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Endlich Grenzen setzen können!

In diesem Beitrag geht es um Grenzen. Warum sie wichtig sind. Wie wir die Grenzen anderer spüren und achten. Wie wir unsere eigenen Grenzen setzen können. Warum es vielen von uns immer wieder nicht gelingt. Wie wir es lernen können, und was wir dabei gewinnen.

Meine These: Es gibt nicht so viele Dinge, die für unsere Zufriedenheit im Leben und unsere Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung wichtiger sind als dies: entspannt und souverän mit Grenzen umzugehen. Weil wir uns nur dann als selbstwirksam und selbstbestimmt erleben.

Aber natürlich haben wir alle schon Situationen erlebt, in denen uns über unsere Grenzen getrampelt wurde – oder immer noch wird. In Familie, Beziehung oder Arbeit. Woran das liegt und wie wir solche Situationen beenden können – in dem Moment, in dem es passiert, aber auch dauerhaft: dazu jetzt mehr in diesem Beitrag.

Die Geschichte einer Parentifizierung

Und erst einmal möchte ich eine Geschichte erzählen. Sie handelt von einer Frau aus einer südhessischen Kleinstadt, die mittlere von drei Schwestern. Nennen wir sie Barbara. Die Eltern waren selbstständig mit einem Laden für Farben und Dekoration, gut in der Arbeit, schlecht im Geschäft, abwesend als Eltern. Die drei Geschwister waren praktisch sich selbst überlassen. Selbst um die Lernbehinderung der Jüngsten mussten sich die Älteren kümmern. Mit Erfolg immerhin: Sie studierte später.

Was für die Eltern ausgemachte Sache war: dass die Älteste, eine studierte Innenarchitektin, den Betrieb übernehmen würde. Aber die hatte dann plötzlich andere Pläne, zog nach Bayern und gründete dort eine Familie. Der Vater, ein guter Gestalter, aber schlechter Geschäftsmann, kam in Not. Und weil Barbara, studierte Geografin, gerade Probleme in ihrem Job hatte, ließ sie sich darauf ein, den Betrieb auf Vordermann zu bringen. Zu spät merkte sie, was sie sich vorgenommen hatte: Das Geschäft war ein Sanierungsfall. Sie musste aus ihrem eigenen Vermögen Schulden des Vaters ablösen, um Lieferanten zu bezahlen.

Eigentlich hatte sie etwas ganz anderes mit ihrem Berufsleben vorgehabt, hatte ein Jahr in Australien gearbeitet, wollte als Geografin in der Welt herumkommen und nicht ihr Leben als Inneneinrichterin in Südhessen zubringen. Aber wie konnte sie gerade jetzt ihre Eltern im Stich lassen? So übernahm sie schließlich das Geschäft, machte es rentabel und zahlt heute noch ihren Eltern ein Gehalt sowie die Kosten für Auto und Handy.

Wofür sie von ihren Eltern nicht ein Wort des Dankes hörte. Im Gespräch sagte sie mir – aus dem ich natürlich nur mit ausdrücklicher Erlaubnis zitiere: „Ja, ich bin verbittert. Ich habe eine Weile auf den Weißen Ritter gewartet, der mich hier rausholt, aber der kam nicht. Und jetzt ist es zu spät.

Was ist schiefgelaufen? Eine krasse Parentifizierung

Was ist schiefgelaufen? Und was hat das mit unserem Thema Grenzen zu tun?

Hier haben Eltern ihre Pflichten gegenüber den Kindern missachtet und stattdessen die Kinder, vor allem Barbara, in Dienst genommen. Ein krasser Fall von Parentifizierung. Die Eltern von Barbara finden es vollkommen selbstverständlich, dass ihre Tochter ihnen die Kohlen aus dem Feuer holt und ihren Lebensunterhalt sichert.

Wir stellen uns vor, Barbara wäre als junge Frau in Australien geblieben. Sie hätte ihren Beruf als Geografin ausgeübt. Wäre sie heute glücklicher? Wir wissen es nicht, aber möglich ist es schon.

Was hätte dafür anders laufen sollen? Barbara hätte sich aus der Loyalität zu den Eltern lösen müssen. Sie an ihre Eigenverantwortung erinnern und die massiven Vorwürfe, was sie bloß für eine undankbare und egoistische Tochter sei, ertragen müssen. Das konnte sie nicht.

Machen wir uns nichts vor: Das hätte die allermeisten von uns auf eine krasse Probe gestellt. Eltern mit einer solchen Anspruchshaltung gegenüber Grenzen zu setzen und sie auch zu wahren: Das ist eine sehr schwere Aufgabe.

