
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Das Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata wühlt viele Menschen auf. Das ist verständlich. Zu erkennen, dass wir manchmal wie aus der Vergangenheit ferngesteuert handeln, dass uns von Eltern oder Großeltern vor vielen Jahrzehnten erlittene emotionale Verletzungen heute noch beeinflussen können, ist ja auch tatsächlich eine beeindruckende Sache. Vor allem, wenn wir ihre Auswirkungen in ganz alltäglichen Dingen erleben.
Auf meinem Instagram-Account gab es vor einer Weile eine kleine Reihe von Posts, die den Titel trug: „So klingt ein Gefühlserbe.“ Es sind Sätze, wie diese, in denen sich ein Erbe spiegelt: „Ich kann einfach nichts wegschmeißen, auch wenn meine Wohnung schon überquillt.“ Oder „Ich kümmere mich immer nur um andere – meine eigenen Bedürfnisse kommen viel zu kurz.“ In den Begleittexten erkläre ich, welches transgenerationale Erbe sich dahinter verbergen kann. Vor einigen Tagen veröffentlichte ich diesen Satz: „Jedes Mal, wenn ich für den Urlaub packen soll, komme ich enorm unter Stress!“ Und das hatte ganz offenbar einen Nerv getroffen. „Ich kenne das nur zu gut“, schrieb mir eine Followerin. „Ich dachte, das geht nur mir so“, eine andere. „Oh, das ist jetzt echt hilfreich“, schrieb eine dritte. „Jetzt verstehe ich mich zum ersten Mal. Da läuft also ein ererbtes Programm ab.“
Ja, was sie und viele, viele andere Menschen erleben, kann ein ererbtes Programm sein, eine Reinszenierung der Vergangenheit. Die Ursache kann darin liegen, dass ihre Eltern oder Großeltern am Ende des 2. Weltkriegs aus ihrer Heimat flüchten mussten oder von dort vertrieben wurden. Ähnlich geht es übrigens meinem Zahnarzt, dessen Eltern vor politischer Verfolgung aus dem Iran geflüchtet sind. Und jetzt ist eben jede größere Reise wie kontaminiert von der Angst, nie mehr nach Hause zurück zu dürfen.
Wenn ich von diesen Zusammenhängen in Vorträgen oder Workshops erzähle, schaue ich oft in staunende Gesichter. „Echt? Ach, deswegen …“ – diese Verblüffung zeigt sich in der Mimik. Nicht selten erlebe ich aber auch Skepsis. Für viele Menschen klingt es gar zu unwahrscheinlich, dass ein Trauma, das die Eltern oder Großeltern vor vielen Jahren erleiden mussten, heute noch das Leben der Kinder und Enkel bestimmen könnte – und sich in solch alltäglichen Situationen äußert!
Genau deswegen gibt es den Podcast „Gefühlserben“ und dieses Portal: weil es Studien in großer Zahl gibt, weil wir hier nicht von Esoterik sprechen, sondern Epigenetik, Soziologie, Bindungsforschung, Familientherapie und Psychoanalyse. Und, das gleich mal vorweg, auch von unserer alltäglichen Erfahrung.
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ – diese Redewendung kennen wir alle. Wir erkennen in der Tochter die Mutter, im Sohn den Vater oder auch in allen Vieren die Großeltern. Auf Fotos suchen wir mit Neugier und Vergnügen die Familienähnlichkeit und forschen in Lebensläufen oder Karrieren nach den Analogien. Nicht selten werden wir fündig und sagen dann „ganz der Vater, ganz die Mutter, ganz die Oma“. Ist mit dieser Ähnlichkeit Ärger verbunden, kann das auch schon mal so klingen: „Du bist genau wie dein Vater!“
Dass es in Familien Traditionen gibt, Eigenschaften, die übereinstimmen, Talente und berufliche Neigungen, die sich über mehrere Generationen erhalten, wissen wir und kennen das vielleicht auch von zu Hause. Die Forschung belegt seit Jahrzehnten, wie sich das Sozial- und Erziehungsverhalten in Familien vererbt, wie stabil auch die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten ist. Und natürlich erleben wir darin das Phänomen transgenerationaler Übertragung.
