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Parentifizierung: Wenn Kinder für das Glück ihrer Eltern verantwortlich sind

Wie Parentifizierung sich zeigt, wie sie unser ganzes Leben bestimmen kann und natürlich auch: wie wir uns davon befreien – darum geht es in diesem Beitrag. Denn für unsere innere Freiheit, für unsere Möglichkeiten, unser ganzes Potenzial abzurufen, mit Freude unseren ureigenen Aufgaben und Sehnsüchten zu folgen: Dafür ist Parentifizierung ein großes Hindernis. Für manche Menschen das größte ihres Lebens. Umso wichtiger zu verstehen, was es damit auf sich hat.

Vorwegschicken möchte ich ein Bonmot des Psychotherapeuten Paul Watzlawick, das ich besonders liebe: „Bei der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein.“ Ich schätze, die meisten von uns wissen genau, was er meint.

Parentifizierung: die Rollenumkehr zwischen Eltern und Kindern

Was also ist Parentifizierung?

  • Es sind die schrecklichen Erinnerungen daran, wie du als Kind vollkommen davon überfordert warst, deinen depressiven Vater stabil zu halten.
  • Es ist die Befürchtung, dass deine Eltern enttäuscht sind, wenn du sie mal nicht besuchst, sondern mit Freund:innen ins Kino gehst.
  • Es sind diese Sonntagnachmittage, an denen du wieder Streit zwischen den Eltern schlichten musst.
  • Es ist das miese Gefühl, wenn du eine schöne Urlaubsreise nur für dich und deine Freundin buchst – obwohl deine Mutter gerade gejammert hat, sie würde so gerne mal wieder mit dir an die Nordsee fahren, ganz so wie damals.
  • Es sind die Abende, die du damit zubringst, den Klagen deines Vaters über seine geschiedene Ehefrau zuzuhören – also über deine Mutter.
  • Es ist das schlechte Gewissen, wenn du deine Eltern eine ganze Woche nicht angerufen hast.

Es ist, zusammengefasst, das Gefühl, dass du dafür sorgen musst, dass deine Mutter oder dein Vater glücklich sind. Und wenn schon nicht glücklich, dann doch wenigstens nicht ganz so unglücklich.

Was für eine schwere Last.

Bedeutung des Begriffs: Kinder werden zu Eltern „gemacht“

Um besser zu verstehen, was es mit Parentifizierung auf sich hat, hilft der Blick auf den Begriff. Er hat zwei Wortstämme aus dem Lateinischen: Parentes für Eltern und facere für machen. Es geht also darum, dass jemand zu einem Elternteil gemacht wird. Fachlich gesprochen ist Parentifizierung eine Rollenumkehr: Das Kind muss sich um die Eltern kümmern, statt dass die Eltern sich um das Kind kümmern.

Die zwei Arten der Parentifizierung: Instrumentell und emotional

Und dann unterscheiden wir verschiedene Arten dieser Indienstnahme.

Instrumentelle Parentifizierung: Wenn Kinder den Haushalt übernehmen

Bei der instrumentellen Parentifizierung muss das Kind Aufgaben erledigen, für die eigentlich erwachsene Familienmitglieder zuständig wären: den Haushalt schmeißen, jüngere Geschwister versorgen und erziehen, alte Angehörige pflegen oder sich um psychisch kranke Verwandte kümmern.

Wichtig zu wissen: Parentifizierung ist nicht, wenn man als großer Bruder die kleinen Geschwister vor den Rabauken von gegenüber beschützt, für Oma mal einkauft oder ihr aus der Zeitung vorliest, weil sie nicht mehr gut gucken kann. Parentifizierung ist es, wenn einem als Kind die Verantwortung für die Geschwister oder die Oma übertragen wird. Und man womöglich sogar bestraft wird, wenn man damit überfordert ist.

Emotionale Parentifizierung: Das Kind als Nothelfer und beste Freundin

Bei der emotionalen Parentifizierung muss ein Kind oder Jugendlicher als Stütze für Mutter oder Vater herhalten. Als Nothelfer, beste Freundin oder bester Freund. Ehrlich gestanden gruselt es mich immer ein bisschen, wenn ich diesen Satz höre: „Meine Tochter ist mit 14 schon so reif, sie ist meine beste Freundin.“ Dann frage ich mich, was diese Tochter alles erzählt bekommt. Auch Dinge, die eigentlich nur Erwachsene angemessen verarbeiten können? Und ich frage mich, welche Lasten sie für Mutter oder Vater tragen soll. Wie muss eine Jugendliche davon verunsichert werden?

