
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Kann man Gefühle erben? Kann man Gefühle ver-erben? So wie schwarze Haare oder blaue Augen, wie Silberbesteck oder ein Häuschen in der Vorstadt? Ja, das geht tatsächlich. Und es ist für unser Leben eine wirklich wichtige Erkenntnis.
Zu wissen, dass wir von unseren Eltern, unseren Großeltern oder gar Urgroßeltern Gefühle geerbt haben – positive, negative und vielleicht sogar schädliche – das hilft uns besser zu verstehen, wie wir heute im Leben unterwegs sind. Wie wir empfinden, entscheiden und handeln – und warum. Wann wir reinszenieren, was unsere Vorfahren erlebt, vielleicht erlitten haben. Und wann wir uns tatsächlich auf unserem Weg befinden und wirklich in unserem Leben angekommen sind.
Diese Fragen haben mich schon als Wissenschaftsjournalist bewegt. Aber seitdem ich als Coach und Workshopleiter arbeite, haben sie eine noch größere Bedeutung bekommen. Weil ich jetzt im sehr persönlichen Kontakt mit vielen Menschen arbeite, die sich dabei Unterstützung wünschen. Die damit hadern, dass sie Dinge, die ihnen wichtig sind, nicht hinbekommen, obwohl sie die Probleme doch intellektuell längst verstanden haben.
Okay, Denken wird manchmal überbewertet. Fühlen ist mindestens genauso wichtig. Und das Gefühls-Erbe, das wir alle in uns tragen, das unsere Familien an uns weitergegeben haben – das ist ganz oft der Schlüssel zum Verständnis dieser Probleme, der Missing Link, nach dem wir so lange gesucht haben.
Wozu ich euch einlade: Unser Erbe sehr genau darauf anzuschauen, was wir davon wertschätzen, was uns hilft, uns lieb und teuer ist. Und uns zu befreien von dem, was uns bremst und schadet, was uns davon abhält, genau das zu tun, was wir tun wollen.
Natürlich gibt es Dinge aus unserem Erbe, die wir nicht ändern können. Mein Großvater hatte eine Glatze, mein Vater hatte eine Glatze, und ich hab‘ auch eine. Ist halt so. Aber nur weil die Familienähnlichkeit im Fotovergleich unverkennbar ist, muss ich nicht so unbarmherzig mit meinen Enkeln umgehen, wie mein Großvater das getan hat – also, sollte ich mal Opa werden – und ich muss nicht so statusfixiert sein wie mein Vater.
Wir können unsere Werte, unsere Ängste, unsere Sehnsüchte und Befürchtungen darauf überprüfen, ob es wirklich unsere sind. Oder ob wir, ohne es zu wissen, Aufträge ausführen, die uns unsere Vorfahren erteilt haben. Der Begriff aus der Familientherapie heißt „Delegation„.
Die meisten von uns haben ja von sich das Bild, dass wir einigermaßen souverän und frei über unser Leben entscheiden. Okay, es gibt Sachzwänge, die wir nicht ändern können, aber im Großen und Ganzen tun wir doch, was wir tun wollen, oder?
Nein, so ist es nicht. Es ist in Studien der Psychologie, der Gehirnforschung und der Soziologie belegt, dass wir viel stärker von unserer Herkunft geprägt sind, als uns bewusst ist. Das zeigt sich auf vielfältige Weise in unserem Leben, in unserem psychischen Befinden, unserem politischen Handeln und vor allem auch in unseren biographischen Entscheidungen. Wir alle sind Gefühlserben. Und gerade das, was wir über unsere Familiengeschichte nicht wissen, wirkt sich besonders stark auf unser und das Leben unserer Kinder aus.
Es ist verblüffend, ja schwer verständlich, aber wissenschaftlich nachgewiesen: Je weniger wir über die Vergangenheit unserer Eltern oder Großeltern wissen, je weniger wir über ihre Erfahrungen in früherer Zeit wissen, ihre Strategien, Probleme zu lösen, die Bedeutung einer womöglich von Flucht, Trauma und Scheitern geprägten Vergangenheit kennen, umso stärker werden wir von ihr bestimmt.
Die Erforschung hat viel mit meiner Arbeit zum Thema der sogenannten Kriegsenkel zu tun. „Kriegsenkel“ ist ein Kunstwort. Es bezeichnet die Menschen, die irgendwann zwischen 1960 und 1980 geboren wurden. Ihre Eltern waren im 2. Weltkrieg Kinder, sind also Kriegskinder, und deren Kinder kann man eben Kriegsenkel nennen. Sie verbindet eine Menge ähnlicher Prägungen und Erfahrungen.
Ich bin 1961 geboren, und wie so ziemlich alle meiner Generation kann ich „99 Luftballons“ von Nena und „Mamma Mia“ von Abba auswendig mitsingen. Auch wenn es ein bisschen peinlich ist. Meine Generation verbindet aber auch ein ganzes Bündel von Symptomen: Bindungsprobleme mit Eltern und Kindern, innere Einsamkeit, rastlose Suche nach Sinn und Heimat, Ringen um Erfolg im Beruf. Viele von uns hatten oder haben das Gefühl, dass wir nicht so richtig in unserem Leben angekommen sind, dass viele Sehnsüchte sich nicht erfüllt haben, dass wir ein Leben wie mit „angezogener Handbremse“ leben, wie es die Autorin Sabine Bode plakativ ausgedrückt hat.
