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Das Gefühlserbe in deinem Zuhause: Warum wir uns nicht von Dingen trennen können

Von Dorothea Rohde

Warum wir uns nicht von Dingen trennen können, hat selten mit den Gegenständen selbst zu tun – meistens steckt ein unsichtbares Gefühlserbe im Zuhause dahinter, das über Generationen weitergegeben wurde.

Wenn Gegenstände zu Gefühlsträgern werden: Mehr als nur Materie

Das sind doch nur Dinge! Wie kann es denn sein, dass eine Vase, ein Sessel, ein Spielzeug, gar ein einfacher Gegenstand wie ein Teller oder eine Tasse so intensive Gefühle in mir hervorrufen? Ist das nicht einfach nur Materie? Also ganz neutral?

Ja, es ist nur Materie, aber sie hat oft genug dennoch eine große Bedeutung für uns. Wir sind untröstlich, wenn wir unseren Ehering verlieren, wir lieben unseren Lieblingspulli. In einem Geschenk sehen wir die guten Gedanken und die liebevolle Geste, mit der es uns gegeben wurde. Ist es ein Erbstück, dann verbinden wir es mit der Erinnerung an den verstorbenen Menschen, dem es einst gehörte. Haben wir etwas im Urlaub gekauft, dann bringt es uns das unbeschwerte Lebensgefühl dieser Zeit zurück. Dinge können uns trösten wie eine warme Decke und uns (hoffentlich) Glück bringen, wenn es Glücksbringer sind. Vorräte oder wichtige Dokumente können uns ein Gefühl von Sicherheit geben. In Dingen wie unserer Kleidung, Kunstwerken, liebevoll angelegten Sammlungen oder Möbeln kann sich sogar unsere Persönlichkeit widerspiegeln.

Wenn Dinge zur Last werden: Das Gefühlserbe vergangener Zeiten

Ganz schön viel, was Dinge so alles können. Aber sie haben noch mehr drauf: Sie können uns auch belasten. Möbel, Kleidung oder Gebrauchsgegenstände vergangener Epochen tragen den Zeitgeist und die damit verbundenen Werte in unsere Häuser. Vielleicht repräsentieren sie goldene Zeiten der Familie oder eben Zeiten der Bedrängung, in denen die Frauen dienten, die Männer das Sagen hatten, Zeiten von Unterdrückung und kolonialer Hybris, von Krieg und Zerstörung. Dinge, die solche Zeiten „überlebt“ haben, werden oft als besonders wertvoll erachtet, und wir haben das Gefühl, sie bewahren zu müssen. Fast wie Museen, die es als ihre Aufgabe sehen, Dinge vergangener Kulturen und Kunstwerke verstorbener KünsterInnen zu konservieren. Es sind eben nicht nur Dinge: Sie sind auch ein Gefühlserbe im Zuhause!

Warum wir die emotionale Aufladung unserer Dinge im Alltag kaum bemerken

Die emotionalen Aufladungen in unserer Wohnumgebung bleiben dabei im Alltag meist unbemerkt. Wir erleben sie am ehesten, wenn es zu viel wird und wir versuchen, ein paar Dinge loszuwerden. Dann nehmen wir sie in die Hand, legen sie wieder zurück und bringen es nicht übers Herz, sie zu entsorgen. Oder wir wünschen uns, dass jemand sie bekommt, der sie ebenso liebt oder wenigstens zu schätzen weiß, wie wir selbst. Dann fällt dieser Satz: „Das soll noch in gute Hände kommen.“

Unausgesprochene Familienaufträge: Flucht, Vertreibung und die Angst, etwas wegzuwerfen

Unter diesen Ansammlungen von Dingen, die das Gefühlserbe im Zuhause repräsentieren, können unausgesprochene Familienaufträge liegen. Ist eine Familie enteignet oder vertrieben worden, musste sie flüchten, sei es aus Syrien oder Pommern, hat sie Zeiten großer Entbehrungen und Unsicherheit hinter sich. Die Menschen haben Entwurzelung, vielleicht Kälte, Hunger und Armut erfahren. Oft empfinden die folgenden Generationen eine unbewusste Aufgabe, die Familie vor derart belastenden oder traumatischen Erlebnissen zu schützen. Dann kann es schier unmöglich werden, warme Kleidung wegzuwerfen, Lebensmittel oder Essensreste zu entsorgen, die man eigentlich nicht mehr appetitlich findet oder die gar alt und abgelaufen sind. Ganze Bibliotheken werden von Wohnung zu Wohnung getragen, weil die Familie dereinst ihrer groß- und bildungsbürgerlichen Herkunft beraubt wurde.