Von emotionaler Parentifizierung sprechen wir auch, wenn Kinder im Ehestreit als Verbündete gegen den anderen Elternteil herhalten müssen, möglicherweise sogar als Ersatz für Partnerin oder Partner. Das passiert oft, wenn Eltern sich trennen.

Was immer die Aufgabe sein mag, die Eltern, einer oder beide, dem Kind oder Jugendlichen zuweisen – sie ist viel zu viel für die junge Psyche, eine totale Überforderung. Die Last ist zu schwer.

Warum Kindern die Überforderung oft nicht bewusst ist

Das Dumme ist: Den Kindern ist das oft nicht bewusst. Das kann zum einen daran liegen, dass sie es nicht anders kennen. Von Geburt an war klar: „Du bist mein Sonnenschein, du musst mich glücklich machen.“ Wer so aufwächst, stellt das nicht infrage. Und versagt sich jedes negative Gefühl, jedes aufmüpfige Verhalten. Und es gibt ja auch Lob dafür, wie brav und pflegeleicht man doch sei.

Oder der Prozess läuft schleichend ab. Das Kind wird immer stärker in die Ehestreitigkeiten hineingezogen, zum Trösten, Unterstützen oder Vermitteln. Nach der Trennung ist es der Kummerkasten, dem die Gegner ihr Herz und ihre Nöte ausschütten. Nicht selten unterlegt mit der Botschaft: „Du musst natürlich zu mir halten.“ Das kann das Kind in unerträgliche Loyalitätskonflikte bringen.

Es gibt natürlich auch einen emotionalen Gewinn, der damit verbunden ist. Bedeutung etwa. „Ich bin Mutti wichtig. Deswegen erzählt sie mir immer alles.“ Oder Macht: „Ich bin Papas große Stütze. Er fragt immer erst mich.“

Persönliches Beispiel: Zwischen Einrichtungshäusern und Konkurrenz

Es wird euch nicht verwundern, dass ich selbst einige Erfahrungen mit Parentifizierung gemacht habe. Mein Vater war beruflich viel im Ausland und auf Reisen, und meine Schwestern, deutlich älter als ich, waren früh aus dem Haus. Also war ich für das Glück meiner Mutter zuständig.

Das sah dann so aus: Weil meine Mutter nichts mehr liebte, als bei uns zuhause zu renovieren, umzugestalten und neu einzurichten, kannte ich schon bald die Einrichtungshäuser am Ort besser als die Spielzeugläden. Ich war einbezogen in jede Entscheidung, welche Farben, Stoffe, Tapeten bei uns für die Veränderung sorgen sollten, die im Leben meiner Mutter sonst nicht stattfand.

Das hat mir später genutzt. Ich habe immer schön gewohnt, war mal Redaktionsleiter einer Wohnzeitschrift, und ich konnte meine Frau Dorothea, als sie mich kennenlernte, mit meiner damaligen Junggesellenwohnung für mich einnehmen. So etwas kannte sie von Männern sonst nicht.

Aber diese Parentifizierung war auch immer ein Problem, wenn mein Vater dann eben doch mal zuhause war: Die Konkurrenz mit dem Sohn, den seine Frau zum Vertrauten gemacht hatte, bestimmte unsere Beziehung. Das ging für mich nicht gut aus. Nicht in Form von körperlicher Gewalt. Mein Vater hatte andere, trotzdem unangenehme Arten mir zu zeigen, wer eigentlich der Herr im Hause war. Wir konnten das erst viel später entspannen.

Folgen von Parentifizierung: Von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter

Insgesamt bin ich aber ganz gut weggekommen. Die Folgen von Parentifizierung können sich bei Kindern und Jugendlichen auf durchaus drastische Weise zeigen. Da sind Gefühle von Verwirrung, Traurigkeit, Versagensängste, Resignation oder Scham, die sie plagen können. Oder auch Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Erschöpfung. Manchmal zeigt sich überschießende Wut, die sich dann in Kindergarten oder Schule Bahn bricht. Die Symptome, psychische wie körperliche, sind zahlreich.

Auch bei Erwachsenen zeigen sich die Auswirkungen dieser Kindheit. Zu den häufigsten Problemen gehören Depressionen und Angststörungen.

