
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Wir alle wissen, wie gut es tut, wenn wir uns mit unseren Emotionen und Bedürfnissen gesehen und wahrgenommen fühlen. Wenn wir in ein offenes Gesicht schauen, Interesse und Anteilnahme sehen, ein verstehendes Nicken, nachdem wir etwas von uns offenbart haben. Dann entsteht Verbindung mit unserem Gegenüber – und das denken wir nicht nur, wir empfinden es. Der Körper meldet uns das mit guten Gefühlen zurück.
Aber natürlich kennen wir auch das Gegenteil. Wir kommen nach einem schweren Tag nach Hause, berichten von einer demütigenden Situation auf der Arbeit – und als Reaktion kommt keine Anteilnahme, kein Verständnis, sondern: »Ach, du bist aber auch immer so empfindlich!« Oder: »Das war bestimmt nicht so gemeint.« Oder, noch unangenehmer: »Mmh, was war denn dein Anteil an der Sache?«
In der ersten Variante werden wir gesehen – in der zweiten nicht. In der ersten geschieht emotionale Validierung, in der zweiten wird sie uns verweigert. Das hat weitreichende Folgen: für unser Selbstwertgefühl, für die Qualität unserer Beziehungen, für die Art, wie wir Konflikte lösen – oder eben nicht. Validierung ist die Antwort auf unser tiefes Bedürfnis danach, wirklich gesehen zu werden. Gesehen-werden ist das Ergebnis, Validierung der Weg dorthin.
Stellen wir uns vor: Wir kommen abends nach Hause und berichten von einer wirklich unangenehmen Situation – »die Chefin hat mich vor der Abteilung bloßgestellt«. Ohne Validierung klingt die Reaktion vielleicht so: »Ach komm, so schlimm wird’s nicht gewesen sein. Das passiert jedem mal. Du musst dir wirklich ’ne dickere Haut zulegen.«
Was löst das aus? Selbstzweifel: »Bin ich zu empfindlich? Übertreibe ich?« Zweifel an der Beziehung: »Er versteht mich nicht. Warum erzähle ich das überhaupt.« Schuldgefühle: »Ich hab’s wieder mal verbockt.« Dazu das unangenehme Gefühl von Scham und Einsamkeit – und womöglich körperliche Reaktionen: Verspannungen in Schultern und Nacken, Magenschmerzen. Auf der Beziehungsebene entsteht Distanz, Kommunikation wird blockiert, der Kontakt friert ein, auch wenn man noch im selben Raum ist.
Mit emotionaler Validierung klingt dieselbe Situation völlig anders: »Oh, das tut mir leid. Das klingt ja ätzend. Erzähl mal, was genau ist passiert?« Der andere muss nicht zustimmen – aber er bestätigt, dass das Gefühl existieren darf und angemessen ist. Nach dem Bericht folgen Anteilnahme, Mitgefühl, vielleicht sogar Trost: »Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie übel du dich gefühlt hast.«
Was passiert dann? Die Person fühlt sich verstanden und bestätigt: »Ich muss mich nicht rechtfertigen. Was ich fühle, ist okay.« Der Atem vertieft sich, der Druck im Körper löst sich, vielleicht kommen ein paar Tränen. Auf der Beziehungsebene vertieft sich der Kontakt, wird die Verbindung gestärkt – und das, obwohl es noch gar nicht um Lösungen gegangen ist.
Das ist die Essenz des Validierens – und sie lässt sich in acht Qualitäten beschreiben:
Die positiven Effekte sind zahlreich: mehr emotionale Sicherheit, stärkere Beziehungen, weniger Konflikte und Missverständnisse, ein stabileres Selbstwertgefühl, bessere psychische Gesundheit und mehr Offenheit und Verbundenheit.
Eigentlich ausgesprochen plausibel, oder? Deswegen ist die Frage der Wiener Psychotherapeutin Katharina Henz, die sie in ihrem Buch „Validieren“ zum Thema stellt, so naheliegend: Wenn Validieren so hilfreich ist – warum machen wir es dann nicht einfach? Warum begegnen uns täglich non-validierende Reaktionen wie »Ist doch nicht so schlimm« oder »Anderen geht’s viel schlechter«? Die Antwort ist komplex und hat mit verschiedenen Ebenen zu tun, die ineinandergreifen. (Dieser Text hat übrigens sehr von Henz‘ Buch profitiert).
Als wichtigsten Grund nennt Katharina Henz die eigene Überforderung. Wenn jemand von seinem Schmerz erzählt, aktiviert das unseren eigenen. Wir halten das nicht gut aus – aber eben nicht das Leid des anderen, sondern unsere eigene Hilflosigkeit. So wird Non-Validierung zum Selbstschutz: »Ist doch nicht so schlimm« bedeutet eigentlich: »Bitte mach, dass es nicht so schlimm ist, weil ich sonst nicht weiß, wie ich damit umgehen soll.«
Viele glauben außerdem: »Wenn ich das Leid des anderen sehe und anerkenne, muss ich auch eine Lösung bieten.« Das kann emotional überfordern. Also greifen sie lieber zu schnellen Ratschlägen, weil sie sich dann handlungsfähig fühlen.