Narzissmus und Parentifizierung: Wer trampelt über Grenzen?

Die Problematik des Grenzen Setzens kann verschiedene Hintergründe haben. Ein erster betrifft den Narzissmus, der zweite die Parentifizierung. Bei beiden Phänomenen spielt die Fähigkeit, dem Gegenüber die eigenen Grenzen deutlich zu machen, eine zentrale Rolle. Denn der oder die, die uns immer wieder über unsere Grenzen trampeln, sehen das ja als angemessen an.

Die Narzisst:innen – weil sie aufgrund ihrer von ihnen empfundenen Bedeutung das natürliche Recht zu haben glauben, über uns zu verfügen.

Und die Eltern – weil wir als ihre Kinder, die sie aufgezogen haben, doch nun dankbar sein müssen und all diese in uns investierte Zeit und Liebe auch wieder zurückzuzahlen haben. Nicht selten sind diese Grenzverletzer beides: Narzisst:innen und Eltern in Personalunion.

Konkrete Beispiele von Grenzüberschreitungen

Ich möchte euch von weiteren Übergriffen erzählen, die mir im Coaching und in Workshops berichtet wurden. Natürlich habe ich sie anonymisiert.

Tagebuch lesen: Da las eine Mutter vollkommen selbstverständlich im Tagebuch der Tochter, selbst als diese schon erwachsen war. Sie verteidigte das vehement, als die Tochter ihr das endlich verwehren wollte. „Hast du etwa Sachen vor mir zu verbergen?“

Arzttermine: Da erwartete ein bereits gebrechlicher Vater, dass seine Tochter ihn zu Ärzten fuhr und begleitete, ohne dass er die Termine mit ihr absprach. „Du bekommst nicht frei dafür? Dann musst du eben Urlaub nehmen. Oder ist dir meine Gesundheit etwa nicht wichtig?“

Arbeitswelt: Die allermeisten von uns kennen auch Sprüche von Vorgesetzten oder Auftraggeber:innen: „Wie, du schaffst das nicht? Häng dich rein! Am Montag brauche ich das, ist doch noch das Wochenende dazwischen. Du fährst weg? Ich glaube, ich muss mich nach jemand anderem umsehen.“

Jeder Burn Out ist das Ergebnis eines jahrelangen, wenn nicht jahrzehntelangen Überschreitens von Grenzen. Und dieser Burn-Out ist der finale Warnhinweis, dass es so nicht weitergehen kann und darf.

Warum Grenzen so wichtig sind: Selbstwert und Selbstwirksamkeit

Warum sind Grenzen eigentlich so wichtig? Weil wir uns nur innerhalb des Raums, der dahinter entsteht, unserer Bedürfnisse bewusst werden können, uns emotional regulieren und wahrnehmen, was wir zu leisten in der Lage sind und was nicht. Werden diese Grenzen immer wieder verletzt, geht das Gespür dafür irgendwann verloren. Dann sind Erschöpfungszustände und später eine Erschöpfungsdepression die logische Folge.

Übrigens sind Krankheiten für viele Menschen tatsächlich die einzige Möglichkeit, ihre Grenzen zu wahren. Sie sind die Lösung, nicht als Egoist abgestempelt zu werden, wenn sie das Bedürfnis oder die Not verspüren, sich zurückzuziehen, sich rauszuziehen.

Dass die eigenen Grenzen gewahrt werden, ist ein zentraler Punkt unseres Selbstwertgefühls. Sie setzen zu können, ein wichtiger Aspekt unserer Selbstwirksamkeit. Wie bedeutsam das ist, merken wir schon in der Trotzphase von Kindern, wo sie ihren Willen entdecken und mit großer Macht versuchen, ihn durchzusetzen. Die nächste entscheidende Phase ist die Pubertät, wo die Ablösung von den Eltern gelingen soll – was aber von Eltern nicht immer gerne gesehen und akzeptiert wird.

Wenn unsere Grenzen in der Kindheit nicht respektiert wurden

Wenn wir es aber als Kinder gewohnt waren, dass unsere Grenzen nicht respektiert wurden, ist es im Erwachsenenalter umso schwerer. Wenn wir als Kinder gelernt haben, dass wir nur für Leistung Liebe und Anerkennung bekommen haben, dann ist dies unser Muster: Wir strengen uns umso mehr an, auch über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus.