Und natürlich hört eine solche Verstrickung nicht einfach auf – sie hat vonseiten des Elternteils geradezu die Funktion, die Ablösung des jugendlichen, später erwachsenen Kindes zu blockieren. Es soll einfach weiterhin zur Verfügung stehen!

Dann kommt es vor, dass man sich nicht traut, eine Liebesbeziehung einzugehen, gar eine eigene Familie zu gründen. Man würde Mutter oder Vater sonst irgendwie untreu. Oder man zieht in die Nachbarschaft der Familie, obwohl die eigene Frau, der eigene Mann mit den Schwiegereltern überhaupt nicht klarkommt.

Dramatisches Beispiel: „Das war’s dann mit meinem Leben, oder was?“

Schwierig wird es erst recht, wenn Eltern hinfällig geworden sind und es ablehnen, sich von anderen als den eigenen Kindern pflegen zu lassen. Dazu möchte ich euch einen Post vorlesen, den ich vor einiger Zeit auf Facebook sah. Es schrieb eine Frau.

„Gerade fühle ich mich in der Falle.

Ich habe seit fast acht Jahren NUR in Form von Schicksalsschlägen und Heilung meine Deformierungen geheilt. Jetzt fühle ich, ich starte MEIN LEBEN!!!

Und was passiert? Meine alte Mutter, unter der ich AM MEISTEN GELITTEN HABE!!! Die mir echt 5 Jahrzehnte schwergemacht hat. Will jetzt, dass ich sie pflege. Die, wenn sie sich nicht für eine Hüft-OP entscheidet, bald bettlägerig sein wird.

Also ich auf dem Start in ein neues und endlich mein Leben – und nun die moralische Verpflichtung für Mutter zu sorgen.

Das war´s dann mit meinem Leben, oder was?“

Nach wenigen Stunden hatte der Post Dutzende Kommentare. Die Frau hatte bei vielen Leser:innen einen Nerv getroffen.

Warum Parentifizierung so verbreitet ist: 4 zentrale Gründe

Was eine spannende Frage aufwirft: Wieso ist Parentifizierung eigentlich so verbreitet?

Das hat mehrere Gründe.

Grund 1: Historisches Kindheitsverständnis

Der erste ist das Verständnis von Kindheit, wie es früher vorherrschte. Da hatten Kinder zu gehorchen und sich einzufügen, sollten möglichst früh ihre Pflichten erfüllen und waren vollkommen selbstverständlich eingebunden in die Aufgaben, die in Haus, Hof und Betrieb zu erledigen waren, auch als Arbeitskräfte. Sie hatten einfach zur Verfügung zu stehen. Erst seit 1949 in der DDR und seit 1960 in der Bundesrepublik ist Kinderarbeit komplett verboten. Das können wir uns heute nur noch schwer vorstellen, zum Glück.

Grund 2: Narzisstische Inanspruchnahme

Der zweite Grund kann eine narzisstische Inanspruchnahme sein. Für Narzisst:innen ist es selbstverständlich, andere für ihr eigenes Glück in Dienst zu nehmen. Sie sagen: „Ich brauche dich, damit es mir gut geht. Dafür hast du gefälligst zu sorgen.“

Grund 3: Kriegserbe und Nachkriegsnot

Zudem ist Parentifizierung eine der ganz typischen Folgen des deutschen Erbes von Krieg, Holocaust, Flucht und Vertreibung. Die damalige Not ist der dritte Grund dafür, dass sie so weit verbreitet ist.

Denn das emotionale Leid der Erwachsenen, das jene durch den Tod von Angehörigen ertragen mussten, die Folgen ihrer Traumata wurden ganz häufig den Kindern auf die viel zu kleinen Schultern geladen. Einfach, weil sie da waren. Sie mussten an die Stelle von Eltern, Geschwistern oder Partner:innen treten, die der Krieg aus der Familie gerissen hatte.

Auf diese Weise wurden zahllose Kinder parentifiziert. Und die Parentifizierung wurde zu einem Gefühlserbe. Es wird durch die Generationen weitergetragen, also auch in unsere.

Grund 4: Psychische Erkrankungen und Trennungen

Und schließlich – das ist der vierte Grund – birgt jede psychische Erkrankung der Eltern, jede Beziehung, die nicht gut läuft, jede Trennung von Eltern wieder die Gefahr, dass Kinder die Not eines Elternteils tragen müssen. Mit all den Folgen, die ich beschrieben habe.

Wie wir uns befreien können: 3 entscheidende Fragen

Natürlich stellt sich die Herausforderung, wie wir uns befreien können.

