
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Ein ganz normaler Montagmorgen. Noch bevor der Wecker klingelt, sind wir hellwach. Der Kopf ist voll. In Gedanken scrollen wir durch unsere To-Do-Liste: Kinder zur Schule, Meeting vorbereiten, Präsentation fertigmachen, Einkaufen, Sport – ach nein, Sport … nicht heute, keine Zeit, da ist noch das Telefonat mit Mutti, schließlich Abendessen und dann, zur Belohnung, die Serie auf Netflix, von der alle schwärmen. Später, als wir eigentlich wollten, liegen wir erschöpft im Bett und denken: Ich hätte doch noch… Ich müsste eigentlich wirklich … Aah, warum reicht es nie?
So fühlt sich Getriebensein an. Als wäre da eine unsichtbare Kraft, die uns vorwärtstreibt, ohne dass wir je ankommen. Als würden wir durchs Leben hetzen wie auf der Flucht, ständig unter Spannung, nie wirklich frei, nie wirklich im Moment. Und wir fragen uns: Was treibt uns da? Warum können wir nicht innehalten? Warum fühlt sich Stillstand an wie Verrat?
Vor Weihnachten ist es für viele noch ein bisschen schlimmer: Vorher muss ja alles Mögliche fertig werden, dann gibt’s die Weihnachtsfeiern, die Geschenke müssen besorgt werden, das Essen für die Feiertage. Und sollte es nicht eigentlich eine besinnliche Zeit sein? Haha.
Ums Getriebensein also geht es in diesem Text. Woher es kommt. Warum vererbte Muster darin stecken. Und wie wir lernen können, doch zur Ruhe zu kommen, ohne dass unser Leben aus den Fugen gerät. Ja, das geht, und ich möchte euch dafür den faszinierenden Ansatz eines Harvard-Professors vorstellen.
Aber jetzt:
Ehrlich gestanden, ich kann diese Glaubenssätze nur mit Mühe nennen, denn eigentlich wird mir übel davon. Das liegt wohl auch daran, dass ich mal ähnlich drauf war und auf dem Höhepunkt eines Burnouts auf der Nase lag – buchstäblich. Es gibt ein Foto davon, wie ich aussah, kein schöner Anblick. Es erinnert mich an die Extremfolgen des Getriebenseins, daran, wohin ich auf gar keinen Fall zurückwill.
Der Blick in die Vergangenheit ist ein erster Schritt zur Erkenntnis. Wenn wir zurückschauen auf die Generation unserer Großeltern, auch die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, dann verstehen wir Einiges besser. Wenn eine Stadt zerstört ist, muss man sie wieder aufbauen, wenn eine Familie hungert, kann man das Bemühen um Nahrung nicht aufschieben. In dieser Zeit existenzieller Not mussten Menschen um ihr Überleben kämpfen. Stillstand hätte Gefahr bedeutet. „Wer rastet, der rostet“, war keine Motivationsformel, sondern eine Überlebensstrategie. Nur nicht stillstehen. Immer weitermachen. Funktionieren. Durchhalten.
Diese Muster wurden an uns weitergegeben. Nicht nur durch Worte, auch durch Haltungen, Ängste, durch den Blick, mit dem unsere Eltern auf das Leben schauten. Die Botschaft lautete: Du musst dich anstrengen. Du musst mehr tun. Genug gibt es nicht. Denn wenn du nachlässt, wird es gefährlich – lebensgefährlich.
Ich erlebe das auch in meinen Coachings. Eine Klientin erzählte mir: „Wenn ich mich hinsetze und nichts tue, fühlt es sich an wie Verrat. Als würde ich etwas Verbotenes machen.“ Ihre Großmutter hatte die Familie nach dem Krieg allein durchgebracht. Fünf Kinder, kein Mann, sehr wenig Geld. Sie arbeitete von morgens bis abends. Pausen konnte und wollte sie sich nicht leisten. Aus der Not konstruierte sie eine Tugend, einen Glaubenssatz, der das Leiden wohl erträglicher machen sollte. Sie sagte: „Nur der Faule ruht sich aus.“
Was unter den damaligen Bedingungen dem Überleben diente, ist heute dysfunktional. Natürlich ist es das. Was es psychisch und physisch anrichtet, wenn wir nicht zur Ruhe kommen können und permanent durchs Leben hetzen, ist vielfach belegt und erlitten. Die lange Liste der Symptome reicht von:
Wenn du das Getriebensein als Lebensgefühl kennst: Welches Symptom plagt dich am meisten?