Zahlreiche Studien belegen die Macht dieser Muster. Sie zeigen, wie stark sich die Beziehungen von Partnern, Eltern und Kindern generationenübergreifend ähneln, wie das Muster zur Gefühlserbschaft wird. So harren wir in Beziehungen aus, die uns nicht guttun. Dann sind wir der Überzeugung, dass es normal und angemessen sei, nicht gesehen zu werden, keinen Raum für eigene Bedürfnisse zu haben, andere nie enttäuschen zu dürfen, Zuwendung und Aufmerksamkeit ausschließlich als Gegenleistung für große Anstrengungen zu bekommen. Und Grenzen zu setzen, würde all dies in Frage stellen.

Helfende Berufe: Noch schwerer?

Für Menschen in helfenden oder heilenden Berufen ist es noch ein bisschen schwerer. Sie haben oft früh gelernt, andere zu unterstützen, zuzuhören, sich auf andere einzustellen. Sie haben eine hohe soziale Kompetenz entwickelt, eigentlich eine wichtige Ressource. Beim Abgrenzen aber kann sie zum Problem werden. Denn wäre es nicht unterlassene Hilfeleistung und Egoismus, so die Befürchtung vieler in diesen Berufen, wenn ich jetzt für Menschen in Not nicht zur Verfügung stehe, weil ich auf mich selbst achten muss?

Um diese Frage kurz zu beantworten: Nein, das wäre es nicht. Nur jemand, der gesund und ausgeruht ist, kann anderen wirklich helfen.

Körpersignale: Woran merken wir Grenzverletzungen?

Aber woran merken wir eigentlich, dass unsere Grenze verletzt wurde, von uns selbst oder von anderen?

Es ist gar nicht unbedingt unser Verstand, der uns das meldet, sondern unser Körper. Da klumpt der Magen, fällt der Kopf nach vorne, sackt der Oberkörper zusammen, werden wir vielleicht rot vor Scham. Die Körperempfindungen können unterschiedlich sein, aber eins sind sie auf jeden Fall: unangenehm. Gefühle, die dann wach werden, sind zum Beispiel Schmerz, Hilflosigkeit, Angst oder Überforderung. Bei manchen Menschen sind auch Krankheiten Symptome permanenter Grenzverletzungen, so etwa Neurodermitis oder Psoriasis. Die Haut, unsere Grenze zur Welt, meldet den Übergriff.

Wenn wir uns dann über uns selbst ärgern und womöglich in Selbstbeschimpfungen ausbrechen, geraten wir in einen Teufelskreis. Denn die Selbstbeschimpfung beschädigt unseren Selbstwert. Und das macht es für andere umso leichter, wieder zum Zug zu kommen.

Eine Tatsache, der wir uns wohl oder übel stellen müssen: Wenn andere uns immer wieder über die Grenzen trampeln, dann sind auf der anderen Seite wir es, die das zulassen. Das Erleben zeigt uns, dass unsere innere Stärke und Stabilität nicht ausreichen, sie davon abzuhalten.

5 Sätze zur Selbstreflexion: Wie schwer ist Abgrenzung für dich?

Um den Gründen dafür auf die Spur zu kommen, lade ich dich jetzt ein, dir ein paar Sätze anzuhören und zu prüfen, wie gut sie auf dich zutreffen. Entscheide instinktiv, wie stark du ihnen auf einer Skala zwischen 1 – gar nicht – und 10 – vollkommen – zustimmst. Und dies sind die Sätze:

  • Wenn ich mich abgrenze, werde ich abgelehnt.
  • Ich weiß gar nicht genau, wo meine Grenzen sind.
  • Ich muss immer alles einlösen, was ich versprochen habe.
  • Andere haben so wichtige Anliegen, dass ich meine Bedürfnisse gerne zurückstelle.
  • Ich bin verantwortlich.

Je höher deine Zustimmung zu diesen Sätzen, umso schwerer die Abgrenzung. Und ich finde es entscheidend wichtig, mit dieser Introspektion den Ursachen des Problems auf die Spur zu kommen.

„Nein sagen lernen“ reicht nicht aus

Denn ich weiß nicht, ob ihr auch Leute kennt, die über eine Abkürzung zum Abgrenzen kommen wollten. Das sind die, die sich vorgenommen haben, jetzt endlich mal „Nein“ sagen zu lernen. Nicht selten finden sich Gebrauchsanweisungen dazu in Magazinen. Auch in manchen Therapien wird dazu angeleitet.

