
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
„Wenn wir das Gefühlserbe unserer Eltern und Großeltern in uns tragen – was haben wir dann an unsere Kinder weitergegeben? Auch unsere Traumata? Und was können wir da heute noch tun?“ Diese bangen Fragen werden in Workshops oft gestellt. Und es vorwegzunehmen: Natürlich können wir etwas tun, um diese emotionalen Zeitschleifen zu beenden, die transgenerationale Weitergabe . Für uns und für nachfolgende Generationen. Richten wir also die Perspektive auf das, was wir als Gefühlserbe an unsere Kinder weitergeben.
Nicht nur an unsere Kinder natürlich, auch an Enkel und Enkelinnen, an Nichten und Neffen, an Patenkinder und schließlich an jene, die uns beruflich anvertraut sein können: in Krippe, Kindergarten und Schule, in Therapie, Ausbildung oder im sozialen Bereich. Wann immer wir eine wichtige Bezugsperson für Kinder jeden Alters sind, ist dieser Kontakt bedeutsam. Wie er für uns bedeutsam war, als wir in diese Welt hineinwuchsen. Er hat uns geprägt, zum Guten wie zum Schlechten.
Es gibt fünf Wege der transgenerationalen Weitergabe, die entscheidend auf die Persönlichkeit von uns Menschen einwirken:
Es ist Schicksal, in welche Familie wir hineingeboren wurden, welche Gene wir durch unsere Zeugung mitbekommen haben. Das ist so und lässt sich nicht ändern. Aber abseits der Gene entwickelt sich die Psyche im Kontakt mit den Eltern, manchmal anderen engen Bezugspersonen. Alles, was sie uns entgegenbringen, findet in uns Resonanz. Dabei geschieht Transmission, sie ist kein kontrollierter Vorgang. Es gibt eine bewusste Weitergabe von Haltungen, Handlungen und Werten, aber das meiste, das uns übertragen wird, ist unbewusst. „Wir können nicht nichts weitergeben an die nächste Generation“, sagt der Psychoanalytiker Dieter Bürgin. „Transmission ist etwas Unumgängliches.“
Sie beginnt schon vor unserer Geburt. Bereits vom dritten Monat der Schwangerschaft an zeigen Ungeborene individuelle Reaktionen auf äußere Reize, vor allem also auf emotionale und hormonelle Zustände der Mutter. Schon diese Erfahrungen vor der Geburt hinterlassen ihre Spuren in der Persönlichkeit, erst recht natürlich aber unsere Erlebnisse, wenn wir auf die Welt gekommen sind.
Es sind entscheidende Monate. Ist der Kontakt zwischen der Mutter und dem Säugling harmonisch und entspannt, kann er sich frei und seinen Anlagen gemäß entwickeln. Unter schwierigen Bedingungen aber ist dieser frühe enge Kontakt, so sagt es der Bindungsforscher Martin Dornes, „der Umschlagplatz, an dem die konfliktgeprägte Vergangenheit und die belastete Gegenwart der Mutter auf die Zukunft des Kindes verladen werden„. Vor allem das, was die Mutter abgespalten, also nicht verarbeitet hat, überträgt sich in dieser besonders vulnerablen Zeit. Es sind auch die abgewehrte Trauer oder Schuld, die Traumata.
Das erinnern wir später nicht mehr, weil der dafür zuständige Teil unseres Gehirns, der Hippocampus, noch nicht weit genug entwickelt ist. Unter Stress aber können diese Erfahrungen hochkommen. Ängste, für die wir keine Erklärung haben, tauchen wieder auf, ohne dass wir die Ursache erkennen.
Kann auch sein, dass sich das Unbewusste in Form seltsamer Stimmungen oder Körperempfindungen meldet. Die Eltern unter uns kennen das: Im Aufwachsen unserer Kinder werden wir mit Erlebnissen und Gefühlen aus unserer eigenen Kindheit konfrontiert. Und zwar ziemlich genau aus jenem Alter, in dem sich das Kind gerade befindet. War dies eine glückliche Phase unseres Lebens, ist das wunderbar. War es aber eine unglückliche, bedrängende, womöglich leidvolle Zeit, entsteht eine schwierige Situation. Zunächst für uns. Denn jetzt werden all die vergessenen, womöglich verdrängten Erinnerungen und Emotionen wieder wach, die uns schon damals gepeinigt hatten. Darin liegt die Chance, sie ins Bewusstsein zu holen, zu bearbeiten und zu integrieren.