Wir leben ja nicht mehr unter existenzieller Bedrohung, aber unser Unbewusstes weiß das nicht. Die Angst vor Stillstand ist tief eingeprägt. Das Getriebensein ist zu einem Normalzustand geworden, der uns nicht mehr schützt, sondern zermürbt. Die inneren Antreiber sind permanent aktiv. Es sind Stimmen in uns, die sagen: „Sei perfekt!„, „Beeil dich!„, „Streng dich an!„. Sie klingen wie Motivation, aber tatsächlich sie sind ein Zwang. Wir können nicht anders. Wir müssen. Und wenn wir es nicht schaffen, fühlen wir uns schuldig, ungenügend, wie Versager.
Dabei war und ist das Getriebensein auch eine Flucht: vor unangenehmen Gefühlen. Wer ständig in Bewegung ist, nie zur Ruhe kommt, hatte damals schlicht keine Zeit, sich Gedanken zu machen über familiäre Verstrickungen in ein Unrechtsregime und seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die niemals endende Aktivität schützte vor dem Blick in die Abgründe. Heute schützt sie vor der Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nichts mehr leiste? Im Tun können wir dieser Frage ausweichen. Aber sie kommt natürlich zurück, und das vor allem in Momenten der Schwäche, in Krisen. Dann kommt auf einmal das ganze System ins Wanken, und wir fragen uns: Warum komme ich aus diesem Teufelskreis nicht heraus?
Der Harvard-Professor Clayton Christensen hat ein Buch geschrieben, das eine faszinierende Perspektive auf diese Frage wirft. Es trägt den Titel: „How Will You Measure Your Life?“ – Wie wirst du dein Leben messen?
Ausgangspunkt von Christensens Überlegungen waren Beobachtungen, wie hochkarätige Führungskräfte viele Jahre ihres Lebens in ihren Beruf investierten. Sie arbeiteten 60 Stunden pro Woche und mehr, waren erfolgreich, anerkannt, gut bezahlt. Aber ihre Beziehungen litten, ihre Ehen, der Kontakt zu ihren Kindern, ihre Gesundheit.
Welcher Mechanismus steckt dahinter, fragte sich der Harvard-Professor, und als Ökonom identifizierte er ein typisches Muster der Business-Welt: Führungskräfte investieren dort, wo sie unmittelbare Erfolge sehen. Im Job gibt es schnelle Returns: Anerkennung, Beförderungen, Boni. Heute die Präsentation gehalten, morgen das Lob vom Chef. Heute das Projekt abgeschlossen, am Ende des Monats die Prämie. Das Belohnungssystem ist klar, messbar, sofort spürbar.
Beziehungen dagegen entwickeln sich über viele Jahre. Die Früchte zeigen sich erst viel später. Heute mit dem Kind gespielt – wann zahlt sich das aus? Heute Zeit mit dem Partner verbracht – wo ist der Return? Es gibt keine Beförderung für ein gutes Gespräch beim Abendessen. Ja, es mag sich gut anfühlen, aber die Beförderung gibt einfach den größeren Kick. Also werden Beziehungen vernachlässigt. Das Getriebensein führt uns dorthin, wo es sofort gut anfühlt – nicht dorthin, wo es richtig wäre.
Christensen spricht von der „Nur dieses eine Mal„-Falle. Das klingt so: „Nur dieses eine Mal arbeite ich über meine Belastungsgrenze hinaus. Nur heute verschiebe ich das Abendessen mit der Familie. Nur diesmal verpasse ich das Fußballspiel meines Sohnes…“ Die Kosten für eine einzelne Ausnahme erscheinen gering, ja marginal. Aber aus den kleinen Ausnahmen wird ein Lebensmuster. Eine Grenze, die wir einmal überschritten haben, wird löchrig. Das Risiko einer Wiederholung steigt exponentiell. Und so rutschen wir in ein getriebenes Leben, ohne es je bewusst gewählt zu haben.
„Wie wirst du dein Leben messen?“ fragt Clayton Christensen, nach welchen Metriken? Und mit welchen Maßstäben messen wir Erfolg? Sind es wirklich unsere eigenen? Oder sind es die der Kriegsgeneration? Haben wir sie unbewusst übernommen, weil sie uns vorgelebt wurden?