Ein weiterer wichtiger Grund sind gesellschaftliche Prägungen. Unsere Kultur belohnt Stärke und Durchhaltevermögen. Gefühle zeigen gilt vielen immer noch als Schwäche. Non-Validierung drängt Menschen deshalb zurück in ihre Funktion: »Hör auf zu fühlen und mach einfach weiter.«
Hinzu kommt: Wir leben in einer beschleunigten Welt. Validieren braucht Zeit – Zeit zum Zuhören, zum Nachfragen, zum Verstehen. Non-Validierung ist viel schneller: ein Ratschlag, eine Lösung, zack, weiter geht’s. Ein Satz, der mit »Du musst einfach …« beginnt, ist die Abkürzung, die unsere Effizienzkultur belohnt. Das Problem ist nur: Beziehungsarbeit lässt sich nicht beschleunigen.
Es gibt ein häufig anzutreffendes Hindernis: Menschen glauben, durch Validierung ihre eigene Position aufgeben zu müssen. »Wenn ich sage ›Ich verstehe dich‹, stimme ich dir zu – und das will ich nicht.« Aber das ist eines der großen Missverständnisse. Nur weil ich jemanden in seinen Wahrnehmungen sehe, heißt das noch lange nicht, dass ich mit ihm oder ihr übereinstimme.
In hierarchischen Systemen kann Validierung als Gefahr empfunden werden. Ein Chef, der die Überforderung seiner Mitarbeitenden anerkennt, müsste ja eigentlich die Arbeitsbedingungen ändern. Eine Behörde, die Verzweiflung von Bürger:innen ernst nimmt, müsste ihre Prozesse hinterfragen. Hier wird Non-Validierung zum Machtinstrument: Sie hält Menschen klein, verhindert Beschwerden, stabilisiert bestehende Strukturen.
In vielen helfenden und heilenden Berufen gilt die sogenannte »professionelle Distanz« als Ideal, und Validierung wird missverstanden als Überschreitung dieser Grenze. So gibt es tatsächlich eine Untersuchung, die belegt, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patient:innen, die ein Symptom schildern, im Durchschnitt nach 11 Sekunden das erste Mal unterbrechen. Hier verbinden sich Überforderung, mangelndes Mitgefühl und falsch verstandene Effizienz zu einer geradezu toxischen Mischung.
Schließlich haben viele Menschen Angst vor einer Art Dominoeffekt. Sie befürchten: Wenn ich validiere, öffne ich beim anderen die Schleusen – dann kommt alles hoch und hört nicht wieder auf. Die Abwehr wird zur Selbstverteidigung gegen eine vermeintliche emotionale Überschwemmung. Ein wichtiges Missverständnis, denn das Gegenteil ist der Fall: Menschen, die sich gesehen fühlen, beruhigen sich viel schneller. Das abgewehrte Gefühl ist es, das eskaliert und wiederkehrt.
Natürlich spielen gerade bei diesem Thema transgenerationale Muster eine wichtige Rolle. Viele Kriegs- und Nachkriegskinder sind in ihren Überlebensstrategien stecken geblieben. Wer überleben wollte, durfte nicht fühlen, sondern musste funktionieren. »Bei uns wird nicht gejammert« ist der Ausdruck dieser Haltung – und sie wurde weitergegeben als Teil einer Gefühlserbschaft, die sich bis heute in unseren Beziehungen zeigt.
Zudem wurde Kindern lange das Recht auf eine eigene Wahrnehmung abgesprochen. Die Botschaft: »Du hast keine Ahnung. Wir Erwachsenen wissen besser, was du fühlst.« Und wer selbst nie gesehen wurde, der kann auch andere nur schwer sehen. Viele Menschen haben dafür keine Vorbilder erlebt, keine Sprache dafür entwickelt. Das ist kein Charakterfehler, sondern ein Bildungsdefizit – und es ist heilbar. Was hinter dieser emotionalen Erbschaft steckt und wie sie über Generationen weitergegeben wird, erkläre ich ausführlich in meinem Grundlagentext: »Was ist ein Gefühlserbe?«
Es gibt fünf Reaktionsmuster, die wir im Umgang mit den Gefühlen anderer grundsätzlich vermeiden sollten:
Was wir uns stattdessen wünschen – und was emotionale Validierung uns gibt: gesehen und mit unserem Erleben wahrgenommen zu werden, verstanden zu werden, Zugehörigkeit zu erleben, den eigenen Selbstwert bestätigt zu fühlen und emotionale Sicherheit zu empfinden.
Eine entscheidende Qualität, die sich im Validieren ausdrückt, ist Mitgefühl. Luise Reddemann, eine der bedeutendsten deutschen Traumatherapeutinnen, versteht darunter die Fähigkeit, sich in das Leiden eines Menschen einzufühlen – verbunden mit der Haltung, diesem Leiden respektvoll zu begegnen. Es geht also nicht nur darum zu spüren, wie es dem anderen geht, sondern dieses Erleben auch anzunehmen, ohne es kleinzureden oder zu bewerten.
