
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Diesen Gedanken kennen wir alle: „Ich müsste eigentlich …“ Da bedrängt uns etwas, entwickelt sich eine Unzufriedenheit, wird zum Leidensdruck. Ja, wir müssten eigentlich die Ernährung umstellen, wieder Sport machen, stärker unserer Kreativität Ausdruck verleihen. Oder Next Level: den Job wechseln, endlich ein eigenes Unternehmen aufmachen. Oder auch: damit aufhören, ständig den Job zu wechseln, den Wohnort, die Beziehung. Vielleicht geht es auch um die ganz große Nummer? Das Leben von links auf rechts drehen? Ergänzt einfach, was euch aktuell auf der Seele liegt. Und was ihr verändern wollt.
Aber das ist nicht so einfach, oder? Es kann sogar richtig schwer sein.
Woran das liegt? Ganz pauschal formuliert: an unserem Gehirn. Es mag Automatismen, ja es ist darauf programmiert, immer alles zu machen wie gewohnt. Das fordert dem Stoffwechsel den geringsten Einsatz ab. Wollen wir dagegen grundlegende Änderungen etablieren, ist das anstrengend — eine Alltagserfahrung, die wir alle schon gemacht haben.
Wie können Veränderungen trotzdem gelingen, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern nachhaltig? Um uns dauerhaft mehr Lebens- und Arbeitszufriedenheit zu ermöglichen. Eine Frage, die ich schon deswegen superspannend finde, weil sie natürlich für das Gelingen von Coaching-Prozessen von entscheidender Bedeutung ist. Und die Antwort hat wiederum ganz viel mit Erkenntnissen der Neurobiologie zu tun.
Ein kurzer Rückblick auf den Artikel „Gedächtnis und Erinnerung“, in dem es darum ging, wie unser Lebensgefühl von unseren Erinnerungen geprägt wird und was das mit der Struktur des Gehirns zu tun hat. „Wir sind, was wir erinnern“, lautet eine zentrale Erkenntnis der Persönlichkeitspsychologie. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Emotionen, sie gehören zur Erinnerung dazu. Wenn wir also ein schönes Erlebnis erinnern, kommen auch die damit verbundenen positiven Gefühle wieder hoch. Und ebenso ist es mit den belastenden Erinnerungen, die sich gleich wieder sehr unangenehm anfühlen.
Diese Emotionen sind der wichtigste Zugang zu Veränderungsprozessen. Stellen wir uns dafür einen Jobwechsel vor. Schon viel zu lange verharren wir in einer Position, die öde, bedrängend und schlecht bezahlt ist. „Eigentlich hätte ich schon vor drei Jahren …“ — na ja, ihr wisst schon. Wenn aber die Vorstellung, diesen elenden Job endlich zu kündigen, ein Gefühl der Angst oder gar Panik in uns aufsteigen lässt, dann ist es besser, der Chefin oder dem Chef nicht einfach die Kündigung auf den Tisch zu knallen.
Es ist keine gute Idee, dieses körperliche Erleben zu ignorieren. Denn tatsächlich haben wir es mit einer faszinierenden Intelligenz unserer Natur zu tun. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, die Umgebung permanent nach Bedrohungen abzuscannen. Wird eine Wahrnehmung negativ bewertet, aktiviert das die Amygdala, unser Angstzentrum im Gehirn. Sofort entsteht Stress, und unser Körper kommt in Alarmbereitschaft.
Was wir dann spüren, hat der Neurowissenschaftler António Damasio „somatische Marker“ genannt, Signale, die der Körper aussendet. Es sind Botschaften aus den Tiefen der Erinnerungen, aber auch des Unbewussten, die sich über Sprache und Bilder nicht ausdrücken können.
Negative somatische Marker sind:
Wichtig ist erst einmal die Botschaft: „fühlt sich nicht gut an, Finger weg!“ Ganz offenbar ist in unserem Gehirn im Zusammenhang mit einer Kündigung etwas Negatives gespeichert. Ob das ein Erlebnis ist, das wir erinnern können, eine Gefühlserbschaft aus vorigen Generationen oder ein grundlegender Teil unserer Persönlichkeit — das gilt es nun zu ermitteln.
Einfach ist die Sache, wenn wir den Grund erinnern können. Zum Beispiel: Vor 15 Jahren hatte eine Kündigung eine längere Arbeitslosigkeit zur Folge und fühlte sich im Nachhinein als großer Fehler an.
Erst einmal fällt uns nichts ein, aber nach einer Einladung zum strukturierten Erinnern, wie ich sie immer wieder im Coaching ausspreche, kommt doch etwas zum Vorschein: ein Erleben, das ins Vorbewusste abgerutscht war. Da hatte ein Onkel früher immer davon gewarnt, nur ja keinen Job zu kündigen, sobald man noch keinen neuen Arbeitsvertrag hat.