Ich hatte einmal Klientinnen, die die Frage nach der Messung des Lebens zunächst gar nicht verstanden. Weil sie in diesem rastlosen Zustand des Funktionierens gefangen waren, den vor allem Mütter kennen, die für ihre Kinder zu sorgen haben und womöglich auch noch berufstätig sind und am besten auch noch die Hauptlast im Haushalt tragen. Ich bat sie, aufzuschreiben, welche Aufgaben sie täglich erledigen müssen. Die Liste wurde sehr lang:
Kinder wecken, Frühstück machen, Schulbrote schmieren, zur Schule fahren, einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen, Hausaufgaben kontrollieren, Arzttermine organisieren, Geburtstagsgeschenke besorgen, an die Impfungen denken, den Elternabend vorbereiten, die Schwiegermutter anrufen, das Abendessen planen, den Kühlschrank auffüllen …
Die Liste füllte zwei Seiten. Als wir zusammenrechneten, wie lang ein Tag sein muss, damit darin auch noch ausreichend Schlaf und ein ganz klein wenig Me-Time stattfinden könnte, kamen wir auf 36 Stunden. Die Reaktion der Klientin: ungläubiges Lachen.
Das ist der Mental Load. Diese ständige Planung, Koordination, emotionale Arbeit im Kopf. Es ist unsichtbare Arbeit – und sie hört nie auf. Es gibt keinen Feierabend. Kein „Projekt erfolgreich beendet“. Keine Gratifikation für eine gelungene Geburtsfeier. Und das Paradoxe daran: Je mehr man tut, desto selbstverständlicher wird es. Es gibt keine Returns wie bei Clayton Christensen.
Und dann ist da die transgenerationale Botschaft: „Um mich geht es hier nicht.“ Die aufopfernde Mutter oder Großmutter sind das Vorbild. Das Getriebensein wird gespeist aus Schuldgefühlen: „Ich müsste noch … Ich bin nicht genug.“ Und so wird die Erschöpfung als persönliches Versagen interpretiert, nicht als systemisches Problem. Diese Klientinnen dachten, sie seien einfach nicht gut genug im Organisieren, sie seien zu langsam, zu unstrukturiert, sie bräuchten ein besseres Zeitmanagement. Andere schafften das doch auch. Aber das stimmt natürlich nicht. Andere sind genauso erschöpft – sie zeigen es nur nicht.
Hier stecken natürlich auch gesellschaftliche Erwartungen. Gerade erleben wir wieder einen Backslash zurück zu längst überlebten Rollenmustern, und, ja, auch zu einem Konzept von Arbeit, das an die 50er und 60er Jahre erinnert. Es trägt einen neuen Namen: „Grind Culture„. Das ist die Verherrlichung permanenter Schufterei.
„Rise and grind„: So klingt das Morgen-Mantra. 60-Stunden-Wochen als Norm. „Sleep is for the weak“ – Schlaf ist nur für Schwache. Selbstausbeutung gilt als Tugend, und wer Grenzen setzt, ist nicht ambitioniert genug. Ein „Underachiever“. Und natürlich wird Erfolg ausschließlich an Leistung gemessen. Social Media ist voll davon: 5 Uhr morgens Workout, dann 12 Stunden durchziehen. Überarbeitung wird zum Statussymbol, das Burnout zum Ehrenabzeichen – hatten wir das nicht gerade hinter uns gelassen?
Natürlich wissen auch die halbwegs aufgeschlossenen Leute in Unternehmen von diesem Problem. Sie sehen die Erschöpfung, das Burnout, die Krankheitstage, die Fluktuation. Also führen sie Achtsamkeitsprogramme ein, bieten Meditations-Apps und Resilienz-Trainings. Klingt das nicht gut? Endlich kümmern sich Unternehmen um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden.
Der amerikanische Zen-Lehrer und Managementprofessor Ronald Purser aber nennt das „McMindfulness„, eine Billigversion der Achtsamkeit. Seine Kritik ist scharf: Achtsamkeit werde hier als Stressreduktionsmethode verkauft, aber die Ursachen des Stresses würden nicht hinterfragt. Meditation habe die Funktion einer Beruhigungstablette, die Menschen funktionsfähig halten soll in einem dysfunktionalen System. Die Botschaft lautet: Werde resilient genug, um unseren Anforderungen zu genügen. Es heißt nicht: Wir ändern die Arbeitsbedingungen. Es heißt: Lerne du, besser damit umzugehen.