Seit mehr als fünf Jahren gebe ich Kriegsenkel-Seminare, in denen es um diese Probleme und deren Ursachen geht. Viele Teilnehmer:innen wollen endlich verstehen, was da los ist in ihrer Familie und wie es damit zu tun haben könnte, was die Vorfahren im Krieg erlebt haben. Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Viele bewegt auch die Frage nach der sogenannten transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Auf beides komme ich gleich noch zurück.
Was ich von vielen Seminar-Teilnehmer:innen und Klient:innen im Coaching immer wieder höre, sind Sätze wie diese: „Ich verstehe mich selbst nicht. Warum passieren mir immer wieder dieselben Fehler, warum reagiere ich auf dieselbe Weise, obwohl ich doch schon weiß, dass das nicht funktioniert? Ich muss doch komplett bescheuert sein.“
Wenn es euch auch so geht: Nein, ihr seid keineswegs bescheuert – ganz bestimmt nicht! Es ist das Unbewusste, das euch einen Streich spielt. Und ganz oft ist darin ein Gefühlserbe verborgen.
Was kann das sein? Ein paar Beispiele. Ich zitiere euch Aussagen aus meiner Praxis.
Der Grund dafür kann sein, dass die Großeltern am Ende des 2. Weltkriegs aus ihrer Heimat flüchten mussten. Und jetzt ist jede größere Reise wie kontaminiert von der Angst, nicht mehr nach Hause zurück zu dürfen.
Vielleicht gab es in früheren Generationen Sozialisten oder Kommunisten, und wirtschaftlicher Erfolg als Unternehmer würde massiv gegen ihre Werte verstoßen?
Auch hier mag eine Fluchtgeschichte der Familie nachwirken. Denn auf dieser Flucht war eine Maxime lebensrettend: persönliche Bedürfnisse sind verboten.
Wenn zum Gefühlserbe der Familie die unfassbare Not gehört, die vor allem nach dem Krieg herrschte, hortet man eben alles, was noch irgendwie verwendbar sein könnte.
Ich weiß, das Thema ist ziemlich heavy, aber in Deutschland gehören zu den Gefühlserbschaften eben auch Krieg, Holocaust, Vertreibung, Hunger und große Not. Auch wenn diese Zeit schon fast 80 Jahre zurückliegt, erleben wir ihre Auswirkungen immer noch. Weil es eben unsere Großeltern oder Eltern sind, die jene Zeit erlebt haben und von ihr geprägt wurden.
Und das ist nur die sogenannte bio-deutsche Perspektive. Mittlerweile leben mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland, die einen Migrationshintergrund haben. Auch das ein Gefühlserbe, das für ihr Leben von entscheidender Bedeutung sein kann.
Aus der Familientherapie sind noch andere Phänomene bekannt. So können wir in einer unbewussten Aneignung des Familienerbes zu Stellvertretern bereits verstorbener Vorfahren werden. Die Parallelen, die sich in den Lebensläufen zeigen, sind manchmal frappierend präzise.
Ich selbst war im Familiensystem des Rohdes der Stellvertreter für den Zwillingsbruder meines Vaters. Der kam 1944 als Soldat in Estland ums Leben. Über ihn wurde in unserer Familie nie gesprochen – und genau das hat mein Leben mehr bestimmt als vieles andere. Das habe ich aber erst verstanden, nachdem ich angefangen habe, die Kriegsgeschichte meiner Familie zu recherchieren, was ungefähr von zehn Jahren begann. 2016 haben meine älteste Schwester und ich Onkel Kurt an seinem Grab besucht, als erste der Familie. Wir haben ihn gleichsam emotional in die Familie zurückgeholt – und das war für meine persönliche Entwicklung ein ganz wichtiges Erlebnis.
Die Psychoanalyse gibt uns eine Erklärung für diese befremdlich anmutenden Phänomene. Danach sind es die nicht-integrierten Persönlichkeitsanteile der Vorfahren, die auf die nächsten Generationen übertragen werden.
Nicht-integriert bedeutet: Die Menschen früherer Generationen haben das schreckliche Erleben verdrängt, abgespalten, nicht betrauert und damit eben auch nicht verarbeitet. Und genau deswegen wurde es zum Gefühlserbe, das auf die nächsten Generationen überging und übergeht. Die Geschichte setzt sich ja fort. Egal, wie alt ihr gerade seid – das, was ihr in euch tragt, könnte ihr an eure Kinder und Enkel weitergeben. Weil es im Unbewussten wirkt. Es zeigt sich im Erleben, in Träumen, Phantasien und Affekten. Gleichsam am Bewusstsein vorbei steuert es euer Verhalten, äußert sich in Symptomen, psychisch oder psychosomatisch. Und wir wissen nicht warum, wir verstehen uns selbst nicht.