Darin liegt aber genauso ein Risiko: für das Kind. Indem wir die Wahrnehmung abwehren und den schmerzhaften Blick in unsere Kindheit verweigern – vielleicht sogar das Kind für diese negativen Gefühle verantwortlich machen. Das kann es nachhaltig beeinflussen.
Eine Songzeile von Sting drückt das sehr berührend aus: „How fragile we are„. Wie fragil wir doch sind. Und für Kinder gilt er ganz besonders. Sie brauchen und haben ein Anrecht auf unsere Liebe, unseren Schutz, unsere Geborgenheit, unsere Unterstützung. Ich will Kinder nicht idealisieren, sie gar zu mythischen Wesen der Reinheit stilisieren. Grönemeyers „Kinder an die Macht“ habe ich nie gemocht. Kinder können ja manchmal unfassbar nerven. Aber dann ist es – so schwer das auch sein mag – der Job von Eltern oder Betreuer:innen, ihre eigenen Impulse zu kontrollieren und mit der Situation angemessen umzugehen. Indem wir vorleben, wie man in Liebe und Respekt verbunden bleiben kann, auch wenn man streitet und klare Grenzen setzt.
Dass es früher anders gelebt wurde – dass es heute noch viele Familien gibt, in denen es anders gelebt wird –, das wissen wir alle. Und dann steigen natürlich sofort die Worte auf, die uns damals um die Ohren flogen: „Was erlaubst du dir!“ „Ab in dein Zimmer – und ich sage, wann du wieder rauskommen darfst!“ Und: „Eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet.“ Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass Prügel eben doch schadet – deswegen steht sie mittlerweile ja auch unter Strafe –, aber diejenigen, die Gewalt als Erziehungsmittel angemessen finden, interessieren sich natürlich nicht dafür. „Ich weiß ja wohl am besten, was für mein Kind gut ist.“
Auch so ein Satz, der für Ignoranz und Abwehr steht, nicht für Kompetenz und Einsicht.
Was genauso faszinierend und berührend ist wie das Fragile in uns Menschen, übrigens nicht nur von Kindern, ist, was wir trotzdem aushalten und überleben können. Es gibt in uns offenbar eine Energie, die leben und glücklich sein will. Nicht selten bekomme ich Lebensgeschichten erzählt, bei denen mir der Atem stockt. Aber ich sehe dennoch Menschen vor mir, die ihr Leben gemeistert haben. Natürlich ist nicht alles super, warum sollten sie dann zu einem Coach. Aber ihr schlichtes Dasein beweist, dass sie schwierigste Situationen überwunden haben und sich nun aufmachen wollen, ein besseres Leben zu führen. Schon das verdient Hochachtung.
Auch sollte uns ihr Überleben, ihre relative Sicherheit, die Tatsache, dass sie ihr Leben mehr oder weniger gut geregelt bekommen, nicht dazu verleiten, die frühen Verletzungen und Beschädigungen zu bagatellisieren. Die Spuren haben sich oft tief eingegraben. Das Leid muss gewürdigt sein. Denn erst, wenn wir das Leid bei uns selbst anerkannt und betrauert haben, können wir uns für das Leid anderer öffnen – zum Beispiel für das von Kindern. Solange wir im Glaubenssystem früherer Generationen verharren, dass gelobt sei, was hart macht, werden wir womöglich mit unseren Kindern reinszenieren, was uns selbst tief verletzt hat. Lösen wir aus diesen Vorstellungen, werden wir berührbar, ändert sich etwas Grundsätzliches: Wir werden uns der Gefühlserbschaften unserer Familie bewusst und können entscheiden, was wir davon weitergeben wollen.
Das ist, zugegeben, ein schwieriges Unterfangen, weil wir emotional verstrickt sind. Dennoch lässt sich diese Haltung üben. Sie heißt Zeugenbewusstsein.
