Selbsterforschung. Seelische Gesundheit. Wellbeing.

„Wie gut darf es mir eigentlich gehen?“ – Wohlbefinden trotz Gefühlserbe

„Dir geht’s wohl zu gut!“

Kennst du diesen Satz? Wenn ich ihn in Workshops oder Vorträgen zitiere, gibt es immer ein erkennendes Nicken. Viele Boomer sind mit diesem Satz aufgewachsen.

Ich finde, der Satz wirft eine interessante Frage auf. Kann es einem „zu gut“ gehen? Und was würde das bedeuten? Dass uns zu viele Glückshormone durch den Körper strömen, wir zu fröhlich gucken, unser Gesicht zu sehr strahlt? Das macht eigentlich keinen Sinn. Was sollte daran falsch sein? Es ist wohl eher so: andere fühlen sich von unserem Wohlbefinden, unserer Freude, unserem Glück provoziert. Sie finden es eine Zumutung, dass es uns so gut geht, ihnen aber nicht. Etwa so: „Deine gute Laune kotzt mich an. Und deswegen soll es dir genauso mies gehen wie mir.“

Das Dumme daran ist: Diese frühen Erfahrungen haben sich vielen von uns tief eingeprägt. Deswegen haben wir leider dieses Programm in uns, dass uns vor allzu großer Freude, vor überschießendem Glück warnt. „Halt, hier wird’s gefährlich!“ meldet unser Unbewusstes und sorgt ganz schnell für einen Dämpfer.

Können wir das ändern? Ja, das können wir. Auf dem Weg dorthin gibt es ein paar Hindernisse, womöglich Blockaden oder gar Traumata wegzuräumen. Aber das Ziel tiefen Wohlbefindens, die Sehnsucht danach, kann ich nur uneingeschränkt befürworten.

Was ist Wohlbefinden? Zwei psychologische Ansätze

Aber was ist das eigentlich – Wohlbefinden?

Die psychologische Forschung unterscheidet zwei große Ansätze. Der sogenannte hedonistische Ansatz definiert Wohlbefinden als das Empfinden von Glück, hoher Lebenszufriedenheit und der weitgehenden Abwesenheit von negativen Stimmungen. Der andere, der sogenannte eudämonische Ansatz stellt die Bedeutung eines gelingenden Lebens und den Ausdruck menschlicher Stärken in den Mittelpunkt. Danach erleben Menschen ein hohes Wohlbefinden, wenn sie in ihrem Leben autonom handeln können, Anforderungen ihres Umfelds meistern, persönliches Wachstum erleben, positive Beziehungen mit anderen pflegen, einen Sinn im Leben erkennen und sich selbst akzeptieren.

Für die Antwort auf unsere Ausgangsfrage finde ich beide Ansätze gleich wichtig. Denn natürlich wirkt das eine auf das andere: Wir empfinden Glück, wenn wir positive Beziehungen, vielleicht sogar Liebe erleben; es macht uns zufrieden, wenn wir Aufgaben meistern und einen Sinn in unserem Tun sehen. Und wenn all das nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, bleiben wir weitgehend von negativen Gefühlen verschont.

Die Wirkung von Freude und Glück auf unser Leben

Freude und Glück haben eine enorme Wirkung auf Menschen. Wir fühlen uns lebendig, sind tatkräftig, haben Spaß am Leben. Lebensfreude ist eng verwandt mit Selbstbewusstsein, Vitalität, Optimismus und Kreativität. Freude verändert die Art, wie wir Dinge wahrnehmen, sie macht uns toleranter, geduldiger und großzügiger.

Andersherum geht es freilich auch. Sind wir schlecht drauf, womöglich sogar depressiv, fällt alles schwerer, quälen wir uns durch die Tage, erleben viel Streit und Ärger, fühlen uns minderwertig und ausgeliefert, haben Mühe, mit anderen in einem guten Kontakt zu sein.

Wir können also festhalten: Freude, Glück und Wohlbefinden zu erleben, ist eigentlich vernünftig. Warum ist es dann aber für viele von uns so schwierig, dieses schöne Lebensgefühl zu etablieren? Auch dafür gibt es gute Gründe.

