
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Wie geht es dir gerade?
Wären wir jetzt im Coaching oder in einem Workshop würde ich eine längere Pause machen, damit du innehalten könntest und mal nachspüren: Ist der Kopf klar, das Energielevel gut, kann der Atem frei fließen, sind die Schultern entspannt, ist der Oberkörper aufgerichtet? Oder sind da Gedankenkreisel, Verwirrung, Erschöpfung oder Angst, gibt es Schmerzen in Kopf oder in den Schultern, einen Klumpen im Magen und eine unangenehme Unruhe? Und wenn du zurückdenkst an die vergangenen Tage oder Wochen – welches Erleben war es, das sie bestimmt hat, das positive oder das negative?
Immer mal innezuhalten und in den Körper hineinzuhorchen, ist eine sehr hilfreiche Übung. Sie erzählt uns, was unser autonomes Nervensystem über unsere psychische Verfassung weiß, womöglich lange bevor es in unserem Bewusstsein angekommen ist.
Denn wenn wir glücklich und zufrieden sind, dann denken wir das erst einmal nicht – wir empfinden es! Und um diese Erfahrung geht es mir in den kommenden Minuten. Sie lässt uns hoffen und gibt uns Orientierung auf dem Weg unserer Genesung, ja Heilung. Wie fühlt sich ein glückliches, ein zufriedenes Leben an? Darum soll es jetzt gehen.
Um Momente der Heilung. So formuliert es der Traumatologe Bessel van der Kolk: „Wenn wir das Gefühl haben, dass man uns zuhört und uns versteht, verändert sich unsere Physiologie; dann leuchtet unser limbisches Gehirn auf und kreiert einen »Aha-Moment«.“
Schauen wir diese Situation, die van der Kolk beschreibt, noch einmal genauer an. Zuerst äußern wir einen Gedanken, dann fühlen wir, wie unser Gegenüber uns versteht, und in unserem Gehirn wird eine Reaktion ausgelöst, die wir wiederum über die dort ausgeschütteten Hormone körperlich empfinden. Wir denken also nicht nur, dass wir verstanden werden, wie empfinden es. Und das tut richtig gut.
Dass uns das möglich ist, gehört zu den Kennzeichen psychischer Gesundheit. Weitere Kriterien sind:
Manches davon können wir besser als anderes, und natürlich sind diese Kriterien nicht binär: kann ich / kann ich nicht. Sie stellen jeweils ein Kontinuum dar, irgendwo zwischen 0 – geht überhaupt nicht – bis 100: könnte gar nicht besser sein. Und ebenso schwanken wir in diesem Spektrum je nach aktueller Form. An manchen Tagen können wir uns zum Beispiel leichter wieder in die Balance bringen als an anderen.
An manchen Tagen fühlen wir uns positiv, motiviert und stark. An anderen wiederum traurig und belastet. Unser Nervensystem pendelt, dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen. Auf dieses Pendeln stützt der bedeutende Traumatherapeut Peter Levine seine Methode des Somatic Experiencing. Das Pendeln ist für ihn eine Technik der Heilung. Ihm geht es darum, das natürliche Hin und Her zwischen den Gefühlszuständen des Nervensystems zu unterstützen und bei Klient:innen ein Gewahrsein dafür zu ermöglichen.
Ausgehend von einer positiven Basis guter Gefühle und angenehmer Erinnerungen – gleichsam einem inneren sicheren Ort – können wir uns negativen Erlebnissen und traumatischen Erfahrungen nähern, um dann mit unserer Aufmerksamkeit wieder ins Positive zurückzuschwingen. Mit der Zeit entwickeln wir eine größere Haltekapazität für positive und negative Zustände, Containment genannt, und wir erleben, dass wir sie gut aushalten können. Wir müssen die negativen Gefühle nicht mehr ängstlich meiden und die positiven nicht mehr zwanghaft herbeiführen. Schon das entspannt ganz enorm.
