern als Menschen in einer Zeit, die ihnen Entscheidungen abverlangte, für die sie Verantwortung tragen.

Beide Seiten aushalten – der Weg zu echter Erkenntnis

Es ist gesünder und vor allem zukunftweisender für uns selbst und für unsere Familien, wenn wir die Spannung, die zwischen beiden Polen entsteht, halten, ja, auch aushalten können. Denn sonst bricht womöglich in einer Ausnahmesituation das, was wir ebenfalls in uns tragen, aus uns hervor – genau dieses negative Gefühlserbe. Wir alle haben auch eine destruktive Seite und gerade diktatorische Regime bringen sie hervor, ja sie setzen darauf.

Demagogen und Machthaber wissen genau, wie sie diese Seite ansprechen können: mit dem Versprechen von Zugehörigkeit, mit einem Feind, auf den sich Aggression richten darf, mit der Erlaubnis, Grausamkeit als Stärke zu deuten. Was in guten Zeiten gezügelt bleibt, findet plötzlich Rahmen und Rechtfertigung. Genau deshalb ist der Blick auf unsere Vorfahren nie nur ein Blick zurück. Er zeigt uns auch, wozu Menschen fähig sind, wenn die äußeren Bedingungen es zulassen. Und damit auch, wozu wir selbst grundsätzlich fähig wären.

Fazit: Was die Beschäftigung mit der NSDAP-Kartei uns heute ermöglicht

Öffnet uns die Auseinandersetzung mit einer möglichen NSDAP-Mitgliedschaft des Großvaters oder anderer Vorfahren dieses Bewusstsein – dass Menschlichkeit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, für das wir uns immer wieder neu entscheiden müssen –, dann hat sie einen Wert, der weit über die Familienrecherche hinausgeht. Er hält uns wach und klar! Und das ist am Ende das, was wir unseren Kindern und Enkeln weitergeben können: kein sauber sortiertes Familienbild, sondern die Fähigkeit, mit den Brüchen unserer Familie – unserem Gefühlserbe – in Klarheit und Wahrhaftigkeit umzugehen.

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