Warum Freude schwerfällt: Evolution und Negativitäts-Bias

Da ist zum einen die Evolution. Es hat sich für die Spezies Mensch als vorteilhaft erwiesen, sich auf das Schwierige, Negative und potenziell Bedrohliche zu konzentrieren. Wer Probleme sieht, kann sie lösen und damit Fortschritt ermöglichen. Wer wachsam ist, kann schnell auf Gefahren reagieren und damit womöglich sein Überleben sichern. Dieser Alarmzustand steht im direkten Gegensatz zur Freude, gerade auch im Körper: Der Alarm aktiviert den Sympathikus in uns, der uns für Kampf oder Flucht bereitmacht, und das blockiert wiederum den Parasympathikus, der uns entspannen ließe. Und weil wir dazu neigen, in unserem Verhalten einen Sinn erkennen zu wollen, wird aus dem körperlichen und emotionalen Erleben ein Programm, eine Überzeugung – so gehört sich das. Das sagen wir uns dann.

Die „vernünftigen“ Gründe, die gegen Freude sprechen

Und so gibt es tatsächlich eine Reihe, sagen wir: vernünftiger Gründe, die Freude und das Glück im Zaum zu halten.

Die Angst vor Enttäuschung: Wenn man sich zu früh über etwas freut, besteht die Gefahr, dass es nicht wie erhofft ausgeht. Der Gedanke, später enttäuscht zu werden, wenn wir uns voller Freude an eine Herausforderung gemacht haben, kann ja schmerzhaft sein. Also versuchen wir, diese Enttäuschung abzumildern, indem wir vor allem die Probleme sehen.

Erfahrungen mit Rückschlägen: Viele von uns haben natürlich schon erlebt, dass Pläne oder Vorhaben scheitern, auch wenn es zunächst gut aussah. Diese Erfahrungen führen dazu, dass wir skeptisch und vorsichtig bleiben, bis der Erfolg sicher ist.

Bedürfnis nach Kontrolle: Wir glauben, es sei sicherer, unsere Emotionen zu kontrollieren und abzuwarten, bis sich eine Situation vollständig entwickelt hat. Erst dann wollen wir uns freuen, wenn tatsächlich nichts mehr schiefgehen kann. Aber erinnert ihr euch an eine Situation, in der in sämtlichen Lebensbereichen nichts mehr schiefgehen konnte? Mir fällt keine ein. Und so verstricken wir uns in ein Lebensgefühl, das Freude nur in homöopathischen Dosen zur Verfügung stellt.

Negative Erfahrungen aus der Kindheit: Weil Erwachsene eben fanden, dass es uns zu gut gehe, und sie wuchtig dafür sorgten, dass dem nicht mehr so war.

Blockierende Glaubenssätze: Wie sie Wohlbefinden verhindern

Es gibt eine Vielzahl von Glaubenssätzen, in denen sich diese vorgeblich vernünftige Haltung zum Leben ausdrückt. Sie blockieren Vorfreude, Freude und Wohlbefinden zuverlässig, indem sie uns in negativen Perspektiven und Erwartungen festhalten. Zum Beispiel sind es Sätze diese:

„Ich bin nicht gut genug.“

Diese Überzeugung führt dazu, dass wir uns ständig unzureichend fühlen und eigene Erfolge nicht anerkennen. Die Selbstzweifel machen es schwer, Freude an den eigenen Leistungen zu empfinden.

„Das Leben ist kein Ponyhof.“

Mit diesem pessimistischen Blick sehen wir immer nur Probleme, anstatt positive Momente zu erkennen und dann auch zu genießen.

„Qualität kommt von Qual.“

Glauben wir, dass Erfolg nur durch Mühsal und Opfer zu haben ist, erlauben wir uns keine Pausen und erst recht kein Vergnügen.

„Andere haben es besser.“

Diese Überzeugung sorgt für Neid und Missgunst. Wir fokussieren auf andere – vor allem in Bereichen natürlich, die wir als selbst problematisch wahrnehmen – und ignorieren, was wir selbst geschaffen haben. Das ist das Fiese an Vergleichen: Es gibt in jedem Bereich jemanden, der es besser hat.

„Wenn alles gut ist, dann…“

Wir stellen fest, dass doch noch etwas fehlt, wenn XYZ tatsächlich eingetreten ist, ZYX nämlich. Wir verpassen die Freude, weil der Moment, den wir gerade jetzt erleben, leider doch nicht ganz perfekt ist.

„Wenn es mir zu gut geht, passiert etwas Schlimmes.“

Hier hat sich die Schwierigkeit, Freude zu empfinden, geradezu in eine Angst vor dem Glück gesteigert. Statt über das Gute nachzudenken, das uns geschehen könnte, versuchen wir nur, das Schlechte zu vermeiden.