Ja, und was passiert? Man übt, wo man sich sicher wähnt. Stößt die beste Freundin vor den Kopf, die um einen Nudelsalat für die Umzugshelfer gebeten hat. Kommt nicht zur Hochzeit von Freunden aus der Clique, weil er mit einem Konzert der Lieblingsband kollidiert. Immer verbunden mit der Botschaft: „Sehr her, jetzt mache ich nur noch, was mir guttut.“ Aber wenn dann die Chefin pfeift oder die Eltern Familiendienst anmahnen, ist alles wieder beim Alten.

Hier wurde die eigentliche Aufgabe nicht gelöst: sich innerlich aufzurichten und zu Klarheit und Selbstbewusstsein zu kommen. Damit ich entspannt und souverän meine Position vertreten kann und gelassen entscheiden, wann es keine Grenze braucht – in der Clique – und wann doch: bei der Chefin. Damit das gelingt, mag aber eine Therapie oder ein Coaching nötig sein.

7 Schritte zur inneren Stärkung vor dem Grenzen setzen

Und die richtige Vorbereitung, wenn es darauf ankommt. Du weißt vielleicht schon, was dir bevorsteht: der nächste Besuch bei der fordernden Mutter, bei einem Freund, der dich immer in Dienst nimmt, oder die nächste Teamsitzung, in der neue Aufgaben verteilt werden. Du weißt: Jetzt zählt es! Jetzt muss ich meine Grenze ziehen!

Wie kannst du dich innerlich stärken? Hier ein paar Vorschläge:

  • Zentriere dich. Halt inne, spüre den Kontakt deiner Füße zum Boden, atme gut aus.
  • Konzentriere dich auf deine Bedürfnisse: wozu bist du bereit, wozu nicht?
  • Schätze ab, was die Folgen deiner Grenzsetzung sein werden, und überlege, welche du zu akzeptieren bereit bist.
  • Dann entscheide, wo deine Grenze ist.
  • Gib dir ganz förmlich die Erlaubnis, diese Grenze zu ziehen.
  • Gib dir die Erlaubnis, andere zu enttäuschen.
  • Und jetzt nimm eine Haltung ein, in der die Grenze ganz klar ist: aufgerichtet und mit einer Haltung, wie sie auch in Kampfkünsten geübt wird. Füße hüftbreit, locker in den Knien, die Arme entspannt hängen lassen, jederzeit bereit, mit beiden Händen den Übergriff zurückweisen.

5 Punkte für die konkrete Umsetzung: So gelingt Grenzen setzen

Auf diese Weise gestärkt und fokussiert geht’s jetzt zu den Eltern oder in die Teamsitzung. Und auch hier kannst du es dir leichter machen, wenn du auf ein paar Dinge achtest:

  • Wahre eine gute Distanz zu den anderen.
  • Nimm eine klare Haltung ein: geerdet, aufgerichtet, locker.
  • Stell Blickkontakt her und halte den Kopf aufrecht (wichtig zu wissen: ein schief gelegter Kopf gibt das Signal „sei lieb zu mir“, er ist gleichsam eine Geste der Unterwerfung).
  • Unterstreiche deine Worte mit kräftigen Gesten.
  • Wähle klare Formulierungen und kurze Begründungen.

All das lässt sich üben. Vor dem Spiegel zuhause, aber auch im Coaching. Ich habe bei solchen Trainings mit Klient:innen gelegentlich einen übergriffigen Miesling gespielt, und es hat uns großen Spaß gemacht zu merken, wie dabei die eigene Widerstandskraft wächst.

Geduld haben: Es klappt nicht immer sofort

Wir sollen aber auch Geduld mit uns haben. Wenn es beim ersten Mal nicht gleich klappt, ist das kein Grund, entmutigt aufzugeben. Manche Gegner sind stark, und manchmal fehlt uns auch einfach die Kraft, richtig durchzuziehen. Es kann auch sein, dass wir nach einer Zeit der Erfolge wieder mal überrumpelt werden. Das heißt keineswegs, dass alles für die Katz war. Es heißt nur, dass wir genau jetzt in ein altes Muster zurückgefallen sind. Wenn wir dranbleiben, wird uns das immer seltener passieren. Und irgendwann ist das Thema erledigt.

Das Ziel: Ein Raum für uns selbst

Noch einmal zum Ziel, um das es geht: Indem wir Grenzen ziehen, entsteht für uns ein Raum, in dem wir uns selbst spüren, entspannen, regenerieren und entwickeln können. Wenn wir die Grenzen anderer respektieren, entsteht auch für sie dieser Raum. Davon profitieren alle – auch die, denen wir die Grenzen aufgezeigt haben.

Souverän Grenzen setzen – warum fällt das so schwer?

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