Und doch ist die Entwicklung unserer Psyche nicht einfach das Ergebnis dieser Übertragungen. Tatsächlich ist sie, wie ich finde, nichts weniger als ein Wunder. Wie sich unser Wesen ausbildet, unsere Fähigkeit zur Kommunikation, zur Selbstregulation, später zum Umgang mit Konflikten, gehört für mich zu den faszinierendsten Fragen des Lebens. Und natürlich ist sie Gegenstand zahlloser Forschungen und Theorien, die immer tiefere Einsichten und Erkenntnisse hervorbringen. Lange überholt ist ja die Vorstellung, ein Mensch komme gleichsam als weißes Blatt zur Welt, das dann vom Leben beschrieben werde.
Freilich ist diese Vorstellung für unser Thema wichtig. Sie erklärt die Skepsis vieler gegen das Phänomen der transgenerationalen Übertragung. Immer wieder behaupten ja Menschen, die im Krieg oder während einer Flucht noch Säuglinge waren, das alles sei für sie ohne Bedeutung; sie hätten ja gar nichts mitbekommen. Ein Irrtum. Heute wissen wir, dass gerade diese frühen Erfahrungen massive Spuren in der Psyche hinterlassen. Schon vom dritten Monat der Schwangerschaft an zeigen Ungeborene ganz individuelle Reaktionen auf äußere Reize, und mit jedem Monat prägen sich die Sinne stärker aus. Schon diese Erfahrungen vor der Geburt hinterlassen ihre Spuren, erst recht natürlich aber unsere Erlebnisse, nachdem wir auf die Welt gekommen sind.
Abseits der Gene, die wir in uns tragen, entwickelt sich also im Kontakt mit den Eltern die Psyche. Alles, was sie uns entgegenbringen, findet in uns Resonanz. Dabei geschieht Transmission, sie ist kein kontrollierter Vorgang. Es gibt natürlich eine bewusste Weitergabe von Haltungen, Handlungen und Werten, aber das allermeiste, das uns übertragen wird, ist unbewusst. „Wir können nicht nichts weitergeben an die nächste Generation“, sagt der Psychoanalytiker Dieter Bürgin. „Transmission ist etwas Unumgängliches.“
Aber wie genau läuft sie ab? Es sind vor allem vier Wege:
Fangen wir mit den Genen an. Unsere Eltern vererben uns aus dem Genpool ihrer Familien nicht nur Körperbau oder Augenfarbe, sondern auch Intelligenz, spezielle Talente sowie zum Beispiel die Bereitschaft, sich engagiert für eine Sache einzusetzen. Ebenso kann die Disposition für körperliche und psychische Erkrankungen vererbt werden.
Was nicht über das Erbgut – das Genom – vererbt werden kann, sind negative oder gar traumatische Erfahrungen. Diese Vererbung läuft über das Epigenom. Und damit sind wir bei einer vergleichsweise jungen Wissenschaft, die völlig neue Einsichten in die transgenerationale Weitergabe ermöglicht hat: die Epigenetik.
Im Genom ist alles vorhanden, was einen Menschen zu dem macht, was er ist. Das Genom ist jedoch nicht allein entscheidend dafür, wie wir uns entwickeln. Viel wichtiger noch ist das Epigenom, es sitzt auf den Genen. Das Epigenom ist wie ein Regulationssystem, das bestimmt, welche Gene an- oder abgeschaltet werden, welche also aktiviert sind und welche nicht. Und hier kommt die transgenerationale Weitergabe von Traumata ins Spiel.
Starker Stress, Hunger und Unterdrückung, aber auch Traumata durch Gewalt verändern das Epigenom und diese Veränderungen werden vererbt. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Mittlerweile liegen zahlreiche Studien zur epigenetischen Weitergabe von Traumata vor, sie gehen bis auf die Pionierarbeit der New Yorker Psychiaterin Rachel Yehuda zurück.
Diese Forschungen haben herausgefunden, warum zum Beispiel:
Grundsätzlich sichert die Vererbung des Epigenoms unserem Organismus das Überleben: indem sie uns anpassungsfähig macht an Umweltbedingungen. Aber sie kann eben auch negative Auswirkungen haben: weil Traumata oder chronischer Stress das Epigenom so verändern, dass etwa die Anfälligkeit für Depressionen, Zwangserkrankungen oder Panikstörungen steigt.
