Selbsterforschung. Seelische Gesundheit. Wellbeing.

Was die Seele berührt (und was nur so tut als ob)

Werden wir in unserer Seele berührt, dann ist das etwas Besonderes. Eine mitfühlende Umarmung, ein liebevolles Wort, ein sanfter Trost oder auch Musik, die uns anrührt, lösen dieses wunderbare Erleben aus. Die Seele sendet eine deutlich vernehmbare Botschaft: Halt inne, dies ist ein wichtiger Moment. Wir werden ganz weich, sind vielleicht gerührt, ein Fensterchen ins Innere hat sich geöffnet, und der Blick auf etwas Sanftes, Verletzliches, Liebenswertes wird frei. Erleben wir dies mit anderen, ist auf einmal ein neuer Kontakt möglich, eine echte Begegnung. Wir schauen hinter die Fassade, die sonst den Alltag bestimmt.

Aber was ist das, das die Seele berührt? Was erleben wir da eigentlich? Wie können wir uns für diese Momente öffnen und uns einlassen? Aber wie geschieht es auch, dass wir uns ängstlich davon abschneiden? Oder dass wir uns vorspiegeln lassen, dass da etwas in uns angerührt werde – tatsächlich aber das Gegenteil passiert, dass wir also manipuliert werden sollen? Und was hat all das mit unserer seelischen Gesundheit zu tun?

Karen Carpenter: „Yesterday Once More“ und die Tränen

Ich möchte erzählen, wie ich zu diesem Thema gekommen bin. Vor einigen Wochen war ich von mir selbst überrascht. Ich saß mit meiner Frau Dorothea in der Lobby eines Dresdner Hotels beim Frühstück, und aus den Lautsprechern erklang dieser Song: „Yesterday Once More“ von den Carpenters. Ich war so ergriffen, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschah, und die Tränen liefen nur so.

Das war schon ziemlich befremdlich, und ich fragte mich, was denn da eigentlich angerührt worden war. Vorläufige Erklärung: Es wird mir damals, als ich den Song gehört habe – das war 1973, und ich habe ihn sehr oft gehört – nicht gut gegangen sein. Was genau damals war, weiß ich nicht mehr. Meine Erinnerungen an Kindheit und frühe Jugend sind sehr lückenhaft. Aber die Stimme von Karen Carpenter, ein Alt von kaum beschreiblicher Schönheit, erinnerte ich sofort. Sie hat etwas wunderbar Tröstliches. Und dieser Song weckte offenbar beides in mir: den Widerschein der Not und das Gefühl, von dieser Stimme getröstet zu sein. Sie hatte meine Seele berührt.

Was ist die Seele? Vier wissenschaftliche Perspektiven

Musik hat zur Seele einen direkten Zugang. Dazu werde ich gleich noch ein bisschen mehr erzählen, auch, wie wir diese wunderbare Eigenschaft der Musik für uns nutzen können. Aber vorher sollten wir uns mit dieser Frage befassen: Was ist das eigentlich – die Seele? Die Antworten aus den verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft könnten kaum unterschiedlicher ausfallen.

Neurowissenschaft: Antonio Damasio und die erfahrbare Dynamik

Ich habe ja ein Faible für Neurowissenschaften. Deswegen habe ich dort zuerst geschaut. Viele Neurowissenschaftler sehen die Seele nicht als etwas Eigenständiges an, sondern als ein Produkt der Gehirntätigkeit, das sich dann wie etwas Eigenständiges anfühlt. Es entsteht aus der komplexen Aktivität von Milliarden von Nervenzellen. Der Neurologe Antonio Damasio nennt die Seele, Zitat, „kein übernatürliches Ding, sondern eine erfahrbare Dynamik, die auf Basis körperlicher und emotionaler Signale entsteht.

Philosophie-Psychologie: Die Seele als Essenz des Selbst

Im philosophisch-psychologischen Ansatz klingt das ganz ähnlich. Allerdings verschiebt dieser Ansatz den Fokus auf unsere mentale Wahrnehmung. Hier wird die Seele als Erfahrungsfeld oder Prozess verstanden, als das, was unser Erleben von Sinn, Freiheit und Innerlichkeit ausmacht. Danach also ist die Seele die Essenz dessen, was unser gelebtes Leben prägt. Ein anderer Begriff kommt ins Spiel: das Selbst, in dem sich diese Essenz ausdrückt.

