
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Glaubenssätze können eine enorm starke Macht auf uns ausüben, ohne dass wir es überhaupt merken! Weil sie im Unbewussten wirken und von dort aus unsere Wahrnehmung, unser Selbstwertgefühl, unser Selbstvertrauen und die Entfaltung unserer Potenziale steuern. Zum Positiven: sodass wir uns viel zutrauen und dann auch realisieren können. Oder zum Negativen – als Blockade für unsere Wünsche, Ziele und Visionen.
Damit wir sie aufspüren können, schauen wir in die Vergangenheit, in unsere eigene und in die unserer Familie. Aber natürlich schauen wir uns auch an, wie wir diese Blockade-Glaubenssätze aus dem Weg räumen können, die bisher zwischen uns und einer verheißungsvollen Zukunft stehen. Wie wir sie transformieren können zu Unterstützern.
Aber was sind eigentlich Glaubenssätze? Es sind Regeln, mit denen wir unser Leben bewältigen. Sie helfen uns, mit der überwältigenden Fülle von Informationen und Eindrücken umzugehen. Wie wir Entscheidungen treffen, liegt in ihnen begründet. Glaubenssätze bestehen aus Überzeugungen über uns und das Leben im Allgemeinen, darüber, wie Ursachen und Wirkungen zusammenhängen. Sie sind die inneren Landkarten und Wegweiser, die wir benutzen, um uns in der Welt zu orientieren. Und auf diese Weise bieten sie uns Stabilität und Halt.
Wie entstehen Glaubenssätze? Indem wir Erfahrungen verallgemeinern. Als einzelne. Als Familie. In einer sozialen Schicht. In einer Berufsgruppe. In einer Gesellschaft. Wir verdichten diese Erfahrungen in einen Satz, und dann leitet er unser Denken, Fühlen und Handeln.
Wenn wir ein paar Mal erlebt haben, dass Anstrengung uns Erfolg bringt, Arbeit mit leichter Hand aber nicht, entsteht daraus die Erkenntnis „Nur Anstrengung bringt Erfolg“. Wird sie oft genug bestätigt, wird daraus eine Überzeugung – ein Glaubenssatz, über den wir gar nicht mehr nachdenken, weil er für uns eine unumstößliche Wahrheit beschreibt. Dinge aber, über die wir nicht mehr nachdenken, sinken ins Vor- oder Unbewusste ab und schieben sich als Filter vor unsere Wahrnehmung. Wir sind dann, um im Beispiel zu bleiben, so tief davon überzeugt, dass nur Anstrengung den Erfolg bringt, dass wir Erfolgen mit leichter Hand misstrauen – „daran ist bestimmt was faul!“ – oder sie gleich ganz ignorieren.
Wir können natürlich auch vom Glaubenssatz auf die Erfahrung schließen. Etwa bei diesem: „Männer sind Schweine.“ Oder bei diesem: „Mit ehrlicher Arbeit wirst du nicht reich.“ Dass Sätze wie diese nicht nur die Sicht aufs Leben einengen, sondern auch unsere Chancen, gegenteilige Erfahrungen zu machen, ist ja klar.
Aber all das ist normal, das ist menschlich. Und weil es den allermeisten Menschen so geht, weil innerhalb einer bestimmten Zeit mit ihren historischen, sozialen und kulturellen Bedingungen viele ganz ähnliche Erfahrungen machen, ähneln sich auch die Glaubenssätze. Und sie sind sehr stabil und werden nicht selten von Generation zu Generation weitergereicht.
Die Erforschung von Glaubenssätzen gehört in vielen meiner Workshops zu den beliebtesten Übungen. Weil es Spaß macht, ihnen auf die Spur zu kommen. Und: weil sie so wichtig sind und eine so machtvolle Blockade für das sein können, was wir wirklich erreichen wollen. Unter den Abonnent:innen meines Newsletters habe ich deswegen vor einiger Zeit eine Umfrage gestartet, welche Glaubenssätze ihre Karriere begleitet haben. Die meisten Teilnehmenden schrieben, sie hätten sie von ihren Eltern oder Großeltern eingetrichtert bekommen.
Eine Auswahl typischer negativer Glaubenssätze:
Wie diese Sätze wirken, ist ja klar.