Der Schriftsteller Christian Kracht hat es so auf den Punkt gebracht: „Alles, was nicht ins Bewusstsein steigt, kommt als Schicksal zurück.“
Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat 2022 viele Menschen in Deutschland sehr verstört, mehr als ihnen plausibel vorkam.
Wie kann es sein, dass Menschen, die ansonsten souverän ihr Leben meistern, sich von jetzt auf gleich aus ihren Routinen gerissen fühlen und Dinge reinszenieren wollen, die einst ihre Eltern oder Großeltern erlebt haben? Indem sie Fluchtpläne schmieden oder Notvorräte anlegen?
Vor einigen Monaten sprach ich mit Jugendlichen, die gerade ein soziales Jahr in Norwegen ableisten für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Eine junge Frau, 18 Jahre alt, sagte, sie hätte sich am liebsten im Keller eingeschlossen, als die Nachricht vom russischen Einmarsch kam. So groß war ihre Angst.
Was ist da in ihr lebendig geworden? Es sind die unverarbeiteten Traumata der Vorfahren.
Ja, es klingt unwahrscheinlich, dass ein Trauma heute noch unser Leben bestimmen kann, das die Großeltern oder gar Urgroßeltern einst im Krieg erleiden mussten. Aber es ist so. Die Psychoanalyse weiß von diesen Zusammenhängen schon lange. Studien der Forschungsrichtung Epigenetik zeigen, dass auch emotionale Erfahrungen vererbt werden können. Nach Erkenntnissen der Forscher:innen bis zu sieben Generationen.
Das Thema der transgenerationalen Traumata hat in den vergangenen Jahren eine gewisse Popularität bekommen. Die Sache ist ja auch ziemlich spektakulär. Und das Wissen darum hilfreich. Denn wenn ich weiß, dass das, woran ich immer wieder scheitere, nicht an meiner Unfähigkeit liegt, sondern dass die Ursache in einem Gefühlserbe in meinem Unbewussten zu suchen ist, dann muss ich mir schon mal keine Vorwürfe machen. Nein, ich bin eben nicht komplett bescheuert, und ihr seid es auch nicht. Das entlastet schon mal. Wir sind einfach Teil einer Sippe, die uns geboren, aufgezogen und geprägt hat.
Aber das heißt natürlich nicht, dass wir diesen Mustern auf immer ausgeliefert sind. Natürlich können wir uns befreien, und wir können uns entwickeln. Auf unserem eigenen Weg!
Im Coaching gibt es eine Grundregel: Wir können nur ändern, wovon wir wissen. Es beginnt also damit, dass wir uns all diese Zusammenhänge ins Bewusstsein holen. Dass wir neugierig werden auf die Geschichte unserer Familie. Die Verwandten befragen. Wenn die Eltern nicht erzählen wollen – Onkel oder Tanten fragen. Alte Fotoalben rauskramen und sie noch einmal mit ganz frischem Blick anschauen.
Ich weiß, gerade dann, wenn die Familie ein dunkles Erbe in sich trägt, kann sich das ziemlich ungemütlich anfühlen. Erst recht, wenn Vorfahren sich als Täter schuldig gemacht haben. Aber vielleicht findet ihr Unterstützung bei Geschwistern, Cousins oder Cousinen oder im Freundeskreis. In meinen Seminaren haben sich auch immer wieder Teilnehmer:innen gegenseitig unterstützt, vor allem emotional. Und ich begleite solche Expeditionen in die Vergangenheit im Coaching.
Bisher waren vor allem belastende Dinge Thema, etwa über transgenerationale Traumata oder auch Schuld-Verstrickungen. Sie kommen immer zuerst in den Blick, weil wir oft viel stärker wahrnehmen, was nicht funktioniert. Wo wir blockiert sind, obwohl wir doch so gerne weiterkommen möchten. Dann stoßen wir praktisch zwangsläufig auf den negativen Teil der Gefühlserbschaften unserer Familien. Es ist wichtig, ihn anzuschauen, damit wir ihn ablegen können.
Aber – und das ist die gute Nachricht – dann wird auch der Blick frei auf das positive Erbe, auf die Ressourcen, die es genauso in jeder Familie gibt. Was sind sie bei euch? Und wer aus eurer Familie hat sie verkörpert? Kann die Energie, die in diesem Menschen geborgen ist, für euch heute eine Kraftquelle sein?
In meiner Familie war es zum Beispiel der Mut meines Vaters, beruflich immer wieder neue Wege zu gehen. Die Ruhe und Tatkraft meiner Mutter, wenn eine Krise zu meistern war. Und es gab im Haus meiner Großeltern ein Musikzimmer mit einem Flügel. Meine Tante hat sogar Musik studiert, das inspiriert mich als Musiker sehr. Und so gibt es eben einige Gefühlserbschaften in meiner Familie, die zu überwinden für mich sehr wichtig war. Und andere, die ich gerne annehme. Es sind echte Kraftquellen.

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