Soziologie: Hartmut Rosa und Resonanz

Andere Wissenschaftler wiederum sehen die Seele nicht als etwas, das uns als Einzelne ausmacht, sondern als Ergebnis der Verbundenheit mit anderen. So betont der Soziologe Hartmut Rosa das Zwischenmenschliche und sagt: „Wo Resonanz entsteht, beginnt die Seele zu sprechen.“ Und Resonanz kann ja nur im Kontakt mit anderen entstehen. Wobei das nicht der direkte persönliche Kontakt sein muss. Karen Carpenter habe ich ja aus einem Lautsprecher gehört, und wir kennen das Erleben von Resonanz und Verbundenheit auch aus der Wahrnehmung von Büchern, Kunstwerken, Naturschönheit, ja von Gebäuden. Etwas spricht zu uns, und eine ganz besondere Schwingung entsteht.

Spiritualität: Carl Gustav Jung und das Göttliche

Und dann gibt es noch die spirituelle Perspektive. In fast allen Religionen gilt die Seele als unsterblicher, göttlicher Wesenskern des Menschen. Sie verstehen sie als Träger von Bewusstsein, Moral und persönlicher Identität in einem höheren Verständnis. Der berühmte Psychologe Carl Gustav Jung, ein tief spiritueller Mensch, sagte es so: „Die Seele ist das, was uns mit dem Göttlichen verbindet.

Welche Perspektive wir nun immer einnehmen, ob wir die Seele als Produkt neuronaler Prozesse ansehen, als Träger des Selbst oder als unsterblichen Wesenskern – wir empfinden alle, dass sie etwas Besonderes ist. Dass sie eine große Bedeutung für unser Leben hat, für das, was uns bewegt und wohin wir streben. Deswegen sind auch diese Momente, in denen wir Kontakt bekommen – zu unserer eigenen Seele oder der eines Gegenübers – so kostbar, bewegend und zumeist lange nachwirkend.

Was die Seele berührt? 5 Gesten der Menschlichkeit

Es sind diese Gesten der Menschlichkeit, Zuwendung und Verbundenheit, die uns berühren:

  • Ein stilles Umarmen, die wortlose Nähe in schweren Momenten.
  • Tränen, die mit uns geteilt werden, wenn jemand unsere Trauer mitfühlt und nicht einfach nur beobachtet.
  • Selbstlose Hilfe ohne die Erwartung einer Gegenleistung, etwa eine Hand halten am Sterbebett als letzter Akt von Liebe und Beistand.
  • Auch unerwartete Solidarität, wenn Fremde sich für Schwächere einsetzen, obwohl sie gar keinen Vorteil davon haben oder sich womöglich selbst in Gefahr bringen.
  • Und natürlich gibt es auch tiefe Liebe, innige Verbundenheit, das gemeinsame Erleben von etwas Wundervollem.

Wenn du magst und es gerade passt, halte doch mal inne und frag dich: „Wann fühlte ich mich zuletzt in meiner Seele berührt?“

Was war der Anlass? Und wie bist du damit umgegangen? Zeigte sich hier eine Sehnsucht, der es zu folgen lohnt?

Aktives Zuhören: Neuronale Kopplung zweier Gehirne

Es sind echte Begegnungen, die uns in der Seele berühren. Dazu gehört auch das offene und unvoreingenommene Zuhören. Wenn jemand wirklich präsent ist, ohne zu urteilen oder abzulenken. Ich finde es spannend, wie diese wunderbare Erfahrung, die wir alle kennen, sich in Gehirnscans nachweisen lässt. Es gibt Untersuchungen darüber, wie das Erleben von aktivem Zuhören im Gehirn wirkt. Sie zeigen, dass wir diesen Ausdruck von Empathie nicht nur emotional als positiv empfinden, sondern dass er auch messbare Reaktionen in Hirnregionen auslöst. „Das Wahrnehmen von aktivem Zuhören“, so eine japanische Studie, „aktiviert das Belohnungssystem und verbessert die emotionale Bewertung relevanter Erfahrungen.

Das ist nicht alles: Weitere Studien haben gezeigt, dass beim Zuhören eine Art Synchronisation zwischen Sprechenden und Zuhörenden entsteht. Diese neuronale Kopplung zweier Gehirne ist besonders ausgeprägt, wenn die Zuhörenden die Aussagen gleichsam vorausahnen. Das deutet darauf hin, dass effektives Zuhören nicht nur passiv ist, sondern ein aktiver, vorhersagender Prozess im Gehirn. Um noch einmal Hartmut Rosa zu zitieren: „Wo Resonanz entsteht, beginnt die Seele zu sprechen.“ Wir können also geradezu spüren, wie wir uns mit anderen einschwingen.

