
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Wäre es nicht toll, wir könnten einfach umsetzen, was wir uns von uns selbst wünschen – anderen Menschen aufgeschlossener begegnen, mit mehr Freude unsere Aufgaben erledigen, entspannter in der Partnerschaft leben, unsere Ziele hartnäckiger verfolgen, liebevoller mit unseren Kindern sein, den Eltern freundlich aber bestimmt die Grenzen aufzeigen. Und all das voller Leichtigkeit, Kreativität und Gelassenheit.
Ja, das wäre wirklich toll. Und wie das gelingen könnte, haben wir uns alle schon mal überlegt. Hat aber nicht hingehauen, oder? Manches wurde eine Weile besser, aber schon bald waren wir im alten Trott zurück.
Woran liegt das? Haben wir uns nicht genug angestrengt? So würden es wohl unsere Eltern behaupten. Haben wir das falsche Mindset? So wird Scheitern heute gerne mal begründet. Beides mag im Einzelfall so sein. Beiden Erklärungen aber liegt ein wichtiges Missverständnis zugrunde, vielleicht auch ein Nicht-Wissen – wie nämlich unser Gehirn unsere Persönlichkeit, unser Temperament, unsere Bedürfnisse, unser Verhalten definiert. Wenn wir es besser verstehen, kann das die Tür zu Entwicklung und mehr Lebenszufriedenheit weit aufstoßen.
Wir alle kennen diese spektakulären Geschichten über Veränderungen, die uns überall in den Medien begegnen: wie aus der Investmentbankerin eine Almwirtin wurde, aus dem Karrieremanager ein Betreuer für psychisch Kranke. Das sind die Heldinnen und Helden unserer Zeit, die aus der Welt der Macht und der Logik des „mehr ist immer besser“ zum Wahren und Echten zurückgefunden haben und darin ihre Bestimmung erleben.
Ehrlich gesagt: Mir gehen diese Geschichten zunehmend auf die Nerven. Sie spiegeln uns vor, wir könnten jederzeit alles ändern, und setzen uns damit enorm unter Druck. Wenn diese Menschen so krasse Veränderungen hinbekommen, warum scheitern wir dann an so simplen Dingen wie der Trennung aus einer unglückseligen Beziehung oder der Kündigung eines Jobs, der uns schon lange nervt? Es ist wie bei diesen „Machen-Sie-mehr-aus-Ihrem-Typ“-Fotostories. Ja, der Vorher-Nachher-Effekt ist verblüffend, vielleicht sogar beeindruckend. Aber der Prozess, der zwischen dem einen und anderen liegt, ist nicht plausibel. Was ist hier echt, was ist Photoshop und was KI? Also: bei der Fotostory. Das wird nicht erzählt und nicht gezeigt. Und wie nachhaltig ist das überhaupt? Was ist hier Selbstoptimierung im Sinne von Insta-Rolemodels und was ist wahre Persönlichkeitsentwicklung und ein Weg zur Zufriedenheit?
Veränderungsprozesse sind komplex. In Coachings erlebe ich immer wieder, dass Klient:innen unzufrieden sind mit ihren Fortschritten. „Ich weiß das doch längst alles, warum komme ich nicht voran? Bin ich so viel blöder als die anderen, denen das auch gelingt?“ Nein, bist du nicht. Und bei der Antwort hilft ein Ausflug in die Neurowissenschaft.
Schauen wir darauf, wo im Gehirn unsere Persönlichkeit verankert ist. Dort sehen wir vier Ebenen. Sie werden in verschiedenen Phasen unserer Entwicklung geprägt, von der Zeugung bis ins Erwachsenenalter, und sind in unterschiedlichen Gehirnregionen lokalisiert.
Die Basis bildet die untere limbische Ebene. Ihre Entstehung beginnt bereits im Mutterleib, sie ist also durch genetische, epigenetische und vorgeburtliche Einflüsse bestimmt. Hier ist unser Temperament verankert, befinden sich grundlegende Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit, Selbstvertrauen, Kreativität, Vertrauen, der Umgang mit Risiken, Ordnungsliebe, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Diese Ebene ist später durch Erfahrung und Erziehung kaum zu beeinflussen.