„Freu dich nicht zu früh!“

Gerne auch in der Variante „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“. Er lässt sich übrigens ins Absurde steigern: „Man soll das Leben nicht vor dem Tode loben.“ Aber dann ist es leider wirklich zu spät. Wer glaubt, dass Freude immer nur von kurzer Dauer sein kann und man jederzeit damit rechnen muss, dass etwas Schlechtes passiert, lebt in ständiger Angst vor Enttäuschungen und vermeidet zuverlässig jede positive Gefühlsregung.

„Glücklich zu sein, habe ich nicht verdient.“

Dieser tiefsitzende Glaubenssatz basiert oft auf Schuldgefühlen und auf einem niedrigen Selbstwertgefühl. Menschen, die dieser Überzeugung sind, sabotieren oft unbewusst ihre eigenen Möglichkeiten, Freude und Glück zu empfinden.

Das Gefühlserbe: Loyalität mit traumatisierten Vorfahren

Vor allem die letzten Sätze sind die Klassiker unserer Eltern und Großeltern. Sie sind damit auch: ein Gefühlserbe. Als Generationen, die den Krieg und große Not erlitten haben, waren sie geprägt von übermächtigen negativen Erfahrungen, sehr oft traumatisiert, und diese Haltung zum Leben vermittelten sie ihren Kindern und Enkeln. Die Frage, die sich uns unbewusst eingeprägt hat: „Wie kann ich ein glückliches Leben führen, wenn meine Familie so viel Leid erfahren musste?“ Die Loyalität mit den Vorfahren kann bis in die Überzeugung führen, kein Anrecht auf ein gutes Leben zu haben, auf eine Liebesbeziehung, eine eigene Familie.

Wenn ich als Kind meinem Vater zu laut oder zu fröhlich war, seiner Meinung nach unangemessen, dann kam unweigerlich dieser Satz: „Dir geht’s wohl zu gut!“ Den Subtext verstand ich natürlich: Er konnte jederzeit dafür sorgen, dass sich das ändert. Also machte ich, was brave Kinder tun: Ich senkte meinen emotionalen Ausdruck auf das Level, das für meinen Vater okay war. Was rosarot oder leuchtend bunt gewesen sein konnte, färbte sich grau. Diese Prägung aufzulösen, empfinde ich immer noch als meine Aufgabe.

Eine Workshop-Teilnehmerin erzählte, dass ihr Vater immer krass wütend wurde, wenn sie gut gelaunt nach Hause kam, vielleicht sogar ein Lied summte. Das hatte dann sehr schnell ein Ende. Sie war damit wahrlich nicht alleine, wie dieser früher beliebte Reim beweist:

„Mädchen, die pfeifen, und Hühnern, die krähn,
soll man beizeiten die Hälse umdrehn.“

Ich kann mir nicht helfen – wenn ich Sätze wie diese höre oder lese, steigt in mir die Wut hoch. Was damit früher angerichtet wurde! Wie viel Lebensfreude erstickt, wie viel Potenzial verschüttet! Es ist unfassbar!

Bettina Alberti: „Seelische Trümmer“ und aggressive Aufladung

In ihrem Buch „Seelische Trümmer“ erläutert die Psychotherapeutin Bettina Alberti, wie stark das Trauma der Eltern das Aufwachsen ihrer Kinder bestimmte. Zitat: „Sie erlebten eine aggressive Aufladung der Eltern, wenn ihre kindliche Lebendigkeit sich zeigte und eine Antwort suchte. Die Begrenzung war für viele Kinder nicht einzuordnen, sie kam impulsiv, weil sie aus der Trauma-Abwehr der Eltern entstand. Sie hatte eine Funktion für das seelische Gleichgewicht der Eltern und keinen eigentlichen Wert.“

Aus der Tiefe dieses Leids, der Traumata und ihrer Abspaltung wieder ins Freie zu kommen, ist eine Herausforderung. Die alten Geschichten ziehen uns zurück in eine Atmosphäre, die viele von uns nur zu gut kennen. In ihr haben unbeschwerte Freude und Optimismus keinen Platz, nur Pflichterfüllung und das sture Beharren darauf, dass man sich auf keinen Fall zu früh freuen dürfe. Wir sind eingezwängt in ein Korsett negativer Erwartungen, das unsere Familien geschnürt haben.

Wie ein Trauma Freude blockiert

Das liegt auch im Wesen des Traumas begründet. Es kann unser emotionales Gleichgewicht empfindlich stören. Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, neigen häufig zu intensiven negativen Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer. Diese Emotionen können uns stark bestimmen. Das Nervensystem ist in ständigem Alarmzustand.