Ein wichtiger Aspekt dabei ist das Selbstmitgefühl. Luise Reddemann betont, wie wesentlich es ist, zuerst das eigene Leiden ernst zu nehmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, statt innerlich hart oder abwertend zu reagieren. Wer sich selbst sagen kann: »So, wie ich fühle, ist es nachvollziehbar«, legt damit die Basis für innere Stabilisierung und Heilung.
Und hier knüpft das Validieren an: Wenn ich sage »Es macht Sinn, dass du dich so fühlst«, gebe ich dem Gefühl einen legitimen Platz. Genau diese Haltung drückt Mitgefühl praktisch aus – das Leid wird gesehen, ernst genommen und bekommt Würde. Das Selbstmitgefühl ist so etwas wie der innere Boden, auf dem Validierung wachsen kann. Je freundlicher ich mit mir selbst umgehe, desto leichter fällt es mir, auch anderen mit einer mitfühlenden Haltung zu begegnen.
Ratschläge kommen aus dem Kopf, Validierung kommt aus dem Herzen. Wenn jemand leidet, braucht er nicht als Erstes eine Lösung, sondern die Gewissheit: »Ich bin nicht allein.« Ein Rat sagt: »Dein Problem ist lösbar« – aber er überspringt das Wesentliche: die Anerkennung des Erlebens. Außerdem suggerieren Ratschläge oft »Du hättest das besser machen müssen« und verstärken das Gefühl von Unzulänglichkeit.
»Ich kann dich so gut verstehen« hingegen beruhigt das Nervensystem, senkt den Stresspegel und schafft den inneren Raum, in dem Lösungen überhaupt denkbar werden. Katharina Henz formuliert es treffend:
»Wir als Menschen wachsen am meisten, wenn wir uns verstanden fühlen – nicht, wenn wir überzeugt wurden.« – Katharina Henz
Es geschieht etwas Paradoxes: Die Gefühle beruhigen sich schneller. Wenn wir versuchen, negative Gefühle sofort zu lindern – »Komm, denk an was Schönes« –, vermitteln wir: »Dein Gefühl stört, es soll weg.« Das verstärkt die innere Not, denn nun kommen zur ursprünglichen Emotion noch Scham und Isolation hinzu.
Gefühle, die stattdessen gesehen werden, müssen nicht mehr um Aufmerksamkeit kämpfen. Sie können sich zeigen, durchlebt werden, sich verwandeln – und dann auch wieder verschwinden.
Konflikte eskalieren, wenn Menschen sich nicht gehört fühlen. Wer das Gefühl hat, sein Erleben werde nicht ernst genommen, verlässt die Sachebene und kämpft nur noch darum, gesehen zu werden. Emotionale Validierung durchbricht diese Spirale: »Ich sehe dein Erleben. Ich verstehe, dass das für dich Bedeutung hat.« Das ist kein Konsens – aber es stellt Verbindung her. Auf dieser Basis lassen sich Lösungen entwickeln.
Diese Haltung verwandelt ein »Du gegen mich« in ein »Wir beide schauen auf das Problem«. Das ist der Unterschied zwischen Gegeneinander und Miteinander, zwischen Eskalation und Lösung, zwischen Polarisierung und Dialog. Wie sehr ist diese Erkenntnis auch für unsere gesellschaftlichen Debatten um die überlebenswichtigen Zukunftsthemen nötig.
Meine Einladung an dich: Spür doch mal nach, wann du deinem Partner, deiner Partnerin, einem Kind, einer Freundin diese Haltung verweigert hast. Nicht böswillig, sondern aus Überforderung oder Gedankenlosigkeit. Katharina Henz bringt es auf einen schönen Satz: Validieren sei einfach, aber nicht leicht – zumal, wenn wir keine guten Vorbilder hatten. Dann braucht es, so die Therapeutin, »eine grundlegende Änderung in der Einstellung und ein ständiges Überprüfen der neuen Haltung«.
Ist Validieren angesichts der zahlreichen Vorteile nun eine Art Allheilmittel für unseren Alltag? Nein, natürlich nicht. Es gibt Grenzen – und es gehört zu einer reifen Haltung, sie zu kennen:
Validierung erinnert uns daran, was im Kern aller guten Beziehungen steht: die Bereitschaft, den anderen wirklich zu sehen – uns selbst aber nicht aus dem Blick zu verlieren. In einer Welt, die immer schneller, lauter und polarisierter wird, ist diese Haltung vielleicht das wirksamste Mittel, um in Verbindung zu bleiben. Auch über Grenzen hinweg.
Dass uns das Validieren oft so schwerfällt, liegt nicht an mangelndem gutem Willen. Es liegt häufig an dem, was wir von unseren Vorfahren mitbekommen haben – an einer emotionalen Erbschaft, die uns das Fühlen erschwert und das Sehen des anderen verhindert. Was es mit dieser Gefühlserbschaft auf sich hat, wie sie entsteht und wie wir sie auflösen können, erkläre ich ausführlich in meinem Grundlagentext über das Gefühlserbe in uns.

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