Wir haben es mit einem Gefühlserbe zu tun, mit einer Geschichte zum Beispiel, die sich vor unserer Geburt ereignet hat. Da hatte der Jobverlust des Großvaters die gesamte Familie in große Not gebracht.
Die Idee, einen Job zu kündigen, verstößt gegen zentrale Werte, die unsere Persönlichkeit ausmachen — Verlässlichkeit, Sicherheit, Kontinuität. Auch hier haben wir es mit einem Gefühlserbe zu tun, das im Gehirn freilich sehr viel stärker verankert ist: auf der unteren limbischen Ebene unseres Gehirns, die genetisch, epigenetisch und vorgeburtlich geprägt wird, und im unbewussten Selbst, das sich in den ersten Lebensjahren entwickelt.
Je früher die Prägung, umso schwieriger ist sie zu verändern. Wenn in der Familie also Sicherheit über allem stand, vielleicht sogar ein Familientrauma von großer Not tangiert wird, dann wird der innere Alarm schon bei der Vorstellung einer Kündigung voll aktiviert. Handelt es sich dagegen, wie in Möglichkeit 1, „nur“ um eine schlechte Erfahrung, die im Verlauf des Berufslebens gemacht wurde, lassen sich Hindernisse deutlich leichter überwinden.
Aber was ist mit Zweifeln und Glaubenssätzen, die uns in der Familie und von der Gesellschaft eingeimpft wurden? Etwa so: „In deinem Alter nimmt dich eh‘ keiner mehr.“ „Was, wenn du die Probezeit nicht überstehst?“ Oder: Doofe Kolleg:innen gibt es überall. Beim nächsten Job wird es auch nicht besser … Ja, diese Zweifel und Glaubenssätze können sehr machtvoll sein. Aber ich kann euch versprechen: Sie lassen sich verwandeln.
Wichtig zu wissen: Durch reines Reden und Erklären und den bloßen Appell an die Einsicht lassen sich das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen nicht ändern. Das liegt daran, dass Sprache und kognitive Einsichten nur in der Großhirnrinde ankommen, und die hat keinen bedeutenden Einfluss auf die Verhaltenssteuerung. Sie ist auf einer tieferen Ebene des Gehirns verankert. Wenn wir Erleben und Verhalten also nachhaltig ändern wollen, müssen wir das limbische System ansprechen.
Und wie geht das? Den Weg weisen wiederum die Gefühle, dieses Mal aber die positiven. Nach Damasio sind positive somatische Marker zum Beispiel:
Diese Körperreaktionen werden von Botenstoffen ausgelöst, sogenannten Neurotransmittern. Vor allem vier sind bei Veränderungsprozessen für uns wichtig:
Es löst ein Gefühl von Zufriedenheit aus und belohnt uns damit, wenn wir neue Aufgaben positiv angegangen sind.
Es ist das Bindungshormon, das beim Erleben einer positiven Beziehung ausgeschüttet wird. Oxytocin sorgt dafür, dass wir uns Informationen besser merken können, weil das Gehirn durch diesen Botenstoff in einen lernbereiten Zustand versetzt wird. Zugleich dämpft es die Aktivität der Amygdala, wir haben also weniger Angst.
Dieser Botenstoff reguliert die Impulskontrolle und gibt uns mehr emotionale Stabilität.
Es wird bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet und erzeugt Gefühle von Euphorie und Zufriedenheit. Das kann die Motivation steigern.
Diese Botenstoffe geben uns ein gutes Gefühl. Wir können ihre Ausschüttung mithilfe entsprechender Interventionen bewirken — durch positive Begegnungen oder angenehme Erinnerungen. So versetzen wir uns in eine Grundstimmung, in der Veränderungen möglich werden.
Kommen wir zurück zu unserer großen Herausforderung: den viel zu lange ertragenen Job zu kündigen. Zum einen erleben wir unangenehme Körperreaktionen wie weiche Knie oder sogar leichte Übelkeit, wenn wir daran denken. Hier ist die Aufgabe zu erforschen, woher sie stammen. Die Möglichkeiten habe ich eben beschrieben.
Zum anderen können wir uns — nur mal probehalber — der Vorstellung öffnen, den Job gekündigt und einen neuen gefunden zu haben, der — ja, tatsächlich: Spaß macht, positive Erlebnisse mit Kolleg:innen und Wachstum ermöglicht, vielleicht sogar richtig gut bezahlt ist. Ja, träumen ist erlaubt — und es hilft. Und auch das gehört dazu: Der Stress hört auf, wir müssen uns nicht mehr schlecht behandeln lassen und gehen nicht mehr mit Bauchschmerzen zur Arbeit, sondern freuen uns auf den Tag. Das gibt es wirklich.
Welche somatischen Marker erleben wir jetzt? Vielleicht so etwas wie Leichtigkeit im Kopf und eine kraftvolle Energie, die uns durchströmt?