Auf der nächsthöheren Ebene finden wir das unbewusste Selbst, das sich in den ersten Lebensjahren entwickelt. Es ist auf der mittleren limbischen Ebene und in der Amygdala, unserem Angstzentrum, verankert. Ganz wichtige Funktionen wie Furcht, Freude, Glück, Verachtung, Ekel, Neugierde und Hoffnung haben hier ihren Platz. Zugleich ist die Amygdala jener Teil des Gehirns, der unsere unbewusste Wahrnehmung emotionaler Signale steuert, so etwa Blick, Mimik, Gestik und Körperhaltung. Zusammen mit der unteren Ebene bildet das unbewusste Selbst den Kern unserer Persönlichkeit. In späteren Jahren können wir es nur über starke Emotionen oder ausdauerndes Üben beeinflussen.
Das individuell-soziale Ich formt sich in der späten Kindheit und Jugend. Es wird vor allem durch emotionale Erfahrungen beeinflusst, die wir gemeinsam mit anderen erleben. Der Ort im Gehirn ist die obere limbische Ebene. Hier ist angelegt, wie sich das Streben nach Gewinn und Erfolg ausprägt, nach Anerkennung und Ruhm, Freundschaft, Liebe, sozialer Nähe, Hilfsbereitschaft und Ethik. Zusammen mit den beiden unteren Ebenen prägt es wichtige Persönlichkeitsmerkmale wie Machtstreben, Dominanz, Empathie, Kommunikationsbereitschaft. Zu verändern ist dieses individuell-soziale Ich vor allem im direkten emotionalen Kontakt mit anderen.
Schließlich das kognitiv-kommunikative Ich. Es ist der Ausdruck der bewussten Kommunikation und im präfrontalen Cortex angesiedelt. Das ist der Bereich direkt hinter der Stirn. Es steuert unsere bewusste Handlungsplanung, die Art, wie wir uns die Welt erklären und unser Verhalten vor uns selbst und anderen präsentieren. Dieser Anteil der Persönlichkeit entsteht relativ spät, ist erst mit 25 Jahren voll entwickelt und verändert sich ein Leben lang, sowohl durch Bewusstseinsprozesse als auch im sozialen Kontakt.
Was bei dieser Aufgliederung in vier Ebenen wichtig ist: Je früher eine Facette unserer Persönlichkeit angelegt wird, umso tiefer ist sie eingeprägt und umso schwerer ist sie später zu verändern. Tatsächlich hat die untere limbische Ebene, unser Temperament, den stärksten Einfluss auf unser Verhalten, ist aber am wenigsten veränderbar. Aus einem introvertierten Grübler wird später also eher kein expressiver Abenteurer mehr.
Lange überholt ist dabei die Vorstellung, ein Mensch komme wie ein weißes Blatt zur Welt, das vom Leben beschrieben werde, und wichtig seien auch nur die Erlebnisse, die er konkret erinnert. Immer wieder behaupten ja Menschen, die im Krieg oder während einer erzwungenen Migration noch Säuglinge waren, das Geschehen sei für sie und ihre psychische Gesundheit vollkommen ohne Bedeutung; sie hätten ja gar nichts mitbekommen. Das ist ein Irrtum. Heute wissen wir, dass gerade diese frühen Erfahrungen prägende Spuren in der Psyche hinterlassen. Schon vom dritten Monat der Schwangerschaft an sind bei Ungeborenen individuelle Reaktionen auf äußere Reize zu sehen, und mit jedem Monat prägt sich das stärker aus.
In diesen Zusammenhang gehört auch das Gefühlserbe, also die transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen unserer Ahnen. Es gibt eine bewusste Weitergabe von Haltungen, Handlungen und Werten, aber das allermeiste, das uns übertragen wird, ist unbewusst. Wie diese Gefühlserbschaften weitergegeben werden, erkläre ich ausführlich im Artikel über transgenerationale Weitergabe und Epigenetik.
Die Wahrnehmungen, die uns so früh geprägt haben, können wir nicht erinnern. Der Hippocampus, der für Erinnerung zuständige Teil unseres Gehirns, war dafür noch nicht weit genug entwickelt. Das bedeutet aber nicht, dass diese Erfahrungen nicht mehr existieren. Unter Stress können sie aktiviert werden. Ängste, für die wir keine Erklärung haben, können wieder auftauchen, allerdings ohne dass wir verstehen, was uns da widerfährt.