Angst vor Mangel und Leere: Wenn Aufbewahren zum Familienauftrag wird

Die Angst vor dem Mangel und der Leere führt dazu, dass wir alles bewahren wollen, bis kein Platz mehr ist. Aus einer diffusen Verlustangst oder der Angst vor dem Vergessen wird vielleicht sogar die gesamte Kindheit und Jugend der Kinder in Kisten dokumentiert, die dann ehemalige Kinderzimmer, Keller und Dachräume füllen. Alles „was man noch mal brauchen könnte“ wird aufbewahrt, bis in keiner Schublade und auf keinem Regal mehr Platz ist.

Das Gefühlserbe loslassen, ohne die Familie zu verraten

Wir mögen die Überfülle oder auch nur einzelne Gegenstände als Last empfinden, aber solange sie die Lösung für ein „Familienproblem“ sind, wird es schwer sein, daran etwas zu ändern.

Wir müssen uns jedoch nicht von der Familie abwenden oder uns ent-solidarisieren, auch wenn wir diese Last, dieses Gefühlserbe im Zuhause, nicht mehr mittragen wollen. Wir müssen nicht die Dachböden und Schränke bis zum Rand voll haben, um die Ängste unserer Vorfahren, die sie uns übertragen haben, zu dämpfen. Wir dürfen mit leichtem Gepäck durchs Leben segeln, wenn wir das wollen und dennoch ein wertvolles Mitglied der Familie bleiben.

Wie du dein persönliches Gefühlserbe an Gegenständen erkennst

Die Frage von Marie Kondo und weiterführende Reflexionsfragen

Wie aber können wir einen Anfang finden? Die Beschäftigung mit der Familiengeschichte und den eigenen Gefühlserbschaften ist hilfreich, um hinter die Gründe für die Anhaftung zu kommen. Und dann führt die Frage von Marie Kondo in die richtige Richtung: „Löst dieser Gegenstand Freude in dir aus?“ Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und uns fragen: Was verbindet mich mit dem Gegenstand? Ist es eine schöne oder eher eine belastete Geschichte? Fühle ich mich vielleicht nur verpflichtet, den Gegenstand bei mir zu beherbergen? Was für Gefühle löst er in mir aus? Was tut er für mich? Hätte ich ihn mir heute wieder gekauft oder ihn mir selbst ausgesucht? Würde ich ihn wirklich vermissen oder wäre ich erleichtert, wenn er plötzlich verschwunden wäre? Und dann noch diese Frage: Brauche ich wirklich zehn Varianten davon oder reichen auch zwei oder sogar eine?

Der Effekt des Loslassens auf dein Lebensgefühl

Unsere Wohnumgebung hat einen größeren Einfluss auf unser Lebensgefühl, als wir im täglichen Leben wahrnehmen. In den Dingen, die uns umgeben, ist enorme Energie gebunden. Das fühlen wir, wenn wir trotz fester Entschlossenheit nicht loslassen können. Wenn wir es aber schaffen, uns von Altem und Abgelebtem zu trennen, wird Raum und Kraft frei für Inspiration, für Leichtigkeit, für neue Aktivitäten, für innere Ruhe und Entspannung und sogar für eine nächste Stufe der persönlichen Entwicklung.

Eine kleine Übung zum Einstieg: Dein erster Schritt zum Loslassen

Und nun lade ich dich ein: wenn du magst, nimm nur ein Ding in die Hand, das du längst loswerden wolltest (und wenn es die Schachtel mit den abgelaufenen Tabletten oder die Tasse mit dem abgebrochenen Henkel ist). Bring‘ es aus dem Haus und gönn‘ dir die herrliche Erleichterung, den ersten Schritt gegangen zu sein.

Fazit: Dein Gefühlserbe im Zuhause erkennen und bewusst gestalten

Warum wir uns nicht von Dingen trennen können, lässt sich also selten allein mit Ordnungsliebe oder Sentimentalität erklären. Häufig tragen Gegenstände ein Gefühlserbe in sich – geformt durch Flucht, Mangel, Verlust oder stille Familienaufträge, die über Generationen weitergegeben wurden. Wer beginnt, seine Beziehung zu den eigenen Dingen zu hinterfragen, kann Schritt für Schritt Raum, Leichtigkeit und ein neues Lebensgefühl gewinnen – ohne die eigene Familie zu verraten.

Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte: Dorothea Rohde hat das wunderbare Buch „Die Magie der Dinge und die Kunst des Loslassens“ geschrieben (Vandenhoeck & Ruprecht).

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