Musik und Seele: Der direkte Zugang

Und mit dem Einschwingen sind wir bei der Musik. Der Trompeter Markus Stockhausen, der berührende Klangmeditationen anleitet, sagt: „Musik öffnet einen Raum in der Seele, den wir mit Worten nicht erreichen.“ Die Musik ist für ihn und die Menschen, die in seine Konzerte und Workshops kommen, der Weg, um zu sich selbst zu finden, zu erfahren, was wir mit Worten eben nicht ausdrücken können. Ich habe das selbst erlebt, es war wirklich besonders.

„Alive Inside“: Wie Musik Demenzpatienten zurückholt

Wenn du ein bisschen Zeit, schau dir mal den Film „Alive Inside“ an. Er ist auf Youtube zu sehen. Der Film, 2014 gedreht, begleitet den Sozialarbeiter Dan Cohen, der alten Menschen in Pflegeheimen wieder Zugang zu ihren Erinnerungen und ihrer Persönlichkeit ermöglicht, mithilfe von individuell zusammengestellten Playlists. Viele der gezeigten Personen sind an Demenz erkrankt und wirken apathisch oder abgeschottet. Sobald sie jedoch ihre Lieblingsmusik aus der Jugendzeit hören, werden sie plötzlich lebendig, erinnern sich an Namen und Erlebnisse, beginnen sich zu bewegen, zu singen oder zu sprechen, ja zu tanzen. Es sind unbeschreiblich berührende Szenen.

Und wieder gibt es eine neurowissenschaftliche Erklärung: Während Sprache, Orientierung und Kurzzeitgedächtnis bei Demenz schon früh beeinträchtigt werden, bleiben Teile des Gehirns, die für Musik zuständig sind, oft lange funktionstüchtig. Besonders Lieder aus der Jugendzeit sind emotional stark besetzt und im Gehirn tiefer gespeichert als viele andere Informationen. So hat mich eben „Yesterday Once More“ so erwischen können.

Musik kann Menschen wieder mit sich selbst verbinden.“ Das sagt der Gehirnforscher Oliver Sacks. In der Demenz bleibt die Musik wie ein Brückenschlag zur eigenen Identität – sie bringt Erinnerungen, Emotionen und sogar Sprache zurück. Sie strukturiert Zeit, weckt persönliche Geschichte und vermittelt ein Gefühl von „Ich bin noch da“.

Coaching mit Groove: Musik für Ressourcen nutzen

Als ich den Film „Alive Inside“ vor einigen Jahren sah, liefen mir immer wieder die Tränen. Es ist beglückend zu sehen, wenn Menschen wieder zu sich selbst finden und auch wieder Kontakt zu anderen aufnehmen können. Anschließend fragte ich mich: Warum sollen wir bis zu einer Demenz warten, um diese enorme Kraft der Musik zu nutzen? Geht das nicht auch schon jetzt?

Seither leite ich im Coaching immer mal wieder eine Übung an, die ich „Coaching mit Groove“ nenne. Darin geht es darum, mithilfe von Songs, die wir in einer bestimmten Zeit gehört haben, die Energie jener Lebensphase wieder wachzurufen. Also idealerweise einer Zeit in unserem Leben, in der wir uns kraftvoll, frei und mutig gefühlt haben – als wir stärker mit unserem Selbst, unserer Seele verbunden waren. Diese Energie lässt sich heute wieder nutzen – das ist der Hintergrund dieser Übung.

Verletzlichkeit und Abschottung: Wenn die Seele sich verpanzert

All das sind intensive Erlebnisse. Sie berühren uns tief, sie können uns auch aufwühlen. Nicht selten wird eine Sehnsucht wach, die wir sonst lieber unter Kontrolle halten. In solchen Momenten sind wir verletzlich – und das ist auch der Grund, warum manche Menschen ihre Seele lieber abschotten, ja sie vielleicht sogar verpanzern. Weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, weil sie gerade da, wo sie sich geöffnet hatten, gekränkt, verletzt, beschämt wurden. So etwas ist traumatisch und kann lange nachwirken. Gerade dann, wenn sich eine Öffnung der Seele andeutet, schrecken sie zurück. Zu gefährlich.

Emotionale Manipulation: Was nur so tut als ob

Aber es gibt auch noch einen anderen Grund, hochaktuell und allgegenwärtig, die Seele zu beschützen: weil unsere Sehnsucht nach Kontakt und wahrer Begegnung von einer machtvollen Medienwelt instrumentalisiert werden soll. Jetzt folgt kein Social-Media-Bashing, aber den Hinweis möchte ich schon geben: dass die einschlägigen Portale nur vorgeben, uns in einen Kontakt mit anderen zu bringen und in Wahrheit versuchen, uns davon abzuhalten. Es gehört ja zu ihrem Geschäftsmodell, dass wir möglichst lange am Display hängen. Genau das verhindert aber ja die Begegnung Face to face.