Kommen wir aber zurück zu unserem Wunsch, ja vielleicht sogar unserer Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit und Lebenszufriedenheit und was sich dafür verändern muss. Tatsächlich geht da erstaunlich viel, und es geht erstaunlich lange. Bis ins hohe Alter. Der Begriff, der dafür wichtig ist, lautet Neuroplastizität. Er bezeichnet die Veränderungsfähigkeit unseres Gehirns. Es kann seine Strukturen und Verknüpfungen neuen Anforderungen immer wieder anpassen. Wenn man weiß, wie’s geht.
Erst einmal müssen wir dafür aus unseren Mustern ausbrechen. Das ist gar nicht so einfach. Unser Gehirn mag ja Automatismen. Es wird am wenigsten gefordert, wenn wir Dinge so tun, wie wir sie schon immer getan haben. Deswegen lieben wir Menschen unsere Gewohnheiten. Wie herrlich, ganz entspannt auf Autopilot durchs Leben zu gleiten! Immer wieder alles zu machen wie gewohnt, fordert unserem Stoffwechsel den geringsten Einsatz ab. Jede Veränderung dagegen – und zumal jede grundsätzliche! – ist für den Stoffwechsel „richtig teuer“, wie der Gehirnforscher Gerhard Roth einmal formulierte. Sie kostet Kraft, womöglich viel Kraft. Kein Wunder also, dass wir diese Veränderungen erst einmal meiden. Das ist die erste Hürde, die es zu überwinden gilt.
Was dabei hilft sind Neugier, Freude und positive Verstärkung. Dazu Gerhard Roth: „Hohe kognitive Leistungen finden im Gehirn … immer nur dann statt, wenn die grundlegende emotional-motivationale Frage positiv beantwortet wird: ‚Welches ist für mich der Sinn dessen, was ich hier tue?’“ Wenn Antworten wie „meine Freude“, „mein Interesse“, „meine Neugier“, „meine Begeisterung“ folgen, dann öffnet sich die Tür für Veränderung und Entwicklung.
Ich zitiere hier einen meiner Lieblingsphilosophen, Otto Waalkes. Kennt ihr seinen Sketch über die Verbindung von Gehirn und Organen? Steht natürlich auf Youtube verfügbar. „Großhirn an Leber!“ „Leber an Großhirn“, „Auge an Milz“. Hinreißender Quatsch, aber auch gar nicht so blöd, wie Otto die komplexe Kommunikation zwischen Gehirn und Organen verulkt.
Was wir daraus mitnehmen können: dass jede Wahrnehmung unserer Sinnesorgane eine Reaktion des Körpers auslöst. Jetzt wird es richtig spannend. Denn diese Reaktion kommt nicht zufällig zustande, und sie ist auch nicht beliebig, sondern höchst individuell. Tatsächlich kommen wir mit diesen Körperempfindungen den tieferen Schichten unserer Persönlichkeit auf die Spur. Sie sind gleichsam die Sprache unseres Unbewussten.
Der Neurowissenschaftler António Damasio hat dafür den Begriff des somatischen Markers gefunden. Der Begriff kommt vom griechischen „Soma“, Körper. Nach Damasio sind alle Erfahrungen, die ein Mensch in Laufe seines Lebens macht, in einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert, und jede dieser Erfahrungen ist mit einer einfachen Bewertung versehen: „positiv, anstreben“ oder „negativ, vermeiden“. Dieses Erfahrungsgedächtnis teilt sich besonders über körperliches Erleben mit, eben über die somatischen Marker. Sie sind in Sekundenbruchteilen da und haben eine klare Botschaft: „Hin!“ oder „Weg!“.
Positive somatische Marker sind zum Beispiel:
Negative somatische Marker sind dagegen:
Und jetzt möchte ich dich zu einer Übung einladen. Sie geht so: Ich nenne einen Begriff, und du fühlst in dich hinein, welche Körperempfindung er auslöst. Los geht’s:
Okay, das mag jetzt ein bisschen schnell gegangen sein. Die Übung lässt sich aber leicht wiederholen. Worum es geht: dem Begriff beim Aufschreiben, besser noch beim Laut Aussprechen nachzuspüren und möglichst genau wahrzunehmen, was das auslöst – und wo. Bewirken die Worte „neuer Job“ ein Kribbeln im Bauch oder einen Kloß im Hals? Und welche Erfahrung könnte damit verbunden sein?
