
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
„Kindheit war schon immer ein gefährlicher Ort, selten verlässt ihn jemand unbeschadet.“
Ein Satz, mit dem wohl die meisten von uns etwas anfangen können. Er stammt von der Psychoanalytikerin Katharina Ohana. Sie ist mit einer psychisch kranken Mutter und einem desinteressierten Vater aufgewachsen und beschreibt in ihrem Buch „Ich, Rabentochter„, wie sie sich mit viel Ausdauer und Hingabe in ihr eigenes Leben hineinentwickelt hat. Eine beeindruckende Geschichte, auch über ihre Kindheit und Trauma.
Die Kindheit, ein gefährlicher Ort: weil wir uns als Kinder nicht aussuchen können, mit wem wir sie verbringen, weil wir so sehr angewiesen sind auf die Menschen um uns herum, weil wir ihnen ausgeliefert sind. Es liegt sicher an meinem Job, dass ich so viele Geschichten erzählt bekomme, in denen die Kindheit nicht nur ein gefährlicher, sondern ein einsamer, manchmal auch ein schrecklicher Ort war. Das Fatale daran ist: weil wir als kleine Kinder ganz auf die Eltern oder andere Bezugspersonen vertrauen müssen, geben wir uns selbst die Schuld, wenn es schrecklich war. Das kann dann sehr, sehr lange nachwirken.
Aber was macht die Kindheit zu einem gefährlichen Ort, zu einem schrecklichen – und wie kann daraus ein guter Ort werden? Was können wir heute dafür tun: für die Kinder, die wir einmal waren, und die Kinder, die heute aufwachsen? Darum geht es in diesem Beitrag.
Warum ist dieses Thema überhaupt wichtig? Liegt die Kindheit nicht Jahrzehnte zurück – warum sollen wir uns jetzt noch darum kümmern, statt im Hier und Jetzt zu leben und aus dieser Wahrnehmung heraus unsere Zukunft in den Blick zu nehmen?
Ganz einfach: weil wir unsere Kindheit ein ganzes Leben in uns tragen. Es ist nun einmal so: Ist uns als Kind Belastendes, Demütigendes, Schreckliches widerfahren und wurden wir von den Eltern dann nicht liebevoll aufgefangen, ja, waren die Eltern vielleicht selbst die Täter, dann hat sich uns das eingeprägt. So entsteht ein Trauma. Das Gehirn vergisst nicht, der Körper vergisst nicht. Der Schrecken ist gespeichert und kann von Impulsen – Triggern – wachgerufen werden. Eine Krise kann die Folge sein.
Aber auch andersherum funktioniert es: Wurden wir geliebt, umsorgt, beschützt, unterstützt, ist da ein Urvertrauen ins Leben entstanden. Es ermöglicht uns, schwierige Situationen zu bewältigen und daran zu wachsen.
Schauen wir uns an, was Kinder brauchen, um mit diesem Vertrauen groß zu werden, was wir als Kinder gebraucht hätten oder tatsächlich bekommen haben. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch hat dazu Wichtiges gesagt und geschrieben. Er ist ein weltweit anerkannter Experte für frühkindliche Entwicklung und die Psychotherapie bindungstraumatisierter Menschen aller Altersgruppen. Schon daran erkennen wir, dass sich das Thema eben nicht mit dem Ende der Kindheit erledigt hat.
Im Zentrum seiner Erkenntnisse steht die Bindung. Von der ersten Minute an, in der wir auf die Welt kommen, bauen wir sie zu unseren primären Bezugspersonen auf, zunächst also in aller Regel zur Mutter. Mithilfe des limbischen Systems in unserem Gehirn, in dem Emotionen verarbeitet werden, entwickeln wir einen ersten Eindruck von dieser Welt, ob sie ein Ort von Sicherheit ist oder von Ungewissheit und Angst.