So wird unser Nervensystem beweglicher. Es entsteht mehr Raum für die Entfaltung unserer Lebenskräfte. Der natürliche Rhythmus zwischen Expansion und Kontraktion ermöglicht mehr Stabilität, und die anfänglich kleinen Inseln der Sicherheit werden größer. Indem wir unsere Aufmerksamkeit zwischen unseren Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten auf der einen Seite, und den Verletzungen und Traumata – auch den transgenerationalen – auf der anderen Seite pendeln lassen, lösen wir stagnierende Muster und schädliche Verhaltensweisen. Wir transformieren sie zu mehr Lebendigkeit und Verbundenheit mit uns selbst und anderen. Wir erlangen neue Selbstregulationsfähigkeiten und eine bewusstere Selbstwirksamkeit.
Mit einem Satz: Wir fördern unsere psychische Gesundheit.
Warum das gelingt? Weil wir tief in uns eine Hoffnung empfinden können. Selbst, wenn eine Krise uns stark verunsichert, wenn wir scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten erleben: Haben wir nicht schon andere Krisen gemeistert? Was hat uns damals geholfen, sie zu überwinden? Steht uns diese Ressource nicht auch jetzt zur Verfügung?
Der Therapeut Lawrence Heller, der sich intensiv mit Entwicklungstraumata beschäftigt hat, schreibt: So, wie die Blume sich der Sonne zuwendet, wendet der Mensch sich spontan Kontakt und Gesundheit zu. Egal, wie tief unsere Verletzung und das Trauma, egal, wie isoliert wir bisher dahingelebt haben – wir wenden uns immer wieder der Heilung zu und unserem Wunsch nach Kontakt. Wir streben nach unserem natürlichen und authentischen Ausdruck. Wenn wir dies gerade in herausfordernden Situationen, wie wir sie aktuell erleben, nicht aus dem Blick verlieren, können wir ein neues Lebensgefühl etablieren.
Hoffnung also. Was ist das eigentlich?
Der Soziologin Eva Illouz zufolge haben wir, womöglich gegen alle Wahrscheinlichkeiten, die Vorstellung, dass wir ein Leben mit mehr Glück und Zufriedenheit leben können. Sie schreibt: „Die Hoffnung bekräftigt die irrationale Überzeugung, etwas Besseres sei möglich.“ Das hat tatsächlich konkrete Auswirkungen darauf, wie wir mit unserer Situation umgehen. Eva Illouz: „Die wesentliche Eigenschaft der Hoffnung ist, dass sie unseren Möglichkeitssinn entwickelt und schärft und damit unser Gefühl von Selbstermächtigung beeinflusst.“ Mit anderen Worten: Wenn wir hoffen, können wir mehr erreichen, weil wir uns mehr zutrauen.
Dabei ist das, was wir mental und emotional erleben, aufs Engste mit Prozessen im Körper verwoben. Die Signale der Hoffnung laufen über den Vagus-Nerv. Er ist der längste unserer zwölf Hirnnerven und ein Teil des Autonomen Nervensystems, zuständig für Erholung, Ruhe und Verdauung. Er führt vom Hirnstamm an der Schädelbasis sowohl aufwärts zu Hals, Kehle, Augen und Ohren als auch abwärts zu Lunge, Herz, Zwerchfell und Magen. Bekommt er einen positiven Impuls unseres Bewusstseins, wirkt das entspannend.
Wir können körperlich wahrnehmen, wie die Hoffnung über den Vagus-Nerv in den Körper hinein signalisiert wird. Wir atmen tiefer, der Oberkörper richtet sich auf, die Brust kann sich öffnen. Unser Blick wird klarer, der Horizont weiter, und die Stimme klingt auf einmal voller und tiefer.
Ein Zeichen für dieses Wohlgefühl kann auch sein, dass der Bauch anfängt zu gluckern. Achte doch mal darauf, wenn du dieses Gluckern wahrnimmst. Was hast du vorher erlebt, was hast du gedacht? Wahrscheinlich wird es etwas Positives gewesen sein.
Hoffnung ist machtvoll. Ohne Hoffnung können wir nicht leben. Nun kann alles Mögliche Objekt dieser Hoffnung sein: viel Geld, ein toller Job, eine schöne Wohnumgebung, eine neue Partnerin, ein neuer Partner. Oder eben psychische Gesundheit, unser Thema heute, ein freieres, zufriedeneres, glücklicheres Leben.
