
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Traumata sind ein zentraler Aspekt für unser Thema der Gefühlserbschaften, und ihre transgenerationale Weitergabe ist für viele Menschen tatsächlich der erste Berührungspunkt damit. Wie sie nicht nur uns ganz persönlich betreffen können, sondern ihre schädliche Wirkung auch in Familie und Beziehung entfalten, darum geht es in diesem Beitrag. Worauf ich aber vor allem meinen Fokus richten werde: wie wir ein Trauma überwinden können und was das für unser Lebensgefühl bedeutet.
Eine Bemerkung vorweg: was im Zusammenhang mit Trauma eigentlich „Heilung“ bedeutet. Das ist ja ein großes Wort. Es vermittelt den Eindruck, als könne ein Trauma restlos getilgt werden. Die Beschreibung, die Mediziner für Heilung verwenden, heißt: „restitutio ad integrum„. Damit ist die Wiederherstellung des unversehrten Zustands nach der Heilung einer Erkrankung gemeint. Die aber kann es bei einem Trauma nicht geben, denn Spuren werden bleiben. Das Gehirn vergisst nicht.
Warum wir trotzdem sehr gut damit leben, ja nach der Überwindung sogar einen Vorteil daraus ziehen: Auch das ist Inhalt dieses Beitrags.
Zuerst möchte ich eine Szene aus einer körperbezogenen Traumatherapie beschreiben, wie sie mir von der Hamburger Therapeutin Sonika Husfeld-Suethoff erzählt wurde.
„Auf einmal ist da ein Gluckern im Bauch. Ein tiefes Durchatmen. Der Körper, eben noch im Sessel zusammengekauert, strafft sich ein wenig. Die Brust öffnet sich. Ein kurzes Aufleuchten im Gesicht, in die erstarrte Mimik kehrt Leben zurück. Der Blick verlässt den Boden. Sein Horizont wandert nach oben, der Radius weitet sich. Tastend bewegen sich die Augen durch den Raum, zaghaft auf der Suche nach Kontakt. Die Stimme klingt auf einmal voller, tiefer.“
Was ist passiert? Im Autonomen Nervensystem ist eine Botschaft der Hoffnung angekommen. Unser Bewusstsein, zuvor gefangen in immer gleichen Gedankenkreiseln und Grübeleien, hat ein Türchen gefunden, eine neue Perspektive auf eine verfahrene, scheinbar aussichtlose Situation. Jetzt spüren wir ein warmes Gefühl im Bauch, das Herz wird leichter, der Kopf klarer, der Atem tiefer. Die Spange der Kontraktion, die uns in einer geduckten, zusammengezogenen Haltung gehalten hatte, löst ihre Umklammerung ein wenig. Das Trauma hat etwas von seiner Macht verloren.
Vielleicht habt ihr etwas Ähnliches auch schon erlebt. Das muss nicht in einer Therapie gewesen sein. Wie ein Problem euch niedergedrückt hatte, geradezu paralysiert, aber dann gab es einen positiven Impuls. Einen hilfreichen Gedanken, einen Silberstreif am Horizont – und auf einmal konntet ihr euch ein ganz klein wenig entspannen. In einem solchen Moment denken wir nicht mehr nur, dass es Hoffnung gibt: Wir empfinden sie.
Das ist ein zentral wichtiger Aspekt für das Verständnis von Traumata. Sie sind nicht nur ein Phänomen der Gedanken und Gefühle, sondern auch des Körpers.
Was wir mental und emotional erleben, ist aufs Engste mit Prozessen im Körper verwoben. Die Signale der Hoffnung etwa laufen über den Vagus-Nerv. Er ist der längste unserer zwölf Hirnnerven und ein Teil des Autonomen Nervensystems, zuständig für Erholung, Ruhe und Verdauung. Er führt vom Hirnstamm an der Schädelbasis sowohl aufwärts zu Hals, Kehle, Augen und Ohren als auch abwärts zu Lunge, Herz, Zwerchfell und Magen. Bekommt er einen positiven Impuls unseres Bewusstseins, wirkt das entspannend.
Haben wir dagegen häufig große Angst und heftigen emotionalen Schmerz erlitten, zeigt sich das in einer chronischen Muskelspannung. Diese Erstarrung soll dem Schutz von Stress und Trauma dienen, reduziert aber zugleich unsere Fähigkeit zu fühlen. Gefühle, die wir nicht durch eine lebhafte Mimik oder Gestik ausdrücken, weil wir uns durch Gedanken oder unbewusste Ängste kontrollieren, werden als Muskelanspannung im Körper gehalten. Ein fester oder geschlossener Mund und ein verspannter Kiefer können jede Kommunikation von Gefühlen blockieren. Die Muskulatur in Schultern und Nacken hält Angst und Schrecken fest. Handgelenke wirken oft unbelebt, unfähig zu einer abwehrenden Geste. Der Körper ist in einer Art Überlebensphysiologie gefangen: Er steht unter hoher Spannung, ist aber kaum belebt.