Ein wichtiges Signal! Denn hier erzählt uns der Körper davon, dass diese Vorstellung vom neuen Job ganz offenbar sehr gut zu unseren Wünschen, Werten und Bedürfnissen passt.
Das ist bei wahren Veränderungen der entscheidende Move: Das Gehirn verändert sich nur, wenn es einen triftigen Grund hat, und dieser Grund liegt in der Belohnung. Wenn wir von der Veränderung belohnt werden, wenn sie einen spürbaren Nutzen, einen Mehrwert hat. Wann ist das so? Wenn die Veränderung unsere Grundbedürfnisse befriedigt, zum Beispiel nach Nähe, Beziehung, Autonomie, Selbstwirksamkeit oder Identität. Wenn wir wirklich aus uns selbst heraus motiviert sind, etwas zu ändern, dann wird es eine Nachhaltigkeit haben. Und wir denken das nicht nur, wir spüren das auch.
Dazu sagt der Gehirnforscher Gerhard Roth: „Hohe kognitive Leistungen finden im Gehirn … immer nur dann statt, wenn die grundlegende Frage positiv beantwortet wird: ‚Welches ist für mich der Sinn dessen, was ich gerade tue?’“ Und weiter: „Wie bei aller Tätigkeit, fragt das Gehirn, ob sich der Aufwand lohnt.“ Deshalb spielt die Belohnungserwartung eine so wichtige Rolle — dass unser Gehirn Substanzen mit positiver oder lustvoller Wirkung bereitstellt. Wenn eine Veränderung bewirkt, dass die Glückshormone Dopamin, Serotonin und Endorphin ausgeschüttet werden, sind wir auf dem richtigen Weg.
Ist der alte Job damit schon gekündigt? Nein, noch nicht. Aber im Bewusstsein dessen, was der Körper uns über unsere Bedürfnisse, Sympathien und Aversionen erzählt hat, können wir jetzt viel fundierter über eine Lösung des Problems nachdenken. Und schließlich guten Gewissens entscheiden. Übrigens: Es hilft enorm, wenn wir Entscheidungen in aufgerichteter Haltung vornehmen und mit eindeutigen Gesten unterstreichen. Die Klarheit des Ausdrucks wirkt auf die Klarheit der Gefühle zurück.
Nun ist es das eine, eine schwierige Entscheidung zu treffen. Das andere, schlechte Gewohnheiten abzulegen und gute zu etablieren. Etwa selbstschädigendes Verhalten zu beenden und mit Selbstfürsorge zu beginnen. Das ist, wie wir wissen, nicht einfach. Aber die Kenntnis über Gehirnvorgänge hilft. Was wir als Veränderung im Leben etablieren wollen, müssen wir geduldig einüben. „Prozedurales Lernen“ ist der Fachbegriff dafür. In unserem Gehirn müssen neue neuronale Verknüpfungen angelegt, neue Wege der Verarbeitung gebahnt werden. Alte dagegen sollen ihre Macht verlieren.
Das ist zu Beginn mühsam, weil wir uns so sehr darauf konzentrieren müssen, nicht diese alten Muster zu bedienen, sondern die neuen. Deswegen müssen wir uns zunächst anstrengen, um bei der Sache zu bleiben. Erst langsam, dann aber immer schneller werden die neuen Abläufe automatisiert. Ich zum Beispiel schreibe seit neun Jahren jeden Morgen Tagebuch. Zuerst war das ein Angang, weil es ja auch Zeit kostet, aber irgendwann nahmen meine Füße vollkommen selbstständig den Weg an mein kleines Schreibpult zu Hause. Diese Routine hat mein Lebensgefühl grundlegend verbessert.
Wichtig zu wissen: Im Durchschnitt dauert es 66 Tage, bis wir eine Gewohnheit etabliert haben. Werden wir in dieser wichtigen Phase emotional unterstützt, geht es schneller. Hier spielt das Bindungshormon Oxytocin, das unser Lernen unterstützt, eine wichtige Rolle. Und die Konsolidierung einer Gewohnheit im Gehirn gelingt nur übers Schlafen. Ungeduld hilft gar nicht, sie schadet eher. Komplexe Umbauprozesse brauchen Zeit und lassen sich nicht abkürzen.
Und so lassen sich also nachhaltige Veränderungen bewirken:
Was bedeutet all das für ein Coaching oder eine Therapie? Beides ist ja der Ort, an dem es immer auch um Veränderungen geht. Hier gibt es solide Forschungsergebnisse, die fünf Erfolgsfaktoren benennen. Und es überrascht natürlich nicht, dass sie die Erkenntnisse der Neurobiologie über Veränderungsprozesse bestätigen. Die Faktoren sind:
Wenn das Gehirn fragt, „lohnt sich der Aufwand“, dann lautet die Antwort ganz klar „Ja“. Und damit hat die Veränderung dann schon begonnen.

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