Haben wir den Glaubenssatz, dass Krankheit einfach nur ein Anzeichen von Faulheit ist, werden wir kaum zu einer angemessenen Selbstfürsorge in der Lage sein. Wurde uns einst vermittelt, wir sollten uns gefälligst nicht so wichtig nehmen, wie kann es dann verwundern, wenn wir immer noch unsere Bedürfnisse in Familie und Beziehung hintanstellen? Unser Potenzial als Führungskraft nicht ausschöpfen? Als talentierte Sängerin uns nicht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit trauen? Uns nicht selbstständig machen? So entfalten überlebte Weisheiten der Älteren auch viele Jahrzehnte später noch ihre begrenzende, ja zerstörerische Wirkung.
Nehmen wir einen Glaubenssatz mal unter die Lupe. Er ist vielen von uns als Ansage von Eltern, Lehrer:innen und aus dem Job vertraut: „Du darfst keine Fehler machen.“ Haben wir ihn für uns akzeptiert, lautet er also: „Ich! Darf! Keine! Fehler machen!“
Schauen wir auf die positiven Seiten: Jemand mit diesem Glaubenssatz wird sich immer sehr viel Mühe geben, ausgesprochen sorgfältig sein und nur Arbeit abliefern, die nach ihren oder seinen Maßstäben perfekt ist. Wer immer diese Arbeit bekommt, wird von der Qualität angetan sein und sich darüber freuen.
Die negativen Seiten kennen wir natürlich auch: Mit diesem Glaubenssatz brauchen Menschen oft deutlich länger, als eigentlich gut wäre, weil das Ergebnis eben perfekt sein muss, und sie immer in der Angst leben, sie hätten vielleicht doch einen Fehler gemacht. Was sie emotional blockieren kann und sie davon abhält, die Arbeit endlich abzuschließen. Das kann sich zu einer Angststörung auswachsen, und es kann auch in Teams Probleme bereiten.
Es kann also eine Situation entstehen, in der dieser Glaubenssatz aufgeweicht werden sollte, seine imperative Macht verlieren, damit er das Erleben und Handeln nicht mehr so wuchtig bestimmt, wie er das bisher tut.
Was wir schon mal sein lassen können, ist zu sagen: „Mach dich mal locker, so wichtig ist das hier gerade nicht.“ Das provoziert höchstens Ärger oder Rechtfertigungen. So kommen wir einem Glaubenssatz nicht bei.
Womit wir schon näher an die Angst des Gegenübers herankommen, ist diese Frage: „Was befürchtest du, wenn in dieser Arbeit ein Fehler stecken könnte?“ So entsteht eine Risikoeinschätzung, die einem Realitäts-Check unterzogen werden kann. Ist die Befürchtung angemessen, ist es natürlich auch das Streben nach Perfektion.
Und wenn nicht? Wenn wir finden, das müsse man jetzt echt nicht so streng sehen: Das Risiko sei kalkulierbar, der potenzielle Schaden zu vernachlässigen? Indem wir beharren, jetzt sei es genug mit dem Prüfen und Optimieren, wenn wir womöglich sogar die Entscheidungskompetenz haben und sagen, „so, das ist jetzt okay, das reicht für den Moment“, kann es gelingen, diesen übergroßen Anspruch aufzuweichen.
Woher kommt aber ein solcher Glaubenssatz wie „Ich darf keine Fehler machen“ eigentlich? Denken wir an Menschen, die Kriegserfahrungen gemacht haben: von der Ostfront, aus Bombenangriffen, aus der anschließenden Flucht und Vertreibung. Aber wir können auch an die Boat People denken, die in den 70erjahren aus Vietnam flohen, an Geflüchtete aus Bosnien, aus Syrien, heute aus der Ukraine, die vielleicht unmittelbar erleben mussten, was es für verheerende Folgen hatte, wenn jemand um sie herum einen Fehler machte. Er kann tödlich enden!
Erfahrungen wie diese graben sich tief ins Unbewusste von Menschen ein, und so werden sie zum Gefühlserbe für ihre Nachkommen. Schauen wir genauer hin, entdecken wir eine Vielzahl von Glaubenssätzen, die aus alter Zeit stammen. Oder aus Lebensverhältnissen, die mit unseren nicht mehr vergleichbar sind.