All das kann freilich von einem Trauma blockiert sein, von einem uns transgenerational übertragenen oder auch einem selbst erlittenen. Wird dieses Trauma aktiviert, können wir uns eben nicht emotional regulieren oder eingestimmte Beziehungen eingehen, sabotieren wir unseren eigenen Erfolg, sind wie gefangen in Gedankenkreiseln und den Automatismen unseres Verhaltens ausgeliefert, die an unserem Verstand vorbei Programme ablaufen lassen, von denen wir längst wissen, dass sie nicht funktionieren. Wir fühlen uns getrieben und wie ferngesteuert. Ein sehr unangenehmes Lebensgefühl.
In diesen Momenten die Hoffnung auf Heilung aufrechtzuerhalten, ist nicht leicht. Aber ohne geht es nicht. Und muss es auch nicht.
Denn wir alle tragen Erlebnisse in uns, auf die wir zurückgreifen können. Und das ist nicht nur meine tiefe Überzeugung, sondern auch meine Erfahrung. Genau das ist mit diesem etwas strapazierten Begriff „Ressourcen“ gemeint: Erinnerungen daran, dass wir natürlich alle bereits schwierige oder vielleicht sogar unlösbar scheinende Probleme gemeistert haben.
Was immer es bei dir ist: die Schule überstanden, dem Elternhaus entkommen, eine toxische Beziehung beendet, einen grauenhaften Job gekündigt, aus einer Bruchbude von Wohnung ausgezogen. Oder auch eine Leidenschaft ins Leben gebracht, obwohl alle gesagt hatten, das wird sowieso nichts. Ich gehe jede Wette ein, dass es diese positive Erfahrung in jedem Leben gibt. Wir müssen allerdings die Aufmerksamkeit darauf richten. Das sehe ich als eine meiner zentralen Aufgaben als Coach und Workshopleiter an: immer wieder den Fokus auf das Gelungene und das Gelingende zu richten. Und darauf, welche Perspektive darin geborgen ist.
Ich möchte noch einmal auf die Soziologin Eva Illouz zurückkommen. In ihrem aktuellen Buch „Explosive Moderne“ hat sie ein sehr schönes Kapitel über die Hoffnung geschrieben. Darin heißt es auch: „Hoffnung ist eine Projektion des Selbst in die Zukunft.“ Was meint sie damit? Ich verstehe diesen Satz so: dass wir nicht nur auf irgendwie bessere Zeiten orientieren, in denen wir mehr Geld haben oder eine bessere Beziehung – Dinge natürlich, auf die wir selbstverständlich hoffen können. Aber Illouz meint etwas viel Grundlegenderes: dass wir ein Bild von uns selbst in uns tragen, das wir in der Zukunft tatsächlich verkörpern können. Ein Bild, das aus einem tieferen Verständnis unserer Persönlichkeit, unserer Bedürfnisse und unserer Aufgaben im Leben entsteht.
Flapsig ausgedrückt: ein Bild von uns, auf dem wir einfach mal alles raushauen und ins Leben bringen können, was in uns steckt. Coole Vorstellung, oder? Und natürlich eine drängende Sehnsucht, die wir empfinden.
Ein Satz aus meiner Coaching-Ausbildung hat sich mir eingeprägt: Die tiefste Sehnsucht und der größte Schmerz sind miteinander verbunden. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verstehen, meine Beschäftigung mit Traumata brachte die Erkenntnis. Denn das, was wir einen größten Schmerz nennen können, ist zumeist ein Trauma. Und das verhindert eben, dass sich unsere Sehnsucht erfüllen kann – es blockiert den Weg dorthin. Für den Coaching- oder Therapieprozess ist die Sehnsucht deswegen ein entscheidender Orientierungspunkt. Sie führt uns genau dorthin, wo es weh tut. Und wo wir, in aller Vorsicht und Achtsamkeit, die Blockade auflösen können, die einem guten, glücklicheren Leben im Weg steht.
