
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Was ist normal? Ist es normal, auf einen Empfang des Arbeitgebers zu kommen, eine Stunde am Rand rumzustehen, um danach grußlos wieder zu verschwinden? In einem Bewerbungsgespräch die ganz große Show abzuliefern? Die Einladung für den 80. Geburtstag der Mutter zehnmal zu korrigieren, um dann eine ganz neue zu schreiben? Ausschließlich Sonderangebote beim Discounter zu kaufen, obwohl das Gehalt locker für den Feinkostladen reichen würde? Bei der Büroarbeit alle zwanzig Minuten aufzuspringen, um einen Kaffee zu holen oder aus dem Fenster zu schauen?
Ist das noch normal, vielleicht eine Momentaufnahme – oder schon ausreichend für eine Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung, Narzissmus, Perfektionismus, vielleicht sogar eine anankastische Persönlichkeitsstörung, krankhafter Geiz, also eine Zwangsstörung, oder ADHS?
Natürlich stellt sich uns unmittelbar die Frage: Was ist das denn überhaupt – normal? Wer sagt das? Und vor allem: Was denken und sagen wir über uns selbst, wenn wir uns auf diese Weise handeln sehen? Können wir unser Verhalten als okay anerkennen? Oder verurteilen wir uns und werten uns ab mit Sätzen wie diesen: „Das ist doch nicht normal, wie ich das mache, das ist doch krank!“ Ist es das – ein Befund, eine psychische Erkrankung?
Ich finde diese Fragen zentral für unser Miteinander. In Familie, Freundeskreis, Arbeit und Gesellschaft. Wie gehen wir mit Abweichungen um, unseren und denen anderer? Wie tolerant sind wir? Aber von welchem Punkt an ist das Symptom tatsächlich eine Sache für die Therapie, für Praxis oder Klinik? Und was bedeutet das dann? Darum geht es in diesem Beitrag.
Kommen wir noch einmal zur Frage zurück, was „normal“ überhaupt bedeutet. Wenn wir in der Psychologie über den Begriff sprechen, wird ziemlich schnell klar: So einfach ist das nicht. „Normal“ ist nämlich kein fester Zustand, den man einmal definiert, und dann gilt er immer und überall. Stattdessen hängt er stark davon ab, aus welcher Perspektive wir draufschauen.
Da gibt es die statistische Sicht. Da ist normal einfach das, was am häufigsten vorkommt. Wenn die meisten Leute zwischen sieben und neun Stunden schlafen, dann gilt das als normaler Schlafbedarf. Klingt logisch, ist auch messbar. Aber: Häufig heißt normal nicht automatisch gesund. Chronischer Stress zum Beispiel ist sehr weit verbreitet, aber sicher nichts, was wir als gesund oder gar angemessen bezeichnen würden.
Dann haben wir die gesellschaftliche Normalität. Also: Was wird erwartet, was wird akzeptiert? Das ist extrem kultur- und zeitabhängig. Was in Deutschland als normal gilt, kann in anderen Teilen der Welt sehr befremdlich sein – oder umgekehrt. Diese Differenz entsteht womöglich schon von Familie zu Familie, von Region zu Region, von Milieu zu Milieu. Zudem unterliegen diese Vorstellungen einem intensiven Wandel. Galt es vor einigen Jahrzehnten noch als normal, Kinder zu schlagen, selbst in der Schule und im Kindergarten, ist das heute eine Straftat.
Ein dritter Blickwinkel ist die funktionale Normalität. Hier geht’s darum, ob jemand im Alltag zurechtkommt, in Arbeit oder Beziehung etwa. Normal ist das, was dabei hilft, sich anzupassen und klarzukommen, anstatt ständig eingeschränkt oder in Konflikte verwickelt zu sein. Was aber, wenn in Arbeit oder Beziehung dysfunktionale Verhältnisse herrschen? Dann wird das Unnormale zur Normalität.
Natürlich gibt’s auch eine subjektive Normalität. Jeder Mensch hat ein eigenes Bild davon, was für ihn oder sie normal ist. Für manche gehört tägliches Joggen ganz selbstverständlich zum Leben, während andere das rundweg ablehnen.