Der Umgang mit Essen ist dafür ein gutes Beispiel. Wie vielen Kindern wurde mir eingetrichtert, dass man den Teller leerzuessen hat. Meine Eltern hatten ja die große Not nach dem Krieg erlitten, und deswegen konnten sie es nicht ertragen, wenn Essen auf dem Teller blieb, das man wegschmeißen musste. Als braves Kind, das ich sein wollte, aß ich also auf. Immer. Glaubenssatz: „Der Teller wird leergegessen.“ Das hat mir über viele Jahre ein Gewichtsproblem beschert. Es zu bewältigen, war schwierig. Der Glaubenssatz ist nicht wirklich aufgelöst, es für mich immer noch schwer, einen halbvollen Teller abzutragen. Aber ich gehe anders mit der Situation um, weil mir das bewusst ist: Ich nehme kleinere Portionen und esse seltener.
Von ähnlichen Erfahrungen mit dem Essen ist mir oft berichtet worden. Weil die Erinnerung an Hunger und Not eben in vielen Familien steckt. Die Therapeutin Sandra Konrad vergleicht das, was wir an alten Glaubenssätzen mit uns herumtragen, mit falschem Gepäck: als wären wir im Abendkleid auf Segeltour über den Atlantik oder mit Malariaprophylaxe in den Alpen unterwegs. Ein sehr passendes Bild.
Wenn es also offenkundig dysfunktionale Glaubenssätze gibt – wie komme ich ihnen auf die Spur? Eine Möglichkeit: Ich kann üben, mich beim Denken zu beobachten. Und wenn ich dann zum Beispiel erfolgreich durchstarteten will und in mir der Satz aufsteigt „Ach, das wird sowieso nichts, Karriere machen eh‘ nur die anderen“ – zack, dann habe ich einen Glaubenssatz erwischt und kann ihn erforschen.
Was noch viel besser funktioniert: gemeinsam mit anderen auf Jagd zu gehen. Wie ich eingangs erzählte, habe ich das in vielen Workshops angeleitet.
Wenn wir uns also mit diesen Glaubenssätzen befassen, ist es eine Mischung aus Belustigung, Trauer und Wut. „Oh, das kenne ich auch!“ Solche Ausrufe sind Standard. Wir spüren, wie sehr uns dieses Gepäck, das uns von Eltern oder Großeltern aufgebürdet wurde, den Weg durchs Leben schwer gemacht hat. Aber irgendwie ist es trotzdem komisch, dieselben Sprüche aus dem Mund von Menschen zu hören, die wir erst am Morgen kennengelernt haben. Gerade wenn es bedrängend wird, hilft es sehr, gemeinsam zu lachen.
Und es gibt ja auch positive Sätze: Erfahrungen aus unserer Kindheit, die nicht behindern, sondern eine wertvolle Hilfe sind. Diese etwa: „Ich kann durchhalten.“ Oder: „Ich kann mit wenig sehr zufrieden sein.“ Oder: „Ich kann Verantwortung übernehmen.“ Eine schöne, eine wichtige Erkenntnis, ein Glaubenssatz, der eine wertvolle Ressource bedeutet.
Was ich im Coaching oft erlebe: dass Menschen trotz negativer Glaubenssätze eine beeindruckende Lebensleistung erbracht haben. Für die ihnen freilich die Wahrnehmung fehlt. Da ihre Eltern ihnen kaum je Anerkennung gezeigt haben, fehlt ihnen das Zutrauen, sie sich selbst zu zollen. Knüpfen wir an diese Ressourcen an, öffnet sich zaghaft der Blick auf das Neue. Aber schon erscheint da die nächste Hürde: die Frage, ob die Chance nicht längst verpasst ist, wir nicht schon zu alt sind für einen echten Neubeginn.
Nein, sind wir nicht. Der Glaubenssatz „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist von der Neurowissenschaft widerlegt. Er klingt auch schon so blöd und altertümelnd. Das Phänomen, das ihn widerlegt, nennt sich Neuroplastizität des Gehirns. Wir wissen heute, dass Gehirnzellen sich bis ins hohe Alter neu vernetzen und damit die Strukturen schaffen können für völlig neue Lernerfahrungen und Fähigkeiten. Der Start ist jederzeit möglich.