Nun wird mir immer mal gesagt, „ich weiß gar nicht, was meine Sehnsucht ist.“ Ich habe gelernt, hierin die Schutzreaktion einer verletzten, wahrscheinlich traumatisierten Seele zu vermuten. Denn wenn wir uns dieser Sehnsucht nähern, können wir auch dem Trauma nahekommen, vielleicht zu nah. Das gilt es zu respektieren, zumal ich kein Therapeut bin. Was wir aber schauen können: Gibt es Erinnerungen an positive Erfahrungen, in denen sich die Sehnsucht vielleicht doch mal erfüllt hat, nur kurz und nicht auf Dauer, aber eben doch im Gedächtnis gespeichert? Gibt es kostbare Momente, in denen wir tiefe Entspannung, heilsame Kontakte, das Gefühl des Aufgehoben-Seins empfunden haben, eine Ahnung davon, wie das Leben eigentlich gemeint ist? Auch die gibt es immer, aber sie können verschüttet sein, sodass wir ein wenig Geduld brauchen, um sie freizulegen.
Wir sollen vorsichtig damit umgehen. Das sanfte Pendeln, das Peter Levine fürs Somatic Experiencing entwickelt hat, ist ein guter Weg. Sonst kann unser System komplett zumachen. Und wir sollten im Bewusstsein halten, dass nicht immer alles gelingt, selbst wenn wir auf dem richtigen Weg sind. Studien haben gezeigt, dass zu große und unrealistische Hoffnungen zu Erschöpfung und Burnout führen können. Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen. Aber wir sehen ja, dass Dinge auch schief gehen können – das sollte man wissen und trotzdem optimistisch und hoffnungsvoll in die Welt gucken. Es kann also auch schädlich sein, sich sehr hohe Ziele ganz genau vorzustellen, sie detailgetreu zu visualisieren und dann womöglich noch darauf hin zu affirmieren. Es kann der direkte Weg in die nächste Scheiter-Erfahrung sein.
Und es kann Verbote geben, die unsere Familie vor einem guten, einem glücklichen Leben für uns aufgerichtet haben kann. Frühere Generationen, die Krieg, Flucht, Vertreibung, Hunger und große Not erlitten haben, waren geprägt von übermächtigen negativen Erfahrungen, sehr oft traumatisiert, und diese Haltung zum Leben vermittelten sie ihren Nachfahren. Die Frage, die sich uns unbewusst eingeprägt hat: „Wie kann ich ein glückliches Leben führen, wenn meine Familie so viel Leid erfahren musste?“ Die Loyalität mit den Vorfahren kann bis in die Überzeugung führen, eben kein Anrecht auf ein gutes Leben zu haben, auf eine Liebesbeziehung, eine eigene Familie.
Das sitzt tief, und wir können nicht einfach so entscheiden, das von jetzt auf gleich zu ändern. So funktioniert die Seele nicht, so funktioniert die in unserem Gehirn eingeprägte Persönlichkeit nicht. Aber ändern können wir natürlich trotzdem sehr viel. Es mag ein bisschen dauern, etwas mehr Geduld erfordern. Ein Teil dieses Wegs kann auch die Aufklärung einer belasteten Familiengeschichte sein, die Aufarbeitung von verdrängter Trauer oder abgewehrter Schuld. Sie kann eine Kraftanstrengung bedeuten, aber sie hat ein natürliches Ziel: frei zu werden für das eigene Leben, anzukommen in dem, was wirklich unseres ist. Entscheiden zu können, welche Gefühlserbschaften wir annehmen wollen und welche nicht. Welchen neuen Umgang mit Gedanken, Gefühlen und Beziehungen wir in unserem Leben etablieren wollen. Und wie sich für uns ein gutes, ein glückliches Leben anfühlen soll.
Wenn wir dazu kommen wollen, unsere Emotionen regulieren zu können, eine Wahrnehmung für Glück und Zufriedenheit zu entwickeln, uns nach destabilisierenden Situationen wieder in die Balance zu bringen, unsere Ängste zu begrenzen, aus Automatismen mithilfe von Bewusstheit und Achtsamkeit auszusteigen, empathisch auf andere zu reagieren und positive und eingestimmte Bindungen einzugehen – wenn wir diesen Ausdruck psychischer Gesundheit für uns realisieren wollen, dann ist es die Hoffnung, die uns dorthin leitet. Es sind es die Ressourcen, die uns dazu befähigen.
Und es ist die Sehnsucht, die uns weitergehen lässt.

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