Schließlich die klinische Perspektive. Hier wird Normalität zumeist über die Abwesenheit von psychischen Störungen definiert. Dabei denkt auch die moderne Psychologie inzwischen eher in Spektren. Es gibt nicht nur krank oder gesund, sondern viele Abstufungen dazwischen, von starker Belastung bis hin zu optimalem Wohlbefinden. Wir schauen darauf, wie stark ausgeprägt die Symptome sind, die für Narzissmus, Autismus, Posttraumatisches Belastungssyndrom oder ADHS sprechen können. Erst ab einem bestimmten Ausmaß, dass wiederum von der subjektiven Wahrnehmung der Behandelnden bestimmt wird, würden wir von einer Erkrankung sprechen.
Hier wird’s richtig spannend.
Ich möchte Gabor Maté zitieren. Wer ihn nicht kennt: Maté ist ein 1944 in Ungarn geborener kanadischer Arzt, dessen jüdische Familie nur knapp der Deportation durch die deutschen Besatzer entkam. Er ist Experte für Suchterkrankungen und Trauma und ein wunderbar freundlicher, ja weiser Mann. Sein Buch „Vom Mythos des Normalen“ hat mich unter anderem zu diesem Beitrag inspiriert. Eine Passage daraus:
„Wir neigen dazu zu glauben, dass das, was normal ist, auch gesund sei. Doch was ist eigentlich die Norm in westlichen Gesellschaften und ihren Gesundheitssystemen?“
Etwas, das Maté als Ursache zahlreicher Traumata ansieht. Er schreibt:
„Die ‚Norm‘, an der wir messen, ist wahrlich kein Naturgesetz. Vieles, das wir normal nennen, ist in Wahrheit ungesund. Und manches ‚Unnormale‘ eine gesunde Reaktion auf kranke Strukturen. Wer stigmatisiert, verteidigt eine Norm, die selbst krank macht.“
Schauen wir uns also ein paar Situationen an, in denen wir so etwas wie ein „unnormales“ Verhalten erleben.
Im Büro. Da sitzt ein Mitarbeiter vor seinem Bildschirm, tippt, liest, klickt – und zack, keine fünf Minuten später steht er auf, holt sich Kaffee, schaut aus dem Fenster, unterhält sich mit einer Kollegin, setzt sich wieder, macht etwas ganz anderes. Aber auch das nur für eine kurze Weile. Die Diagnose ist eigentlich klar: Das sieht nach einer Aufmerksamkeitsstörung aus. ADHS, oder?
Zoomen wir heraus. Wir sehen ein Großraumbüro, überall Telefone, Stimmen, Tastaturgeklapper, ständig läuft jemand vorbei. Der Mitarbeiter bekommt pro Tag 80 Mails, von denen die Hälfte sofortige Antwort verlangt. Kaum beginnt er eine Arbeit, unterbricht ihn jemand, und die Prioritäten ändern sich dreimal am Tag. Auf einmal wirkt sein Verhalten nicht mehr wie ein Symptom, sondern wie eine Überlebensstrategie: Mini-Arbeitspakete, ständige Unterbrechungen, Energie neu tanken, bevor der Lärm ihn wieder verschluckt.
In der Clique. Eine Freundin, die eigentlich immer Aktionen organisiert hatte, Kino, Geburtstagsfeiern, Ausflüge, lehnt seit einer Weile alle Einladungen ab, ruft kaum noch zurück. Bei einer Begegnung im Supermarkt kann sie nicht schnell genug wieder verschwinden. Und sofort steht die Frage im Raum: eine Angststörung?
Jetzt die andere Perspektive: Die Freundin arbeitet in einem Team, in dem kleine Fehler sofort öffentlich gemacht werden. Kolleg:innen tuscheln über alles, und in WhatsApp-Gruppen kursieren Screenshots und abfällige Kommentare. In diesem Umfeld ist Rückzug keine Krankheit, sondern Selbsterhaltung.
Wenn wir nur auf das Verhalten schauen, sehen wir das Symptom. Wenn wir die Umgebung betrachten, erkennen wir die Strategie. Und tatsächlich ein absolut angepasstes Verhalten. Wie stark diese Überlebensstrategie aus dem Arbeitsumfeld ins Privatleben ausstrahlt, ist den Betroffenen dabei gar nicht bewusst.
Ein drittes Beispiel. Wir erleben einen Menschen, der jeden Raum, den er betritt, sofort scannt. Wer sitzt wo? Wer wirkt angespannt? Wer schaut komisch? Bei jeder unerwarteten Bewegung zuckt dieser Mensch leicht zusammen und sichert mit Blicken seinen Fluchtweg. Die naheliegende Diagnose: Soziophobie.