Bei Älteren dauert das vielleicht etwas länger. In einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung wurden die Lernprozesse bei jüngeren und älteren Erwachsenen genau angeschaut. Die Erkenntnis: Als Ältere können wir mit regelmäßigem Üben eine Lernkurve erzeugen, die denen der Jüngeren sehr ähnlich ist.
Über eine besonders bemerkenswerte Frau, die dafür ein perfektes Beispiel ist, habe ich eine Biografie geschrieben: Ruth Rupp. 1926 geboren, begann sie ihre Bühnenkarriere im zarten Alter von 77 Jahren. Im Jahr 2004 war es, als Ulrich Tukur sie für seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“ auf die Bühne an der Hamburger Reeperbahn holte. Es wurden mehr als 100 Aufführungen. Anschließen sang sie in dem wundervollen Chor „Heaven Can Wait“, Mindestalter für Mitglieder: 70 Jahre. Sie war das älteste und mit 1,43 Meter das kleinste Mitglied. Und erst mit 97 Jahren senkte sich der letzte Vorhang über ihre Karriere.
Mit 77 eine neue Karriere beginnen, der Leidenschaft fürs Singen und das Theater noch einmal ganz neuen Raum geben? Ja, das geht. Es ist weniger einer Frage der Fähigkeiten, so meine Erfahrung. Es ist eine Frage der Haltung. Tatsächlich hat die fast Hundertjährige einen hilfreichen Glaubenssatz. Sie erzählte: „Immer, wenn es schwierig wurde, sagte ich mir: Rupp, du schaffst das schon.“ Und das hat sich erfüllt.
Kommen wir noch einmal zum Glaubenssatz „Ich darf keine Fehler machen!“ zurück. Wie kann ich ihn loswerden?
Der erste Schritt ist schon getan, wenn ich aufgespürt haben, woher er stammt. War es eine traumatische Erfahrung in der Kindheit, lässt sie sich bearbeiten. Ist es ein transgenerationales Erbe, löst schon diese Erkenntnis große Erleichterung aus. „Echt, das ist gar nicht meins? Was will ich dann damit?“
Das Erbe loszulassen, ist dann nicht ganz so einfach. Denn ein Glaubenssatz, der uns ein Leben lang begleitet hat, hat tiefe neuronale Verschaltungen in unserem Gehirn hinterlassen. Er lässt sich nicht einfach verlernen – oder überschreiben. Das Gehirn vergisst nicht.
Aber wir können ihn transformieren. Und dieser Ablauf passt mehr oder weniger zu jedem, unabhängig vom Inhalt.
Schritt 1: Erkennen, was er mir Positives gebracht hat
Damit erkenne ich auch meine Leistung an und stärke meinen Selbstwert.
Schritt 2: Erkennen, wie er mir geschadet hat oder mich behindert
Hier öffne ich mich einem neuen Potenzial, einem Ziel, einer Sehnsucht.
Schritt 3: Einen neuen Satz formulieren
Der mir so dient, wie ich es mir vorstelle. Zum Beispiel diesen: „Ich mache meine Arbeit gut, aber ich darf auch mal Fehler machen.“
Und dann beginnt eine Zeit der Achtsamkeit und der Abenteuer. Denn jedes Mal, wenn der alte Satz wieder in mir aufsteigt, wenn ich die siebte Korrekturrunde durch eine Mail drehe, nehme ich das wahr. Und kann entscheiden, ob ich das tatsächlich so will. Ob es dem Anlass angemessen ist – oder eben nicht.
Und wieso eine Zeit der Abenteuer? Weil ich mich jetzt entscheiden kann, etwas anders zu machen. Die Angst, die aufsteigt, freundlich zu begrüßen, lang auszuatmen, um sie abfließen zu lassen – und dann auf den Senden-Knopf drücken. Nach nur zwei Korrektur-Runden. Verhaltenstherapeuten haben dafür das wunderbare Wort „Mikro-Abenteuer“ erfunden. Und je häufiger ich diese kleinen Abenteuer bestanden habe, umso stärker wird die neue Gewohnheit. Umso bereitwilliger werde ich auch größere Abenteuer angehen und sie meistern. Und irgendwann ist der alte Glaubenssatz Geschichte, der neue etabliert.
Was ich euch garantieren kann: Das Leben wird sich viel entspannter anfühlen.

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