Die gute Nachricht ist: Das Epigenom kann sich nicht nur zum Negativen, sondern auch zum Positiven verändern. Es gibt erste Hinweise, dass auch Psychotherapien diesen Effekt haben könnten. Die Studienlage ist zwar noch nicht sehr belastbar, aber die Hoffnung darauf dürfen wir haben.
Ein zweiter Weg der Übertragung: die frühe Bindungserfahrung.
Früher war man der Meinung, ein Säugling könne eigentlich nicht mehr als schlafen, schreien und trinken. Heute weiß die Forschung, wie schnell ein Neugeborenes die Fähigkeit zur Wahrnehmung und Interaktion entwickelt und, ja, die Beziehung zu den Eltern mitgestalten kann. Das sehen wir auch an den Gesichtsausdrücken, die Säuglinge und Kleinkinder schon ganz früh zeigen: Die Ausdrücke für Interesse und Neugier, Überraschung und Ekel sind von Geburt an da, Freude sieht man ihnen spätestens ab vier bis sechs Wochen an, Ärger und Traurigkeit mit zwei bis vier Monaten, Furcht ab sechs bis sieben Monaten und Schuld ab dem zweiten Lebensjahr. Natürlich können Säuglinge nicht verstehen, was Bezugspersonen zu ihnen sagen. Aber der Klang der Sprache, die Melodie, das Tempo und der Rhythmus, wirken auf sie, ebenso die Körpersprache der Bewegungen, Gesten und Gesichtsausdrücke. So werden Emotionen kommuniziert, sind diese kleinen Wesen empfänglich für die „Geister im Kinderzimmer„, wie die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg in ihrem berühmt gewordenen Zitat formulierte.
Das ist, zugegeben, ein etwas gruseliges Bild.
Fraiberg meint damit die abgespaltenen und unbewussten Anteile in der Psyche der Eltern, Großeltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen. Ihre verdrängten Ängste etwa: Wenn die Stimme der Mutter einen schrillen Ton bekommt, die Gesichtszüge des Vaters sich verhärten, Wut oder Not, Aggression oder Verzweiflung den Raum bestimmen, dann beginnt der Spuk der Geister. Und der Säugling, ganz offen und ungeschützt in der emotionalen Atmosphäre seiner Eltern, nimmt sie in sich auf. So werden auch Traumata weitergegeben und können zu Introjekten der Kinder werden, wiederum unbewussten Anteilen, die unser Verhalten steuern. In Erlebnissen, Fantasien, Träumen und spontanen Reaktionen auf kritische Situationen werden sie aufs Neue inszeniert.
Hier haben wir also einen möglichen Übertragungsweg für ein Fluchttrauma von früher auf die Vorbereitung einer Reise von heute.
Mithilfe seiner ganz feinen Wahrnehmung entwickelt der Säugling in den ersten Monaten einen ersten Eindruck von der Welt: „ob sie ein Ort von Ungewissheit und Angst ist oder ein Ort der Sicherheit und des Willkommenseins.“ Hoffen wir auf das zweite. Denn das wird tief eingespeichert. Natürlich können wir uns später nicht mehr daran erinnern, es gibt keine Bilder oder Sätze aus dieser Zeit. Der dafür zuständige Teil unseres Gehirns ist noch nicht weit genug entwickelt. Das bedeutet aber nicht, dass diese Erfahrungen nicht mehr existieren. Unter Stress können sie aktiviert werden. Ängste, für die wir keine Erklärung haben, tauchen dann wieder auf, allerdings, ohne dass wir ihre Ursache erkennen könnten. Das macht diese Gefühlserbschaften so rätselhaft.
Der vierte Weg der Übertragung ist die Prägung im Familiensystem.
Die Eltern unter euch kennen das: Im Aufwachsen unserer Kinder werden wir mit Erlebnissen und Gefühlen aus unserer eigenen Kindheit konfrontiert. Und zwar ziemlich genau aus jenem Alter, in dem sich das Kind gerade befindet. War dies eine glückliche Phase unseres Lebens, ist das ein wunderbares Erlebnis. War es aber eine unglückliche, bedrängende, womöglich leidvolle Zeit, entsteht eine schwierige Situation. Zunächst für uns. Denn jetzt werden all die vergessenen, womöglich verdrängten Erinnerungen und Emotionen wieder wach, die uns schon damals gepeinigt hatten. Darin liegt die Chance, sie ins Bewusstsein zu holen, zu bearbeiten und zu integrieren.