Tatsächlich kann dieses Verhalten Ausdruck einer Gefühlserbschaft sein, eines transgenerational übertragenen Traumas. Mutter oder Vater haben traumatische Erfahrungen im Krieg oder auf der Flucht gemacht und dem Kind eine permanente Alarmbereitschaft vererbt. Es kann sein, dass der Betroffene selbst diesen Grund gar nicht kennt und sich für sein eigenes Verhalten verurteilt. „Worum muss ich mich immer so bescheuert anstellen, wenn ich in eine neue Situation komme?“ Und wir Außenstehenden sind womöglich so schnell mit der Diagnose zur Hand: „Soziophobie“.
Nicht selten entsteht aus so einem Verhalten eine ganze Lebensweise, die sich auf allen Ebenen entwickelt: physisch, emotional und kognitiv. Gabor Maté schreibt dazu: „Sobald ein solches Muster sich zu einem Weltbild verdichtet, das nicht hinterfragt wird, wird es zu einer all umfassenden Linse, durch die wir wahrnehmen und interpretieren.“
Das Hinterfragen ist umso wichtiger, weil ein und dasselbe Symptom die unterschiedlichsten Ursachen haben kann. In Psychologie und Medizin gibt es den Begriff der Differenzialdiagnose. Sie dient dazu, psychische Symptome von körperlichen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche oder identische Beschwerden verursachen können.
Legen wir uns also nicht zu schnell fest, weder als Betroffene, noch als Expert:innen. Und schon gar nicht als außenstehende Beobachtende. Was Küchenpsychologie anrichten kann, habe ich bereits in einer Folge von „Gefühlserben“ besprochen.
Aber natürlich: Wenn eine Erkrankung sorgfältig diagnostiziert wurde, dann kann das eine große Erleichterung sein. Für die Betroffenen ermöglicht eine Diagnose die Erklärung und Bestätigung von lebenslang gemachten Erfahrungen, die zuvor zu diffus oder nebulös waren, um sie benennen zu können. Das kann ein erster und positiver Schritt zur Heilung sein. Es tun sich Wege der Behandlung auf, und die Diagnose sorgt dann auch dafür, dass eine Krankenkasse die Kosten dafür übernimmt.
Die Akzeptanz einer psychischen Erkrankung ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Heilung. Wenn wir endlich Klarheit darüber haben, was mit uns los ist, nicht länger gegen die Symptome ankämpfen, sie gar zu verdrängen versuchen, sparen wir Kraft und reduzieren unseren inneren Stress. Statt in Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen oder Verleugnung gefangen zu bleiben, schaffen wir Raum für Klarheit und Selbstmitgefühl. Durch die Akzeptanz können wir die Erkrankung besser verstehen, Ursachen erkennen und gezielt nach geeigneten Therapien, Medikamenten oder Strategien suchen. Offenheit – im Rahmen, der uns angemessen erscheint – erleichtert den Austausch mit Behandelnden, Familie, Freunden, vielleicht sogar Kolleg:innen. Das kann Unterstützung ermöglichen. Wichtig: Akzeptanz bedeutet nicht Aufgeben, sondern den realistischen Ausgangspunkt anzuerkennen, von dem aus Veränderung, Stabilisierung, persönliche Entwicklung und Heilung überhaupt möglich werden.
Deswegen möchte hier ich hier ein Plädoyer halten, auch die positiven Seiten von Diagnosen zu sehen:
ADHS ist nicht selten Unordnung im Kopf. Es erschwert Konzentration und Struktur. Aber es bringt eben auch Kreativität, Spontaneität und die Fähigkeit, blitzschnell umdenken zu können.
Eine Depression ist lähmend, zieht uns ins Dunkel und macht uns kraftlos. Aber manchmal können wir auch dankbar sein, dass der Körper die Notbremse gezogen hat. Ein Rückzug, der schützt und dabei Tiefe, Empathie und Reflexion möglich macht.
Die Autismus-Spektrum-Störung ist oft verbunden mit Reizüberflutung und sozialen Missverständnissen. Gleichzeitig ermöglicht sie aber eine besondere Klarheit und Ausdauer, Detailgenauigkeit, Loyalität und tiefe Fokussierung.
Ein Posttraumatisches Belastungssyndrom kann mit Flashbacks und ständiger Alarmbereitschaft einhergehen. Doch diese Wachsamkeit ist auch eine Überlebensleistung und gibt uns die Fähigkeit, Gefahren früh zu erkennen.