Nicht falsch verstehen: Auch ich mag es, wenn meine Posts in Instagram oder LinkedIn Likes bekommen, wenn wertschätzende Kommentare für diesen Podcast in den Streamingportalen stehen. Ich mag das sogar sehr. Viel nährender ist aber, wenn es einen echten Kontakt gibt, beginnend per Mail oder am Telefon, bei Gesprächen im Workshop, im Coaching oder nach einem Vortrag. Dann können wir einander sehen, im tieferen Verständnis des Wortes.

Es ist ja klar, dass diese Art von Kontakt nicht immer und jederzeit möglich ist, dass es besondere Momente sind. Umso ärgerlicher finde ich es, wenn uns das mit Tricks vorgespiegelt werden soll. Es gibt einen feinen, aber doch deutlich spürbaren Unterschied zwischen echter seelischer Berührung und der bloßen Illusion davon, einem inszenierten Trugbild. Einige Dinge wirken tief, sind aber nur Schein – sie streifen die Oberfläche und reichen nicht ins Innere.

Was tut nur so als ob?

  • Dann ist es Kitsch statt Kunst, emotional aufgeladen, dabei aber manipulativ und oberflächlich, indem einfache, vorhersehbare Reize verwendet werden.
  • Es ist der schnelle Konsum von Zitaten, schönen Bildern, trauriger Musik, die Bedeutung vorspiegeln und berührend wirken sollen, aber gleich danach schon wieder vergessen sind.
  • Es sind Marketing-Sprüche eines „Emotional Branding“, Werbeslogans, die behaupten, das „Herz“ oder die „Seele“ anzusprechen, aber das Gefühl von Nähe und Verbundenheit ja nur vortäuschen. Mit einem klaren Ziel: Vertrauen für ein Produkt oder eine Dienstleistung zu gewinnen.
  • Es sind Filme oder Serien, die einfach auf die Tränendrüse drücken.

All dies sind Dinge, die nur vorgeben, die Seele zu berühren, sie reizen die Emotion, aber nähren nicht unser wahres Bedürfnis. Ein schales Gefühl bleibt zurück. Es sind Trugbilder, clever fabriziert, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Nicht selten, um die aktivierten Emotionen anschließend geschäftlich nutzbar zu machen. Natürlich ist es okay, wenn wir all dies nutzen. Wir sollten es nur nicht für das Echte halten.

Seelische Gesundheit: Warum echte Beziehungen entscheidend sind

Was berührt die Seele, war die Frage, der ich mich in dieser Folge widmen wollte – und was tut nur so als ob. Ich hoffe, für euch waren ein paar plausible Antworten dabei. Was noch nicht beantwortet ist: Warum ist das wichtig?

Weil es eine direkte Verbindung zu unserer seelischen Gesundheit gibt. Dass wir berührbar sind und andere berühren können. Gute Beziehungen sind von zentraler Bedeutung für die seelische Gesundheit. Zahlreiche Studien belegen, dass stabile, unterstützende soziale Beziehungen einen starken Schutzfaktor für das psychische und damit auch das physische Wohlbefinden darstellen.

Emotionale Unterstützung: Menschen mit guten Beziehungen haben jemanden, an den sie sich in schwierigen Zeiten wenden können. Das hilft ihnen dabei, Stress zu verarbeiten und negative Gefühle wie Angst oder Traurigkeit zu lindern.

Gefühl von Zugehörigkeit: Ein Grundbedürfnis. Wenn wir uns als Teil eines sozialen Gefüges fühlen, in Familie, Freundeskreis oder Partnerschaft, erleben wir mehr Sinnhaftigkeit und bekommen ein stärkeres Selbstwertgefühl.

Schutz vor psychischen Erkrankungen: Menschen mit stabilen Beziehungen erkranken seltener an Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Leiden. Soziale Isolation hingegen ist ein echter Risikofaktor.

Um all das können wir uns kümmern, wenn wir echten Kontakt zulassen – und nicht den Trugbildern nachjagen. Die Seele braucht Geborgenheit, Anerkennung und Sinn. Wir alle blühen auf, wenn wir uns verstanden, angenommen und wertgeschätzt fühlen, sei es durch enge Beziehungen, durch sinnvolle Aufgaben oder durch das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Auch Krisen gehören ja zum Leben, doch wenn wir gelernt haben, mit uns selbst mitfühlend umzugehen und Unterstützung anzunehmen, stärkt das unsere Widerstandskraft.

Eine gesunde Seele lebt von echtem Kontakt – zu anderen und zu uns selbst.

Was die Seele berührt (und was nur so tut als ob)

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