Selbsterforschung. Seelische Gesundheit. Wellbeing.

„OMG, meine Mutter!“ – wenn die wichtigste Beziehung zur Last wird

In diesem Beitrag geht es um den Menschen, der einer der wichtigsten in unserem Leben ist, vielleicht der wichtigste. Der uns geprägt hat wie kaum ein anderer, ohne den wir nicht auf der Welt wären: um die Mutter. Sie begleitet uns ein Leben lang, zum Guten wie zum Schlechten. Ob wir uns unserer Mutter in Liebe und Dankbarkeit verbunden fühlen oder uns in Wut und Entschlossenheit von ihr abwenden – ihre Bedeutung für unser Leben wird sie nie verlieren. Und eine schwierige Mutter-Kind-Beziehung erst recht nicht

Und wenn wir es zulassen, wird unser Leben, wird unsere Zukunft von ihr bestimmt, genauer: von ihrer Vergangenheit.

Klingt nicht gut? Finde ich auch. Also schauen wir, welche Muster dieser möglichen Reinszenierung ihres Lebens zugrunde liegen und wie wir ihnen entkommen können. Wie es vielleicht sogar gelingen kann, ein irgendwie entspanntes, ein erwachsenes Verhältnis hinzubekommen.

Wenn Emotionen hochkochen: Die schwierige Mutter-Kind-Beziehung

Zunächst meine ganz persönliche Wahrnehmung: Wenn das Gespräch in Coachings oder Workshops auf die Mütter kommt, kochen die Emotionen hoch. Fast immer. Ich kann unmittelbar spüren, wieviel Zündstoff darin steckt, wieviel Verletzung, wieviel Leid, wieviel Wut. Ja, es gibt auch den Widerschein von Liebe und Dankbarkeit, aber die negativen Gefühle sind viel stärker präsent. Der zweite Seminartag der Jahresgruppe „Gefühlserben“, die ich veranstalte, widmet sich vor allem den Müttern, und es ist krass, welche Geschichten die Teilnehmenden erzählen. Was sie als Kinder oder Jugendliche erleiden mussten, was sie zum Teil immer noch erleiden.

Ich kann immer nur wieder staunen über die Widerstandskraft und den Selbstbehauptungswillen der Erzählenden und ihnen vermitteln, wie beeindruckt ich bin, dass sie trotzdem ihr Leben auf die Reihe bekommen haben. Voller Hochachtung bin ich auch, wenn ich ihren Wunsch und die Bemühungen erlebe, den eigenen Kindern ein sicheres, liebevolles und unterstützendes Zuhause zu geben. Also eins, das sie selbst als Kinder schmerzlich vermisst haben.

Was aus den Erzählungen in Workshops immer wieder durchklingt, ist dieses Unverständnis, dieses Erschrecken: „wie konnte sie mir das antun – sie ist doch meine Mutter!“ Und genau deswegen schwingt auch, ganz leise, ein Zweifel mit: „Vielleicht hatte ich es nicht besser verdient?“

Um das hier gleich mit einem dicken Ausrufungszeichen zu betonen: Nein, hattest du nicht! Kein Kind hat das!

Der Kontrast: Idealbild vs. Realität einer toxischen Mutter

Aber wie kommt dieser dramatische, ja erschütternde Kontrast zustande: zwischen dem Idealbild einer liebevollen und fürsorglichen Mutter, das wir alle in uns tragen, das die Werbung ebenso propagiert wie die Zeitschriften und Erziehungsratgeber – und dem, was viele von uns erlebt haben? Zu dem, was wir heute noch erleben?

Eine Auswahl von Verhaltensweisen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • die Mutter klammert;
  • sie manipuliert;
  • sie mischt sich ein;
  • sie sieht dich nicht;
  • sie interessierte sich nicht für dich, weiß aber besser als du, was gut für dich sein soll;
  • wenn du scheiterst, hat sie es natürlich vorher schon gewusst;
  • sie findet, dass deine Geschwister alles besser machen;
  • wenn es ihr nicht gut geht, bist du daran schuld
  • und wenn du ihr hilfst, ist das eine Selbstverständlichkeit, ein Dankeschön überflüssig.