Zwangsstörungen sind häufig mit quälenden Ritualen und endlose Kontrollen verbunden. Zugleich schaffen sie einen Fokus auf Genauigkeit, Ordnung und Verlässlichkeit.
Schließlich Narzissmus – oft verletzend, oft schwierig. Aber eben auch: Strahlkraft und Durchsetzungsvermögen.
All diese Diagnosen zeigen: Was wir Störung nennen, kann auch Stärke sein. Es hängt davon ab, wie wir hinschauen und in welchem Umfeld diese Eigenschaften sich zeigen.
Ich möchte all die Probleme, die Betroffene und ihr Umfeld mit diesen Diagnosen haben können, wahrlich nicht kleinreden. Da ist viel Leid. Aber eben nicht nur. Es gibt auch die unverletzten Anteile, die Stärken eines Menschen. Sie gilt es zu nutzen, zu unterstützen, auszubauen. Um Heilung zu ermöglichen, den Zustand größtmöglicher Lebenszufriedenheit, auch und gerade im Umgang mit Diagnosen.
Stellen wir uns also noch einmal jemanden vor, der sich „komisch“ verhält. Vielleicht redet er oder sie zu schnell. Zieht sich ständig zurück. Checkt dauernd die Umgebung oder zeigt ein seltsames Verhältnis zu Geld.
Unser erster Gedanke? Da stimmt doch was nicht. Stopp! Bevor wir das Verhalten einordnen, abstempeln, verurteilen, halten wir einen Moment inne.
Was auf den ersten Blick wie ein Symptom wirkt, kann in Wahrheit eine Überlebensstrategie sein. Rückzug kann Schutz bedeuten, Perfektionismus bietet Sicherheit. Impulsivität kann in einem chaotischen Umfeld die einzige Chance sein, überhaupt zu reagieren. Wenn wir das Verhalten stigmatisieren, sind wir nicht nur ungerecht, sondern nehmen Menschen wichtige Werkzeuge, um mit ihrem Leben klarzukommen. Wir verkennen auch, welche Stärken darin liegen können und welche bedeutenden Beiträge für unser Miteinander sie ermöglichen.
Hinter einem Verhalten, das uns eigentümlich vorkommt, kann auch eine Geschichte stecken, die älter ist als das Leben des Menschen, den wir sehen. Eine Gefühlserbschaft. Wachsamkeit, die aus einer Kriegs- oder Hungerszeit kommt. Misstrauen, das aus Generationen von Verrat gewachsen ist. Wer hier nur das Symptom sieht, übersieht ganze Generationen von Erfahrung.
Manchmal ist das vermeintlich Psychische schlicht körperlich. Eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse. Ein Vitaminmangel. Eine Herzrhythmusstörung. Stigmatisieren wir die sichtbaren Symptome, kann es Menschen davon abhalten, medizinische Hilfe zu suchen, und wir verschlimmern das Problem.
Und schließlich: Das Stigma selbst kann zur Ursache von Krankheiten werden. Scham, Ausgrenzung, ständiges Misstrauen fressen sich in Körper, Herz und Seele. Und so wird aus einem vielleicht harmlosen, vielleicht sogar sinnvollen Verhalten am Ende tatsächlich eine Erkrankung. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Also fragen wir doch beim nächsten Mal nicht zuerst: Was ist falsch mit dieser Person? Fragen wir lieber: Was hat diese Person erlebt, was hat sie geprägt, und gibt es womöglich einen absolut plausiblen Grund für ihr Verhalten? Welche Stärke kann darin geborgen sein? Denn nicht selten ist das, was wir für unnormal halten, nicht der Fehler des Menschen, den wir da bewerten – sondern ein Spiegel für die Fehler in seiner Umgebung.
Und wenn wir selbst diejenigen mit einer Diagnose sind? Es gibt so viele von uns. In Deutschland erleidet etwa jeder zweite Mensch mindestens einmal im Leben eine psychische Erkrankung. Mehr als ein Viertel der Erwachsenen ist jedes Jahr davon betroffen, aber viele nehmen gar keine Hilfe in Anspruch. Aus dieser statistischen Perspektive ist es also vollkommen normal, psychisch zu erkranken. Je offener und zugewandter wir darauf reagieren, umso besser gelingt der Umgang damit.

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