Der amerikanische Traumatologe Bessel van der Kolk sagt: „Der Körper vergisst nicht und nichts.“
Aber woher kommt das eigentlich – was ist da gespeichert? Es ist eben ganz oft ein Trauma.
Wir unterscheiden drei Arten von Traumata:
Wie alle wissen, die sich mit dem Thema der Kriegskinder und Kriegsenkel befasst haben, sind es nicht selten alle drei Arten von Trauma, die das Leben vieler Menschen geprägt haben und prägen. Das begann nicht selten direkt nach ihrer Geburt. Der Umgang mit Säuglingen und kleinen Kindern, wie sie der Nationalsozialismus forderte und in Millionen Haushalte trug, war aus Sicht der heutigen Bindungsforschung eine Anleitung zur Kindesmisshandlung. Die in dieser Form heute, zum Glück, verboten ist.
Aber in diesem Geist wurden viele unserer Eltern erzogen, ebenso viele der bis 1980 Geborenen. Hinzu kommt, dass die Eltern nicht selten selbst traumatisiert waren. Und ein kindliches Nervensystem lernt früh, sich an diese Umgebung anzupassen. Wir stellen uns irgendwie darauf ein, dass der Vater cholerisch, die Mutter hartherzig ist, dass wir nicht gefördert, sondern bestraft werden, nicht liebevoll aufgehoben sind, sondern ständig wachsam sein müssen.
Als Kinder erklären wir uns dieses verletzende Verhalten unserer Eltern damit, dass wir wohl schlechte Menschen sind, denn sonst würden die Eltern uns ja nicht so behandeln. Wir versuchen die schmerzhaften Erfahrungen einzudämmen, in dem wir unseren Körper kontrahieren. Im Geist entwickeln wir Glaubenssätze, die die Erfahrung verständlich machen sollen. Wir geben uns also selbst die Schuld an den Übergriffen.
Und das hat Langzeitwirkung. Das Trauma hebt die zwischenmenschliche Verbundenheit auf, es beschädigt unsere Fähigkeit, anderen zu vertrauen und uns mit ihnen verbunden zu fühlen. Das sind so eigentümliche Situationen, in den wir besonders empfindlich reagieren, irgendwie verstummen oder aufbrausen und hinterher denken: „Was war das denn?“ Wir sind uns selbst ein Rätsel. Aber wir begeben uns immer wieder in solche Situationen. Viele Traumatisierte suchen sich immer wieder Umstände, die an das ursprüngliche Trauma erinnern, haben Traumatologen beobachtet. Und so gehen wir dann Beziehungen ein, die uns nicht guttun, und verharren darin, weil wir es nicht anders kennen. Wir tun das, weil wir unbewusst an der alten, kindlichen Bindungsbeziehung zu unseren Eltern festhalten.
Aber wie kann es anders gehen? Was brauchen wir dafür?
Damit Heilung möglich wird, müssen wir uns sicher fühlen. Zumindest in der Beziehung mit der Therapeutin, dem Therapeuten. Ich kann und möchte hier nicht auf Methoden der Traumatherapie eingehen, erst recht keine Empfehlungen geben. Das hat auch diesen Grund: Die Beziehung zwischen Patient:in und Therapeut:in, so belegt es die Therapieforschung, ist für den Erfolg viel bedeutsamer als die Methode. Ohne Vertrauen dagegen ist eine Therapie zum Scheitern verurteilt.
Noch einmal Bessel van der Kolk:
„Traumatisierte können erst genesen, wenn sie sich mit den Empfindungen in ihrem Körper vertraut gemacht und mit ihnen Freundschaft geschlossen haben. Körperliches Selbstgewahrsein ist der erste Schritt auf dem Weg zur Befreiung von der Tyrannei der Vergangenheit.“
Unsere Sehnsucht nach Kontakt, nach echtem Kontakt, in dem wir die sein können, die wir sind. Frühe Erfahrungen haben viele von uns gelehrt, diese Sehnsucht nicht fühlen zu wollen, ja zu dürfen. Aber wenn im Außen ein Hoffnungsschimmer entsteht, dann taucht sie wieder auf. Das ist der Motor, den wir für die Heilung nutzen können.
Es ist eine Pendelbewegung. Wir erleben, wir dürfen Hoffnung haben, wir entspannen ein wenig. Dann trauen wir uns ein kleines Stück weiter hinaus in eine Situation, die wir vorher gemieden haben, gehen wieder zurück in die Sicherheit, und so wird die Amplitude des Pendelns langsam immer größer. Das ist das natürliche Gefühl von Extension und Kontraktion. So schaffen wir ein größeres Containment, wie Therapeut:innen es nennen.
Wenn wir uns überfordern, macht das System komplett zu – das ist nicht anders als beim Sport. Es ist ein Sicherungssystem, das uns einfrieren lässt. Es schafft Schutz. Aufzumachen für die Hoffnung bedeutet, dass wir diese Sicherheit ein ganz klein wenig verlassen. Das ist die Frage: wie weit geht das? Auch mit der Hoffnung sollen wir vorsichtig umgehen.