Die narzisstische Mutter: fünf Typen nach Karyl McBride

Viele der eben genannten Verhaltensweisen gehen auf narzisstische Prägungen zurück. Die amerikanische Therapeutin Karyl McBride hat eine Typologie des Narzissmus bei Müttern zusammengestellt:

  • Die extravertierte Mutter begreift die Welt als Bühne, auf der sie keine Konkurrenz duldet. Das bedeutet: Die Kinder dürfen nie erfolgreicher werden, als es die Mutter war – eine schwer zu überwindende Hürde für deren Karriere.
  • Die leistungsorientierte Mutter fordert von den Kindern größtmöglichen Einsatz, um mit deren Erfolgen prahlen zu können. Erfolge, die sie sich selbst zuschreibt.
  • Die psychosomatisierende Mutter zieht durch ihre Leiden die Aufmerksamkeit auf sich und manipuliert so die Familie.
  • Die insgeheim gemeine Mutter wahrt eine perfekte Fassade und ist dahinter abwertend, demütigend und destruktiv.
  • Die emotional bedürftige Mutter trägt ihre Hilflosigkeit zur Schau und erwartet von Kindern, dass sie sie stützen.

Zentrale Themen: Von Narzissmus bis Parentifizierung

Tatsächlich bündelt die schwierige Mutter-Kind-Beziehung viele Aspekte, die zentral sind für das Thema Gefühlserbschaften. Die folgenden Themen werdet ihr wiedererkennen:

  • um, wie eben schon beschrieben, Narzissmus, nicht selten in seiner verdeckten Form;
  • um Parentifizierung: dass Kinder sich um die Mutter kümmern müssen, obwohl es andersherum richtig wäre;
  • um die Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen und übergriffiges Verhalten zurückzuweisen;
  • um alte, längst überlebte Glaubenssätze, die uns in dysfunktionalen Mustern festhalten;
  • um Traumata, die das Leben der Mutter bestimmt haben und ihre Bindungsmuster und ihr Verhalten den Kindern gegenüber prägen;
  • aber natürlich ebenso – auch das ist ein Gefühlserbe – um ihre positiven Erfahrungen, ihre Ressourcen und das Glück, das sie erlebt hat;

Die pränatale Bindung: Emotionale Verbindung ab der Zeugung

All das, was die Mutter in sich trägt – das Glück und die Stärke, das Leid und der Schmerz – schaffen jene Umgebung, in die sich unser Leben hinein entwickelt. Diese erste und innigste Beziehung, die den Start in unser Dasein begründet und prägt, beginnt schon bald nach dem Moment der Zeugung. Über die Nabelschnur sind wir im Mutterleib auch an das emotionale Erleben der Mutter angeschlossen. Ihre Gefühlszustände zeigen sich in hormonellen Veränderungen im Blut, in der Qualität der Sauerstoffzufuhr und in den Veränderungen der Herzfrequenz. Als Ungeborene sind wir komplett von der emotionalen Atmosphäre der Mutter umgeben.

Bessel van der Kolk: Die erste Lektion in Selbstfürsorge

Und das bleibt zunächst auch so, wenn wir auf die Welt gekommen sind. Wie dies eigentlich aussehen sollte, hat der Traumatologe Bessel van der Kolk wunderbar formuliert:

„Bei unserem Eintritt in die Welt schreien wir, um uns bemerkbar zu machen. Daraufhin kümmert sich sofort jemand um uns, badet uns, wickelt uns, gibt uns etwas zu essen, und, was das Beste ist, unsere Mutter legt uns auf ihren Bauch oder an ihre Brust, und wir erleben dieses wunderbare Gefühl der Gelassenheit, das uns durchströmt, wenn unsere Haut ihre Haut berührt.“

Und weiter Bessel van der Kolk: „Doch unsere erste Lektion in Selbstfürsorge erhalten wir durch die Art, wie andere für uns sorgen. Ob es uns gelingt, die Kunst der Selbstregulation zu meistern, hängt größtenteils davon ab, wie harmonisch unsere frühen Interaktionen mit unseren engsten Bezugspersonen waren. Kinder, die darauf vertrauen konnten, dass ihre Eltern ihnen Trost und Geborgenheit gaben und sie stärkten, haben ihr ganzes Leben lang einen wichtigen Vorteil – eine Art Puffer gegen das Schlimmste, womit das Schicksal sie konfrontieren kann.“

Remo Largo: Bindungstrauma und schwierige Startbedingungen

Wie kommt es also, dass so, so viele Menschen davon berichten, wie schwer es ihnen fällt, ihr Leben zu gestalten und dem Schicksal optimistisch und tatkräftig entgegenzutreten?