Hierzu möchte ich drei Fragen stellen:

  • Die 1.: Welche Bedürfnisse stellst du immer wieder zurück?
  • Die 2.: Wofür wünschst du dir Anerkennung, die du aber nie bekommst?
  • Und 3.: Wie sollte eine Beziehung zu deinen Eltern, aber auch anderen Familienmitgliedern aussehen, die dich stützt und nährt?

Ich vermute, dir geht es wie den meisten, mit denen ich über dieses Thema spreche: Sie wünschen sich mehr Freiheit, mehr Selbstwirksamkeit, mehr Anerkennung und Unterstützung. Also steht eine Entscheidung an: „Ich will das nicht mehr. Ich will mein eigenes Leben leben, nicht das Leben meiner Mutter oder meines Vaters.“

Das muss ich deutlich machen, freundlich, aber klar. Und ertragen, dass es darüber zum Konflikt kommen wird. Der ist unausweichlich. Wahrscheinlich werde ich Unterstützung brauchen, jemanden, der mir den Rücken stärkt.

Und dann muss ich die Grenze, die ich gezogen habe, bewachen. Das muss ich leider zugeben: Leicht ist es nicht. Jedenfalls nicht, wenn Eltern gar kein Problem darin sehen, ihre Kinder in Dienst zu nehmen. Beziehungsmuster, die über Jahrzehnte eingeübt sind, lassen sich nur langsam wandeln. Aber es lohnt sich!

Parentifizierung verhindern: Was Eltern anders machen können

Aber sollten wir nicht sowieso lieber verhindern, dass Kinder überhaupt parentifiziert werden?

Philippa Perry: „Das Kind als eigenständige Person verstehen“

Dazu habe ich ein sehr schönes Interview mit der englischen Psychotherapeutin Philippa Perry gelesen. Sie hat einen Erziehungsratgeber geschrieben: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“.

Philippa Perry sagt: „Wir Eltern haben unfassbare Macht. Wir sind die wichtigsten Menschen im Leben unserer Kinder.“ Sie fordert: „Man muss versuchen, das eigene Kind als eigenständige Person zu verstehen, nicht als Verlängerung des Ichs.“ Dann dürfen Kinder wütend oder traurig sein, damit sie lernen können, mit diesen Gefühlen umzugehen. Und wir verdonnern sie nicht mehr dazu, für uns immer den Sonnenschein vorzuspielen.

Elisabeth Raffauf: Die kleine Autobiografie als Prävention

Und noch ein Buch möchte ich euch empfehlen: „Erzieht uns einfach! Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen“. Es ist von der Kölner Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf.

Elisabeth Raffauf also rät allen Eltern, eine kleine Autobiografie ihrer ersten 20 Jahre zu schreiben, am besten natürlich vor der Geburt des ersten Kindes. Indem wir uns bewusstmachen, wie unsere eigene Kindheit verlaufen ist, merken wir, wann wir unsere Kinder in dieselben Muster hineinzwängen.

Sie rät dringend: „Die eigenen Probleme nicht mit dem Kind, sondern mit anderen Erwachsenen besprechen.“ Es ist okay, wenn unsere Kinder merken, wenn es uns nicht gut geht. Aber sie sollten das nicht zu ihrem Problem machen. Sie sagt: „Sie können Ihren Kindern sagen: ‚Mir geht es gerade nicht gut. Aber das hat nichts mit dir zu tun, und ich werde mich selbst darum kümmern.’“

So gelingt zweierlei:

Unsere Kinder lernen, dass man Problemen nicht ausgeliefert ist, sondern sie lösen kann. Wir leben es ihnen einfach vor.

Und wir steigen aus dem System der Parentifizierung aus. Aus der negativen Gefühlserbschaft wird eine positive – dass die Eltern sich ganz einfach um die Kinder kümmern. So wie es nun mal der Job von Eltern ist.

Die gute Nachricht – ein Gefühlserbe lässt sich überwinden

Das ist die wirklich gute Nachricht: Es wird leichter, wenn wir uns der Aufgabe annehmen, wenn wir den Gefühlserbschaften der Familie auf die Spur kommen. Wenn wir sie ablegen, wird es leichter für uns und für unsere Kinder. Ja, wir sind Gefühlserben, aber wir haben Einfluss darauf, wie sehr uns das bestimmt. Und was wir davon weitervererben wollen.

"Hilfe, ich muss meine Eltern glücklich machen!"

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