Darin liegt aber genauso ein Risiko: für das Kind. Indem wir die Wahrnehmung abwehren und den schmerzhaften Blick in unsere Kindheit verweigern und vielleicht sogar das Kind für diese negativen Gefühle verantwortlich machen.
Vor allem traumatisierte Eltern neigen zu dieser Abwehr, und ihre Reaktionen sind oft umso schärfer, je näher das Verhalten des Kindes an das eigene Trauma kommt. Nicht selten unterliegen sie einem Wiederholungszwang. Obwohl sie sich geschworen haben, „ich werde mein Kind auf keinen Fall anbrüllen, niedermachen, erst recht nicht schlagen“, erleben sie sich in einem Ausbruch genau dieses Verhaltens. Spätestens jetzt ist es Zeit für eine Erziehungsberatung, eine Therapie, ein Coaching. Statt sich mit Selbstvorwürfen zu martern, ist es besser, den Ursachen auf die Spur zu kommen und sie in einer Therapie zu bearbeiten.
Ja, die Muster, nach denen eine Familie sich organisiert, kommuniziert, Konflikte bearbeitet oder verdrängt, wie Geschlechterrollen vorgelebt, Kinder erzogen, Kontakte gepflegt oder abgebrochen werden, diese Muster sind oft sehr stabil. Aber unveränderlich sind sie nicht – das zeigen viele Beispiele, die ich aus meiner Praxis kenne. Da haben Eltern eben doch ein vollkommen anderes Verhältnis zu ihren Kindern etabliert, als sie es selbst als Kinder erlebt haben.
Ich möchte noch einmal auf den Zweifel zurückkommen, der die Weitergabe von Gefühlserbschaften und transgenerationalen Traumata begleitet: Wie kann ich reinszenieren, was ich nicht erlebt habe, wovon ich womöglich noch nicht einmal viel weiß? Wir dürfen fasziniert sein davon, was Menschen alles spüren können. Unsere Wahrnehmung ist so fein, unsere Vorstellungskraft so mächtig, dass wir viel mehr aufnehmen und an inneren Bildern entwickeln, als uns bewusst ist.
Das ist gerade auch im Umgang mit unseren Kindern wichtig: nicht zu glauben, dass sie wichtige Dinge nicht mitbekommen, wenn wir nur nicht darüber reden. Mit dem Schweigen verbindet sich bei vielen Menschen eine durchaus verständliche, aber leider naive Hoffnung –dass sich damit die Bindung an eine belastete Familiengeschichte einfach auflöse. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es entstehen Fantasien, die manchmal bedrängender sind als das, was tatsächlich passiert ist. Sie binden die Nachkommen nur umso stärker an das verschwiegene Erbe und verhindern, dass sie sich frei und unbeschwert entwickeln können.
Aber wie können wir diese Muster nun auflösen? Um das Beispiel noch einmal aufzugreifen: Wenn wir eben nicht mehr diesen totalen Stress beim Packen für den Urlaub erleben wollen. Achtsamkeit hilft. Wahrnehmen, welche Emotionen kommen und sich ins Bewusstsein rufen, was sich dahinter verbirgt. Das nimmt schon mal Spannung. Sich nicht verurteilen, wenn es schwierig ist. Sich sagen: „Ich bin nicht meine Oma, die fliehen musste. In zwei Wochen bin ich wieder da, und ich kann mich schon jetzt auf die Rückkehr in mein schönes Zuhause freuen.“ Das Ganze mit Neugier und Interesse anschauen und Geduld haben mit sich selbst. Das sind uralte Muster, die sich nicht von jetzt auf gleich auflösen.
Das ist die Handlungsebene, auf der wir agieren können, wenn wir eben packen wollen oder müssen. Wir können die Sache aber auch grundsätzlicher angehen. Dann geht es darum, die Geschichte der Familie eingehender zu recherchieren, ihr Leid zu würdigen und zu betrauern. Das braucht mehr Zeit. Es reicht aber auch deutlich tiefer, lässt uns insgesamt ruhiger werden und endlich in unserem eigenen Leben ankommen.

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