Was dabei in unsere Wahrnehmung kommt, kann sehr unterschiedliche Qualitäten enthalten: Momente der Freude und der Geborgenheit genauso wie eine narzisstische Inanspruchnahme. Eine Atmosphäre von Abwertung und Gewalt ebenso wie gelebte Unterstützung in schwierigen Situationen. Sehr häufig ist es das Bemühen von Eltern, die Kinder wirtschaftlich und schulisch auf den Weg zu bringen, orientiert an einem Leistungsideal, das allerdings begleitet ist von emotionaler Kälte und Abwesenheit. Notieren wir diese Qualitäten in einer Plus-Minus-Liste auf dem Flipchart, sind zumeist beide Seiten gefüllt.
Das ist jetzt eine Einladung an dich: Nimm dir ein Blatt Papier, einen roten und einen grünen Stift. Und jetzt notiere in Rot, was du Negatives zu Hause erlebt, vielleicht erlitten hast, und in Grün, was es Positives gab.
In dieser Übung werden oft massive Widerstände wachgerufen: die Weigerung, eine der beiden Seiten anzuerkennen, oder mindestens das Bemühen, die Ergebnisse zu relativieren. „So schlimm war das gar nicht“, klingt es bei den negativen Aspekten. „Aber das waren seltene Ausnahmen“ bei den positiven. Ich lade dich dazu ein, diese Gegensätze einfach mal zu akzeptieren. Es geht um die Wahrnehmung, nicht um ein Aufrechnen, nicht um ein Ergebnis.
Wenn du ein bisschen mehr Zeit hast, kannst du auch dich an die Aufgabe machen, zu der die Kölner Psychologin und Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf einlädt: Sie rät allen Eltern, eine kleine Autobiografie ihrer ersten 20 Jahre zu schreiben. Sie sagt: „Meine Antwort auf die Frage, warum die eigene Vergangenheit so wichtig ist, ist ganz einfach: Weil das Früher das Heute prägt. Weil wir unser heutiges Handeln und Denken und Fühlen, weil wir uns selbst vor allem aus unserer Geschichte heraus verstehen können. Und dieses Verständnis erlaubt uns, unseren Umgang mit den Kindern und unsere Kinder selbst besser zu verstehen. Es erlaubt uns zu unterscheiden: Was gehört zu meinem Kind und was andererseits hat nur mit mir und nichts mit dem Kind zu tun?“
Das Zitat stammt aus Raffaufs Buch mit dem wunderbaren Titel: „Erzieht uns einfach! Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen.“
So mag sich zeigen, dass wir im Kontakt mit unseren Kindern eine belastete Familiengeschichte wiederbeleben. Was immer das sein mag: Überforderung, Kälte, Abwertung, Kontaktabbruch, Narzissmus, psychische Erkrankungen, Alkoholismus – und wenn wir das erkannt haben, gibt es die Chance, das zu ändern. Wenn wir unsere Themen bearbeitet und leidlich integriert haben, sind wir diejenigen, die eine transgenerationale Weitergabe von dysfunktionalen Mustern stoppen können.
Luise Reddemann, Pionierin der Traumatherapie in Deutschland, formulierte dafür in einem Gespräch diese Sätze: „Das ist die wichtige Botschaft für alle, die sich diesem Thema zuwenden! Es geht darum zu verstehen: ‚So war’s halt. Es war nicht schön, ich hätte mir etwas anderes gewünscht. Aber so war’s eben.‚“ Sie fordert uns also auf, die leidvolle Kindheit zu akzeptieren, anzuerkennen, dass sich das nicht mehr ändern lässt.
Und sie fährt fort: „Dann ist Trauern wichtig, aber irgendwann muss es auch damit gut sein. Denn jetzt könnt ihr mit euch selbst liebevoll sein, ihr könnt mit euren Kindern liebevoll sein. Ihr könnt ihnen sagen, dass ihr bedauert, was ihr aufgrund eurer Prägungen anders gemacht habt, als es richtig gewesen wäre. Das finde ich mindestens so wichtig, wie sich immerfort mit der Vergangenheit zu befassen. Zu schauen: Was hat es aus mir gemacht – und was möchte ich jetzt an mir verändern. Das ist der nächste Schritt. Man muss in der Gegenwart ankommen!“ Soweit Luise Reddemann.
Aber es gibt ein Hindernis: Viele von uns Eltern haben ein schlechtes Gewissen. Zum einen, weil wir sowieso oft mit einem schlechten Gewissen rumlaufen, eigentlich ohne Grund – das kann übrigens eine Spätfolge der abgewehrten Schuldgefühle unserer Vorfahren sein, was immer sie damals abgespalten haben.