Wir brauchen eine Balance aus Anregung und Geborgenheit. Wir müssen die Welt entdecken können. Wir brauchen sensorische Stimulation und das Gefühl von Selbstwirksamkeit, dass wir in dieser Welt etwas bewirken können. Das ist für die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend. Wir brauchen aber auch die Vermeidung von negativen Reizen: Schmerzen, alles was zu laut, zu kalt, zu warm, zu nass ist. In einer Umgebung ohne negative Reize können wir uns wohl und geborgen fühlen.
Erst wenn diese Grundbedürfnisse abgedeckt sind, kann Bindung entstehen – ein emotionales Band zur Mutter oder einem anderen Menschen, der uns immer dann umsorgt, wenn wir es brauchen. Diese „sichere Bindung„, wie Forscher sie nennen, entwickelt sich im Laufe des ersten Lebensjahres und stabilisiert sich im zweiten.
Es ist eine entscheidende Zeit. Karl Heinz Brisch sagt: „Eine sichere Bindung ist ein psychischer Schutz und ein stabiles Fundament für eine gute Persönlichkeitsentwicklung. Sicher gebundene Kinder sind widerstandsfähiger gegen Belastungen, haben mehr Bewältigungsmöglichkeiten, leben eher in freundschaftlichen Beziehungen, sind häufiger in Gruppen, verhalten sich in Konflikten sozialer, weniger aggressiv und finden Lösungen, die ihnen weiterhelfen. Sie sind kreativer, flexibler, ausdauernder und ihre Lern- und Merkfähigkeiten, also ihr Gedächtnis ebenso wie ihre Sprachentwicklung, sind besser als die von unsicher gebundenen Kindern.“
Wenn ich Aussagen wie diese lese, überkommt mich oft Trauer. Manchmal allerdings auch Wut. Warum wurde vielen Generationen – ja, auch jenen, zu denen wir gehören –, von den Eltern diese so bedeutsame Hilfe beim Start ins Leben verweigert? Aus Unfähigkeit, Unwissenheit, Abwehr, Desinteresse, Hartherzigkeit oder auch Überforderung? Es ist nicht leicht, damit in Frieden zu kommen. Aber dazu später mehr.
Zunächst möchte ich euch die Erkenntnisse eines bedeutenden Erziehungsforschers nahebringen, des Schweizer Kinderarztes und Autors Remo Largo. Wenn ich lese, welche Botschaften er Eltern nahelegt, um ihre Kinder zu unterstützen, geht mir das Herz auf.
Um Akzeptanz und Vertrauen zu stärken:
Um die Individualität zu fördern:
Um emotionale Sicherheit zu schaffen:
Damit Kinder selbstständig werden können:
Um Kinder von Leistungsdruck zu entlasten:
Schauen wir uns jetzt das Gegenteil an – und das ist wirklich hart. In der sogenannten Schwarzen Pädagogik wurden Kinder gedemütigt, geschlagen, gegängelt. Sie sollten gehorchen und lernen, dass sich Widerstand nicht lohnt. Der typische Satz hieß: „Es ist zwecklos.“
Eine Missachtung der Bedürfnisse des Kindes mit Langzeitfolge: erlernte Hilflosigkeit. Wer sie eingeprägt bekam, hat später große Mühe, sich für seine Bedürfnisse einzusetzen. Aus heutiger Perspektive bezeichnet man Schwarze Pädagogik als Kindesmisshandlung. Diese Misshandlung hatte, wie wir heute wissen, Methode, und ihren negativen Höhepunkt fand sie in der Erziehungsideologie der Nazis.
Der Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, 1934 erschienen, gehört sicher zu den krassesten Dokumenten dieser Unmenschlichkeit.
Ein berüchtigtes Zitat daraus – die Anweisung, was zu tun sei, wenn das Kind schreit und sich nicht beruhigt:
„Versagt auch der Schnuller, dann liebe Mutter, werde hart! Fange nur nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!“
Das Buch wurde fast 50 Jahre lang verlegt, bis in die 1980er. Wenn also viele Mütter noch lange nach dem Krieg ihre Kinder schreien ließen, nach der Uhr stillten oder fütterten, nie in den Arm nahmen und ihre Bedürfnisse gezielt ignorierten, dann folgten sie Johanna Haarer. Oder sie folgten dem, was ihre Mutter ihnen als richtig angeraten hatte. „Nur das Kind nicht verzärteln“, hieß es. Obwohl die Bindungsforschung ja längst bewiesen hatte, wie schädlich das für Kinder ist, wie es Entwicklungstraumata geradezu provoziert.