Weil ihnen eben zuhause der Trost, die Unterstützung und die Geborgenheit vorenthalten wurden, weil sie in ihren Familien belastete, dysfunktionale, wenn nicht katastrophale Bindungsmuster erlebten. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo, Autor von lesenswerten Erziehungsratgebern, brachte es so auf den Punkt: „Kinder binden sich bedingungslos an ihre Eltern. Erhalten sie nicht die notwendige Nähe und Zuwendung, können sie in ihrem Wachstum und in ihrer Entwicklung schwer beeinträchtigt sein.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht trotzdem ihr Leben meistern können. Das weiß ich aus vielen Begegnungen – aber sie haben eben so viel schwierigere Startbedingungen!

Konkrete Auswirkungen: Wie das Mutter-Trauma das Leben prägt

Und damit komme ich zu den Erfahrungen zurück, die vor kurzem auch in dem Workshop der Jahresgruppe „Gefühlserben“ Thema waren. Ganz oft ist es das Trauma der Mutter, das sich wie eine schwere Decke auf das Potenzial des Kindes gelegt hat. Und ganz häufig bremst die Mutter auch in späteren Jahren dessen Individuation.

Für Mädchen: Für Mädchen sind Mütter das Rolemodel. Es ist geprägt vom Frauenbild früherer Generationen. Keine gute Nachricht für ein emanzipiertes Leben. Oder sie vermitteln ihren Töchtern ein von eigenen schlechten Erfahrungen geprägtes Männerbild, eine schwere Hypothek für jede Beziehung.

Für Jungen: Von der Mutter verwöhnte Jungen behalten ihren erlernten Anspruch bei und erwarten, dass ihre Partnerin einkauft, Wäsche macht, kocht und sich um die sozialen Kontakte kümmert. Die gibt es zuhauf, immer noch. Eine beliebte Formulierung entlarvt den tiefsitzenden Anspruch: „Er hilft viel im Haushalt.“ Er hilft also bei einer Arbeit, die ganz genauso seine ist.

Weitere dysfunktionale Muster:

  • Wenn eine Mutter die Bedürfnisse der Kinder in Kindheit und Jugend ignoriert hat, wird sich das meist nicht mehr ändern. Daher versuchen die Kinder oft ein Leben lang, von der Mutter gesehen zu werden.
  • Sie nehmen ab, weil sie gehört haben, dass sie zu dick seien; sie strengen sich im Beruf an, weil sie gehört haben, dass sie zu faul seien; sie halten in schlechten Ehen durch.
  • Mütter mischen sich ungefragt in die Erziehung ihrer Enkel ein. „Was willst du? Das hat dir früher auch nicht geschadet!“
  • Mütter formulieren vollkommen selbstverständlich Ansprüche: „Ich habe dich großgezogen, und jetzt musst du dich um mich kümmern.“

Historischer Kontext: Warum Mütter so prägend waren

Bitte nicht falsch verstehen: Das hier soll kein Mütter-Bashing sein! Kein „schuld ist immer die Mutter!“ Mir ist die unheilvolle Rolle von Vätern sehr präsent, zumal sich meine negativen Kindheitserfahrungen vor allem mit meinem Vater verbinden.

Andererseits wäre es absurd, die Probleme zu ignorieren und die überragende Bedeutung der Mutter für unsere Entwicklung zu leugnen. In vorigen Generationen war sie alleine durch das Rollenbild geprägt. Aber es gab auch historische Faktoren: Nach dem Zweiten Weltkrieg war etwa ein Viertel der Kinder vaterlos. Der Anteil der Kinder, die zu jener Zeit zumindest zeitweise ohne Vater aufwuchsen, wird auf weitere 25 bis 30 Prozent geschätzt.

Heute, so sollte man meinen, müsste sich das grundlegend geändert haben, aber, na ja: Im Jahr 2022 waren gut ein Viertel aller Mütter mit einem Kind unter 6 Jahren in Elternzeit. Von den Vätern nur 1,9 Prozent. Und wenn wir auf die Alleinerziehenden schauen, sind 88 Prozent davon Frauen, nur 12 Prozent Männer.

Dafür sind natürlich gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Faktoren verantwortlich. Nicht zuletzt der Gender-Pay-Gap. Aber einen bedeutsamen Anteil haben auch die Prägungen in der Familie, unser Gefühlserbe.