Entscheidend ist auch der Wunsch nach Heilung. Es ist die Bereitschaft, dass wir für uns wirklich für Heilung einsetzen wollen. Oft genug suchen Traumatisierte gar nicht unbedingt Hilfe. Die Gesundheitsexpertin Christina Bethell sagt: „Es gibt viele Abwehrreaktionen und gesundheitlich ungünstige Verhaltensweisen. Betroffene müssen sich schon bewusst den Dingen zuwenden, von denen bekannt ist, dass sie das persönliche Wohlbefinden fördern. Darunter Meditation und Bewegung, aber natürlich auch Ernährung und Sport und andere grundlegende Dinge, die aufgrund einer Traumatisierung gern ins Hintertreffen geraten.“ Es geht also auch darum, selbstschädigendes Verhalten zu beenden, egal ob es um den Konsum von Alkohol oder anderen bewusstseinsverändernden Substanzen geht, um exzessives Spielen oder Kaufen.
Als Traumatisierte müssen wir wieder lernen, uns selbst, unsere Gefühle, unseren Körper, unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche, unsere Liebe zu spüren. Dass wir all das so lange vermieden haben, war eine sinnvolle, womöglich überlebensnotwendige Schutzreaktion. Aber jetzt geht es uns ja um eine Veränderung hin zu einem freieren Leben.
Und dafür brauchen wir andere Menschen. Die Traumatherapeutin Dami Charf betont die grundlegende Bedeutung der persönlichen Verbundenheit: „Bindung (…) lernt man nur durch Bindung. Man kann es sich leider nicht anlesen. Ich brauche ein Gegenüber, dass in der Lage ist, mit mir in Beziehung zu gehen.“
Genau deswegen übrigens sind positive Begegnungen in Workshops und Selbsthilfegruppen so heilsam.
Auch zu denjenigen, die uns immer wieder verletzt haben. Ich zitiere die Therapeut:innen Gabriele Frick-Baer und Udo Baer. Sie sagen: „Zeigen Sie Ihre Verletzung! Wenn Sie Ihre eigene Verletzung und Verletzlichkeit verbergen, wird sich nie etwas ändern. Vielleicht kann der Vater, die Mutter, vielleicht können die Großeltern ihr Verhalten nicht ändern – Einschub von mir: oder andere Menschen, unter deren Verhalten wir leiden –, aber sie können zumindest sagen, dass es ihnen leidtut und sich vielleicht um eine Veränderung bemühen.“
„Wenn dies nicht gelingt, dann suchen Sie andere Menschen, denen Sie im lebendigen Kontakt begegnen können. Setzen Sie dem Trauma in Ihrer Familie und in Ihren anderen Beziehungen Ihre eigenen Erfahrungen, Ihre eigene Lebendigkeit entgegen.“
Möglicherweise sogar durch einen Abbruch des Kontakts. Das Trauma ist ein Teil von uns, aber wir sollten uns nicht ausschließlich darüber definieren. Irgendwann muss es darum gehen die Teile von uns, die ihm nicht unterstehen, auszuweiten und zu leben. Wenn uns Menschen daran hindern zu wachsen, wird es uns ohne sie besser gehen als mit ihnen.
Trauer ist die Emotion der Veränderung. Sie ermöglicht, dass wir den Kampf aufgeben, dass wir uns verabschieden, zum Beispiel von Hoffnungen, die sich nicht mehr erfüllen werden. Wir dürfen darüber weinen, dass Beziehungen endgültig gescheitert sind. Und so ermöglicht Trauer oft erst das emotionale Wachstum, die innere Möglichkeit und Bereitschaft zum Eingehen neuer Beziehungen. Wie lange diese Trauer dauert, kann niemand sagen. Menschen trauern sehr unterschiedlich. Aber irgendwann merkt man – „jetzt bin ich wieder frei für das Neue.“
Ich fasse noch einmal zusammen, was wir brauchen, um Traumata zu überwinden:
Und all das ermöglicht dann eine wahre Transformation. Haben wir das Trauma überwunden, geschehen wichtige Dinge. Wir sprechen dann von einem post-traumatischen Wachstum.
Braucht es eine Therapie? Das hängt von der Intensität der traumatischen Erfahrungen ab, aber wahrscheinlich schon. Allerdings liegt die meiste Arbeit bei uns, die wir immer heiler werden wollen. Ja, wir brauchen auch Geduld. Woran wir viele Jahre, manchmal Jahrzehnte gewöhnt waren, löst sich nicht in ein paar Wochen auf. Aber Geduld und Dranbleiben zahlen sich aus. Denn auf einmal ist da ein vollkommen neues Lebensgefühl, leichter, erfüllter, liebevoller. Uns stehen Potenziale und Energien zur Verfügung, von denen wir nichts wussten. Und wir merken: wow, dafür hat es sich echt gelohnt!

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