Bindungsforscher Karl Heinz Brisch dazu:
„Man kann Babys gar nicht verwöhnen, sondern man muss ihre Signale wahrnehmen und richtig interpretieren und angemessen und prompt darauf reagieren. Das fördert gleichzeitig die sichere Bindungsentwicklung. Kinder weinen nicht ohne Grund, sondern weil sie ein Bedürfnis haben, das sie noch nicht in Worten ausdrücken können. Also brauchen sie Bezugspersonen, die sie verstehen, die Signale entschlüsseln und fein abgestimmt darauf reagieren.“
Die Grundzüge des nationalsozialistischen Erziehungsideals, das Haarer formulierte, waren dagegen vollkommen andere: Zucht, Unterwerfung, Reinlichkeit und Opferbereitschaft, Einordnung in die Gemeinschaft, Abstreifen aller Wehleidigkeit, Tapferkeit und Mut, Gehorsam und Disziplin.
„Das Kind wurde als ein Wesen beschrieben, das vom Beginn seines Lebens an gierig, faul, tyrannisch, unrein und zerstörerisch ist“. Dieses Zitat habe ich in einer Forschungsarbeit gefunden. „Die Geburt war nach Haarer der Beginn eines langen Kampfes mit dem Ziel, das Kind mit allen Mitteln gefügig zu machen“. Nach Kriegsende und dem Zusammenbruch des Naziregimes war damit in der Öffentlichkeit Schluss, im Privaten freilich nicht. Die Dynamik setzte sich in den Familien fort, und das womöglich bis heute.
Die Forschung weiß davon, dass die regelmäßige Abwertung von Kindern das Risiko von Misshandlungen erhöht. Eltern, die ihre Kinder demütigen oder schlagen, tun das auch, weil sie ihnen schlechte Charaktereigenschaften unterstellen und in der Nichtbefolgung von Anweisungen böse Absichten sehen. Erfolge der Kinder dagegen schreiben sie eher glücklichen Umständen zu oder sich selbst und ihrer guten Erziehung. Diese Verzerrung der Wahrnehmung ist, psychoanalytisch gesprochen, die Folge einer sogenannten Projektion negativer Selbstanteile auf das Kind – die Eltern bekämpfen im Kind, was sie selbst an sich ablehnen und nicht wahrhaben wollen.
In einer Umfrage, die ich vor eine Weile zum Thema „Mütter“ gemacht habe, klingt das so. Eine Teilnehmerin, 1962 geboren, zitiert als typischen Satz ihrer Mutter eine schockierende Aussage: „Du bist so lästig wie ein Pestgeschwür.“ Ein Erlebnis, das typisch für ihre Mutter sei, beschreibt sie knapp. „Mein Vater schlägt mich, 13 Jahre alt, zusammen. Meine Mutter geht zur Nachbarin und klagt darüber, dass wir uns ‚kloppen‘.“ Es verwundert nicht, dass die Tochter später den Kontakt zur Mutter abbrach, ein Akt des Selbstschutzes.