Auf einmal haben wir bei wichtigen Entscheidungen oder Veränderungen das Unbewusste mit im Spiel. Wenn es um Veränderung geht, ein entscheidender Move. Denn es öffnet uns den Zugang zu Erfahrungen, die wir gar nicht mehr auf dem Schirm hatten. Die aber für den Entscheidungsprozess enorm wichtig sind. Die negativen müssen wir überwinden, die positiven helfen uns auf dem Weg. Das gilt übrigens genauso für unsere Gefühlserbschaften, denen wir ebenfalls auf diese Weise auf die Spur kommen können.
Was haben die Bankerin, der Manager wirklich bearbeitet und überwunden, bis sie nicht nur physisch, sondern auch emotional auf der Alm, in der WG für psychisch Kranke angekommen sind? Was hat ihnen geholfen? Wieviel Zeit haben sie dafür gebraucht? Das Beeindruckende an diesen Einschnitten im Lebensweg sind meiner Ansicht nach nur auf den ersten Blick die mutigen Entscheidungen. Viel bedeutsamer finde ich aber den Prozess, der damit einhergegangen sein muss.
Schauen wir wieder auf uns. Wie kommen wir auf den Weg? Dafür sind die Erkenntnisse der Neurowissenschaft ausgesprochen hilfreich.
Unser Temperament ist so, wie es ist und wird, von Nuancen abgesehen, so bleiben. Es gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen wir uns verändern können.
Um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen, hilft Nachdenken nur begrenzt. Emotionen sind viel wichtiger. Das bedeutet, dass es in Coaching und Therapie nicht nur ums Sprechen, sondern vor allem auch ums Erleben gehen sollte. So können wir mithilfe von Gedankenreisen oder Imaginationen oder Arbeiten mit dem inneren Team ein tieferes Verständnis der Problematik entwickeln. Auch intuitives Schreiben ist ein wunderbarer Weg. So erreichen wir das limbische System als Sitz unserer Persönlichkeit.
Was wir als Veränderung im Leben etablieren wollen, müssen wir geduldig einüben. Musiker:innen, die ein neues Stück einüben, sind dafür ein gutes Beispiel. Zuerst kann es ein ziemlich mühevolles Stolpern über Tasten oder Saiten sein, bis sich langsam der Ablauf einprägt und schließlich eine automatisierte und souveräne Bewegung etabliert hat. Dafür sind übrigens jeweils andere Gehirnregionen zuständig, und die Konsolidierung im Gehirn gelingt nur übers Schlafen. Ungeduld hilft dabei nicht, sie schadet eher. Komplexe Umbauprozesse brauchen Zeit und lassen sich nicht abkürzen.
„Im beständigen Üben stecken positive Überraschungen für den Lernenden“, sagt Ulman Lindenberger, Professor für Entwicklungspsychologie. „Dafür ist eine ganze neuronale Maschinerie zuständig. Sie erzeugt eine Erwartung über das eigene Verhalten. Wird diese Erwartung positiv übertroffen, weil uns auf einmal etwas gelingt, was wir vorher noch nicht konnten, dann wird Dopamin ausgeschüttet. Das Dopamin bedient das Belohnungssystem, und wir erleben den Moment als positive Überraschung.“
Diese Maschinerie in Gang zu halten und so für den regelmäßigen Nachschub des Botenstoffs zu sorgen: Das geht nur durch Üben. Irgendwann hat das neue Muster dann das alte abgelöst – und wir sind nicht nur physisch und emotional, sondern auch ganz praktisch angekommen.
Auf eine Falle möchte ich noch hinweisen, die uns das Gehirn immer mal stellt. Da haben wir also Widerstände überwunden, neue Verhaltensweisen angenommen, sie hingebungsvoll geübt – und auf einmal werden wie aus tiefer Vergangenheit eingeholt und in das alte Muster zurückgeworfen. Das passiert nicht selten in Krisen oder im Kontakt mit Menschen, die an diese alten Muster andocken: vorzugsweise Eltern oder Geschwister. Ein solcher Rückfall fühlt sich an, als wäre alles für die Katz gewesen, die ganze Mühe vergeblich.
Aber so ist es nicht! Was wir hier ganz praktisch erleben, ist eine zentrale Eigenschaft eines gesunden Gehirns: Es vergisst nicht. Erfahrungen und Muster bleiben gespeichert. Sie können ihre Wirkmacht verlieren, aber sie sind noch da. Das heißt für ein gutes Leben, wie wir es uns wünschen: nicht in Selbstbeschimpfungen auszubrechen, sondern den neuen Pfad weiter zu verfolgen und einzuüben, was wir erleben wollen. Die Belohnung dafür ist dann garantiert.

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