Freude setzt ja ein gewisses Maß an Sicherheit und Wohlbefinden voraus. Traumatisierte Menschen leben aber in dem Gefühl, die Welt sei ein unsicherer Ort ist, sie vermeiden Situationen, in denen Freude leichter zugänglich wäre. Es ist schwierig, positiv zu empfinden, wenn man sich ständig bedroht oder angespannt fühlt. Und natürlich bewirken gerade im Moment die Nachrichten aus aller Welt eine starke Verunsicherung.

Viele traumatisierte Menschen erleben zudem eine Art emotionaler Taubheit. Das ist ein eigentlich sinnvoller Schutzmechanismus, der uns vor überwältigenden Gefühlen bewahrt. Er dämpft aber nicht nur negative, sondern auch positive Gefühle wie eben Freude – das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Schließlich blockieren Schuld und Scham, die Menschen nach traumatischen Erlebnissen entwickeln, positive Empfindungen. Insbesondere, wenn es um Missbrauch, Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen geht. Hieraus kann die Überzeugung erwachsen, Freude, Glück und Wohlbefinden gar nicht erst zu „verdienen“.

Wege zu guten Gefühlen: Wohlbefinden trotz Gefühlserbe

Okay, halten wir inne. Wenn es dir gerade möglich ist, schüttle dich mal, roll die Schultern, hoppse ein bisschen auf der Stelle. Wenn wir uns mit Traumata befassen, ist es wichtig, das Thema auch wieder abzuschütteln, im wahren Wortsinn.

Mit dem Körper in positive und bewusste Resonanz zu kommen: Das ist einer der Wege zurück zu guten Gefühlen – zu spüren, wo empfinde ich das eigentlich? Und wie fühlt sich das an? Der Fachbegriff dafür lautet »Interozeption«. Darunter versteht man die Fähigkeit, uns selbst, unsere Gefühle, unseren Körper, unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche, unsere Liebe zu spüren. Das kann uns sehr weitgehend versperrt sein, wenn uns in unserer frühen Prägungsphase kein sicheres und nährendes Beziehungsumfeld geboten wurde. Aktivieren lässt sich die Interozeption durch Meditation und Körperwahrnehmung. Auch körperbasierte Therapien wie Somatic Experiencing helfen dabei.

Wir können uns der Freude zudem über den Verstand nähern: indem wir hinderliche Glaubenssätze identifizieren, nach ihrem Ursprung forschen und aufspüren, wie sie unserem Wohlbefinden im Wege stehen. Wie lassen sie sich transformieren?

Und hier jetzt eine Einladung zur Reflexion: Welcher Glaubenssatz könnte dir bei Freude, Glück und Wohlbefinden im Weg stehen?

Judith Kerr: Ein Beispiel für unterstützende Eltern

Zum Abschluss noch eine Geschichte, die zeigt, wie Eltern eben auch sein können: unterstützend, liebevoll, wohlwollend, am Glück ihrer Kinder interessiert. Sie handelt von Judith Kerr, Jüdin und Tochter des in der Weimarer Zeit berühmten Theaterkritikers Alfred Kerr. 1933, als sie zehn Jahre alt war, musste die Familie erst nach Frankreich flüchten, wo sie zwei Jahre lebte, später nach London. Dort besuchte Judith Kerr die Hochschule für Kunst und Design.

In einem Interview erzählte sie: „Als ich zu meinem Vater sagte: Ich könnte doch mit meinen drei Sprachen sehr gut Geld verdienen, warum mache ich das nicht, hat er geantwortet: Weil du sonst immer etwas weniger gut von dir denken würdest.

Wir können die Aussage des Vaters so deuten: Er hat intuitiv den eudämonischen Ansatz von Wohlbefinden verstanden – Sinn und Freude im Tun zu erleben, an diesen Aufgaben zu wachsen und so ein gelingendes Leben leben zu können. Judith Kerr wurde also die Künstlerin, die sie war, illustrierte Kinderbücher und schrieb das autobiografische Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Das machte sie berühmt. Es wurde in 25 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft.

Im Interview wurde sie gefragt:

Ihr Vater hat in seinem letzten Brief an Sie geschrieben: Du musst glücklich werden! Sind Sie dieser Aufforderung nachgekommen?

Ihre Antwort: „Ich habe immer gemacht, was mein Vater mir gesagt hat.

"Wie gut darf es mir eigentlich gehen?"

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