Johanna Haarer: Die schwarze Pädagogik und ihre Folgen

Deswegen schauen wir noch einmal in die Zeit zurück, als unsere Eltern oder Großeltern Kinder waren. Die Mütter jener Jahre hatten große Not und entsetzliches Leid zu überwinden. Häufig blieb überhaupt keine Energie, um sich liebevoll um die Kinder zu kümmern. Und dann gab es da noch einen sogenannten Erziehungsratgeber, eigentlich eine Anleitung zur Kindermisshandlung, der seit 1934 millionenfach verkauft wurde: das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer.

Ich möchte euch ein berüchtigtes Zitat daraus vorlesen – die Anweisung, was zu tun sei, wenn das Kind schreit und sich nicht beruhigt:

„Versagt auch der Schnuller, dann liebe Mutter, werde hart! Fange nur nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!“

Es sind die Grundzüge des nationalsozialistischen Erziehungsideals, die Haarer formulierte. Es ging um Zucht, Unterwerfung, Reinlichkeit und Opferbereitschaft, Einordnung in die Gemeinschaft, Abstreifen aller Wehleidigkeit, Tapferkeit und Mut, Gehorsam und Disziplin. Wann immer ich mit diesem Thema in Kontakt komme, bin ich voller Entsetzen und Mitgefühl für die Kinder, die dies erleiden mussten: eben unsere Eltern oder Großeltern.

Das Buch, aus dem ich gerade zitiert habe, wurde 50 Jahre lang verlegt, also bis in die 80er. Wenn also viele Mütter noch lange nach dem Krieg ihre Kinder schreien ließen, nach der Uhr stillten oder fütterten, nie in den Arm nahmen und ihre Bedürfnisse gezielt ignorierten, dann folgten sie Johanna Haarer. Oder sie folgten dem, was ihre Mutter ihnen als richtig angeraten hatten. „Nur das Kind nicht verzärteln“, hieß es. Obwohl die Bindungsforschung längst bewiesen hatte, wie schädlich das für Kinder ist, wie es Entwicklungstraumata geradezu provoziert.

Philippa Perry: „Eltern können sich entschuldigen“

Kann man ihnen das vorwerfen? Wenn sie es doch nicht besser wussten? Oder entgegen neuerer Erkenntnisse darauf beharrten, dass ihnen doch auch nicht geschadet hätte, was sie ihrem Kind angedeihen ließen? Die englische Psychotherapeutin Philippa Perry hat eine gute Antwort darauf. Sie sagt: „Eltern können sich entschuldigen. Und das macht einen riesigen Unterschied.

Aber sie räumt auch ein: „Meine Eltern haben sich nie bei mir entschuldigt, sie hatten immer recht.“ Und genau das ist der Schmerz, den ich bei so vielen Menschen erlebe: dass ihre Bedürfnisse und ihr Leid, als sie Kinder waren, nicht gesehen und gewürdigt wurde – und heute auch nicht! Dass ihre Eltern damals gefangen waren in ihren Mustern und belastet von den Traumata der Zeit, können sie verstehen, könnten es vielleicht sogar verzeihen. Aber auch heute noch die Ignoranz und Abwehr zu erleben, wenn sie versuchen, Verständnis für ihre aktuelle Situation zu bekommen: Das verhindert eine Aussöhnung.

Wie sagte eine Workshop-Teilnehmerin, als es um das Trauma in Familie und Beziehung ging: „Ich weigere mich einfach, die Verletzungen, die mir meine Mutter immer wieder zufügt, weg-zu-verstehen. Auch wenn ich weiß, was für eine schreckliche Kindheit sie hatte.

Die Kunst der Aussöhnung: Beides halten können

Okay, und was ist mit der Liebe und der Dankbarkeit? Gibt es die nicht auch, die schönen Momente, in denen wir uns geliebt und umsorgt fühlten? Doch, die gibt es, eigentlich fast immer, trotz der Verletzungen. Und es ist gut, ihnen Raum zu geben. Die tatsächlich nicht ganz leichte Übung ist es, beides halten zu können: die Verletzung und das Leid auf der einen Seite und die Liebe und Dankbarkeit auf der anderen. Und nicht das eine vom anderen überlagern zu lassen.

Wenn uns das gelingt, sind wir … erwachsen.

"OMG, meine Mutter!" Eine Beziehungsgeschichte

weitere Beiträge