Die systemischen Ursachen – toxische Arbeitsbedingungen, Überlastung, fehlende Wertschätzung, zu wenig Personal, zu enge Deadlines: Sie werden nicht untersucht. Damit nehmen sich die Unternehmensleitungen aus der Verantwortung. Das Problem liegt nicht im System, sondern in dir. Damit individualisieren Achtsamkeitsprogramme, die doch eigentlich einen Gewinn für die Arbeitnehmenden sein sollten, den Stress am Arbeitsplatz.
Echte Achtsamkeit ist kein Werkzeug zur Anpassung. Sie ist ein Weg zur Emanzipation. Sie zeigt uns: Wir müssen nicht getrieben sein. Wir dürfen Grenzen setzen. Wir dürfen Nein sagen. Im Unternehmen genauso wie in der Familie.
Ich finde Achtsamkeit wirklich richtig super. In Meditationen zu merken, wie es uns wirklich geht, ist sehr, sehr hilfreich. Dann nehmen wir endlich wahr, dass wir getrieben sind, und unser Körper spricht oft früher als der Kopf. Da ist die innere Unruhe, die nie aufhört. Das fiese Gefühl der Leere. Die Gedanken, die kreisen, besonders nachts um halb 4, wenn wir eigentlich schlafen wollen. Die Verspannungen im Nacken, der Stresskopfschmerz.
Das sind keine Zeichen von Schwäche. Das ist der Körper, der uns warnt: So geht es nicht weiter. Aber wie geht es dann?
Ich mache hier jetzt keine Liste von Dingen auf, die wir besser sein lassen, um dann Dinge zu nennen, die uns guttun. Ihr kennt diese Listen alle! Kommen wir stattdessen zum Kern der Sache. Und dafür lohnt sich ein Blick nach Finnland. Denn 2025 führten die Finnen bereits zum achten Mal hintereinander die Liste der glücklichsten Menschen weltweit an. Was machen sie anders?
Es gibt einen sozialpolitischen Hintergrund: Finnland führt den weltweiten Index für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben an. Gleichberechtigung ist zentral. Finnland gilt als eines der am wenigsten korrupten Länder der Welt. Es bietet hohe soziale Sicherheit, kostenlose Bildung, starke soziale Netze und eine staatliche Gesundheitsversorgung für alle. Das gibt Menschen Gelassenheit. Sie müssen sich nicht getrieben fühlen, weil sie wissen: Es ist für mich gesorgt. Es ist kein Paradies der Seligen, aber da im Norden funktioniert einiges ziemlich gut.
Nun die persönliche Perspektive: Finnen vermeiden den Vergleich mit anderen. Es gibt einen finnischen Satz, der ungefähr so übersetzt werden kann: Vergleiche nicht dein Glück und prahle nicht damit. Die Finnen nehmen sich das zu Herzen, vor allem wenn es um materielle Dinge und Zurschaustellung von Reichtum geht. Wichtig ist, wie es ihnen persönlich geht, nach ihren Maßstäben, und nicht im Vergleich mit anderen. Unterschiede in Einkommen oder sozialem Status werden nicht zur Schau gestellt, Bescheidenheit gilt als Tugend.
Ich kenne Finnland ziemlich gut, weil mein Vater sein halbes Berufsleben dort verbracht hat. Ich mag es sehr, dieses Lakonische, bisschen Melancholische, immer wieder Skurrile, wie wir es aus Kaurismäki-Filmen kennen. Und es ist einfach herrlich, mit Tempo 80 oder 100 auf diesen endlosen Landstraßen durch die finnischen Wälder zu fahren. Niemand drängelt, niemand überholt, und alle kommen heil und entspannt an.
Kommen wir zu Clayton Christensens Frage zurück: „Wie will ich mein Leben messen?“ Er fasst das Ergebnis in einem zutiefst menschenfreundlichen Satz zusammen: „Das Einzige, was letztlich zählt, ist, wie viele Leben der Menschen um dich herum du berührt und bereichert hast – und wie du ihnen geholfen hast, zu besseren Menschen zu werden.“ Ein wundervolles Credo.
Und wie geht das? Als Ökonom hat er eine Sicht auf die Dinge, die ich ebenso ungewöhnlich wie erfrischend finde – nämlich aus Management-Perspektive.
Er rät zu Fragen wie diesen:
Ich bin ganz sicher, dass wir alle schwer ins Nachdenken kommen, wenn wir diese Fragen wirklich ehrlich beantworten. Es kann sehr gut sein, dass wir dann über Vieles, was unser Leben ausmacht, noch einmal sehr gründlich nachdenken sollten – und vor allem spüren, welche Empfindungen und Emotionen das in uns auslöst. Es wird eine spannende Erfahrung.

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