Natürlich schwächt es Menschen aber auch, wenn sie als Kinder gehört haben: „Du bist nicht belastbar.“ Wir haben Probleme mit angemessener Selbstfürsorge, wenn wir immer wieder hören: „Stell dich nicht so an!“ Und es entmutigt uns nachhaltig, wenn die Mutter immer wieder Sätze wie diese sagt: „Das kannst du doch gar nicht.“ „Das ist doch nichts Gescheites.“ Oder: „Schau dir nur mal die Kinder von Frau X an, die haben es zu etwas gebracht.“
Die jahrelange Demütigung kann so massive Spuren in der Psyche der Kinder hinterlassen haben, dass sie zu einem Teil des Selbst wird. Wir sprechen dann von einem Täterintrojekt. Dazu sagt die Traumatherapeutin Luise Reddemann: „Täterintrojektion ist ein Schutzvorgang, der während traumatischer Situationen hilft, sich vor überwältigender Ohnmacht zu schützen. Lebt der Täter im Selbst, ist die Tat richtig, und damit gibt es keine Ohnmacht„. Diese Introjektion soll dem Schutz der Beziehung dienen, weil sie für das Kind in seiner extremen Abhängigkeit von den Eltern überlebensnotwendig ist. Bei genauer Betrachtung ist es die Angst vor dem Verlassenwerden, die das Kind einen inneren Anteil kreieren lässt, der im eigenen Inneren spricht und handelt wie ein Elternteil.
Die Wirkung von Täterintrojekten ist sehr problematisch. Sie kann jede Bemühung um Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit scheitern lassen, weil die Abwertung gar nicht mehr von anderen ausgesprochen werden muss. Sie kommt von innen, in einer Art Selbstbeschimpfung. Wir alle kennen unseren inneren Kritiker, unsere innere Kritikerin, aber ein Täterintrojekt hat eine viel größere verletzende Kraft. Es benutzt die Worte, die der Täter oder die Täterin damals benutzt hat, und weil wir als Kinder akzeptieren mussten, dass sie angemessen und richtig sind, ziehen wir sie auch jetzt nicht in Zweifel. Selbsthass oder selbstverletzendes Verhalten sind die Folge. Das ist ein Thema für eine Therapie.
Aber damit soll dieser Ausflug in die Schwarze Pädagogik jetzt beendet sein. Ich lade dazu ein, für einen Moment innezuhalten. Wenn ihr die Möglichkeit habt, steht doch mal auf und schüttelt euch kräftig. Wir sollten negative Energien immer wieder sofort abschütteln und uns bewusst dagegen abgrenzen. Das mag dann auch dazu führen, dass wir den Kontakt zu Menschen, die uns zu demütigen versuchen, abbrechen.
Aber wie gehen wir nun damit um, wenn unsere Kindheit eben nicht glücklich war, vielleicht sogar eine Zeit des Schreckens?
Hier eine gute Nachricht: Das Bindungssystem entwickelt sich zwar früh, bleibt aber zeitlebens offen für neue Erfahrungen. Das bedeutet also, dass wir durch das Erleben einer liebevollen Partnerschaft eine neue Basis bekommen, um unser Leben grundsätzlich positiv beeinflussen zu können. Zudem ist es möglich, ganz wie Luise Reddemann es lehrt, unsere kindlichen Anteile zu versorgen.
Und schließlich ist Trauer eine wichtige Emotion, die uns helfen kann. Sie ermöglicht uns den Abschied von der Idee einer glücklichen Kindheit, von unserem so verständlichen Wunsch, mit Liebe, Wohlwollen, Geduld und Unterstützung in dieses Leben geschickt worden zu sein. Wenn es nicht so war, dann ist das traurig. Wir können darüber weinen. Und das hilft: Denn so gelingt tatsächlich ein Abschiednehmen, Schritt für Schritt kommen wir in Frieden mit unserer Geschichte – und können uns dann wirklich der Zukunft zuwenden.
Und natürlich können auch uns Erwachsenen die Empfehlungen des Erziehungsforschers Remo Largo helfen, genauso wie unseren Kindern. Ein Satz wie dieser, den Largo zur Unterstützung von Kindern empfiehlt, ist doch in jedem Lebensalter einfach wundervoll:
„Du bist wertvoll und geliebt, unabhängig von deinen Leistungen.“
Oder dieser:
„Deine Gefühle und Bedürfnisse sind wichtig, ich nehme sie ernst.„
Wenn sie uns in unserer Kindheit versagt geblieben sind, können wir sie nachholen. Wir können sie anderen sagen. Wir können die stärkenden Beziehungen ausweiten und uns immer mehr positiven Botschaften verschreiben. Ich kann dir versprechen: Der Effekt wird bemerkenswert sein.

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