Aber es kann auch ein eigenes schlechtes Gewissen sein. Weil wir geschieden sind und wissen, dass Scheidungen Kindern zusetzen können; weil wir zu wenig Zeit für sie hatten; weil wir unsere Kinder doch mal angeschrien haben, ungerecht behandelt, sie heftiger angepackt oder sogar geschlagen haben. Die Erinnerung aktiviert massive Schuld- und Schamgefühle. Und dann können wir uns fragen: Erleben wir mit unseren Kindern, was wir schon mit unseren Eltern oder Großeltern erlebt haben? Erkennen wir darin eine Gefühlserbschaft? Obwohl wir doch geradezu zwanghaft versucht haben, sie zu vermeiden?
Hat nicht funktioniert. Okay, was nun?
Das erste ist das, was Luise Reddemann sagt: zu den Kindern liebevoll sein und ihnen sagen, dass wir bedauern, was wir aufgrund unserer Prägungen anders gemacht haben, als es richtig gewesen wäre. Ein Bedauern, eine Entschuldigung ändert vieles. Aber sie kann durchaus auch eine ungute Dynamik auslösen, wenn das Kind, vor allem das erwachsene, das Schuldgefühl als Mittel der Manipulation nutzt, vielleicht unbewusst, vielleicht aber auch willentlich.
Steckt hier ein familiäres Muster? Wir alle haben in den vielen Jahren des Zusammenlebens ritualisierte Wege der Kommunikation ausgebildet. Sehr oft stammen schon diese Muster aus früheren Generationen. Zum Beispiel: Über Probleme wird nicht gesprochen. Oder: Jeder Konflikt endet im Gebrüll. Oder: einer muss der oder die Schuldige sein – und diese Person weiß natürlich um ihre Rolle. Oder: Einer – oft eine – ist für alles und alle verantwortlich.
Überleg doch mal, welche Muster dein Familiensystem prägen. Und welche Rolle du darin hast.
Gibt es einen Ausweg? Aber selbstverständlich! Am Beginn steht die Entscheidung, das zu beenden. Dann hilft es zu verstehen, woher diese Muster stammen, welches Gefühlserbe sich darin spiegelt, welche Bedürfnisse es bedient. Und ob all das so bleiben soll. Manchmal hängen wir in alten Bildern von unseren Nächsten fest und haben einfach nicht realisiert, dass sie sich verändert haben. Wir sprechen wie mit einer alten Version dieses Menschen, obwohl es längst eine neue gibt. Das gilt zumal für erwachsene Kinder!
Es wird leichter, wenn wir uns der Aufgabe annehmen und uns mutig auch den unangenehmen Themen öffnen. Es wird leichter für uns und für unsere Kinder. Sie tragen Gene von uns in sich, und natürlich hat das Leben mit uns sie geprägt. Aber wenn wir wirklich aus unserem Herzen zu ihnen sprechen, wenn wir wirklich wissen wollen, wie es ihnen mit uns geht, dann kann sich etwas sehr Grundsätzliches verändern. Es gibt keine Garantie darauf, aber eine Chance gibt es immer. Wir sind Gefühlserben, aber wir haben Einfluss darauf, wie sehr uns das bestimmt. Auch und gerade im Umgang mit den nachfolgenden Generationen.
Ein bedeutsamer Aspekt kommt noch hinzu: Bisher ging es die Beziehung zwischen Eltern und Kindern gesprochen, aber das Thema ist größer. Mir wird immer wieder erzählt, wie wichtig andere Bezugspersonen waren, vor allem für Menschen, die ein gewaltvolles Elternhaus hatten. Das können Oma oder Opa gewesen sein, eine Tante oder ein Onkel, eine Lehrerin in der Schule, die an das Kind geglaubt hat. Eine befreundete Autorin erzählte von der Mutter ihres ersten langjährigen Freundes. Sie habe ihr gezeigt, wie unterstützend und liebevoll Familie sein kann. Eine Beziehungserfahrung, die auch Jahrzehnte später noch nachwirkt.
Wie immer wir in Kontakt mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Menschen kommen, ob in der eigenen Familie oder außerhalb: Wir können diejenigen sein, die ihnen die positiven Beziehungserfahrungen ermöglichen. Es hilft, ihnen und uns.

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