
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Da ist etwas Dunkles, Rätselhaftes, ein bisschen Unheimliches, aber wir bekommen es nicht zu greifen. Manchmal träumen wir davon, und beim Aufwachen ist da diese Frage: „Was ist das nur, das mich immer wieder bedrängt?“ Aber die Antwort rutscht uns weg, und dann verliert sich das Gefühl. Manchmal horchen wir auf einer Familienfeier seltsam angefasst einem Satz hinterher oder sind aus dem Nichts beklommen, fühlen uns wie besetzt von etwas, das ebenso fremd wie vertraut ist. Und dann kann es sein, dass uns irgendwann ein Blitzschlag der Erkenntnis trifft – weil wir es endlich wissen: Hier steckt ein Familiengeheimnis!
„Hier stimmt doch etwas nicht …“ Wenn eine leise Stimme uns diese Worte zuflüstert – dann ist das mit großer Wahrscheinlichkeit so. Wir haben ein Gespür dafür. Genauso, wie sich Menschen ihre eigene Geschichte zurechtlegen können, können andere entlarven, was sie tatsächlich ist: eine Beschönigung, eine Ausrede, eine Deckgeschichte oder auch eine Lüge. Die eine unangenehme Wahrheit verdecken soll. Ein Geheimnis.
Wir alle haben Geheimnisse, und das ist völlig normal. Bei einer amerikanischen Studie bekannten 97 Prozent aller Befragten, dass sie etwas verheimlichen. Im Durchschnitt, berichtet der New Yorker Psychologe Michael Slepian, waren es pro Person dreizehn Geheimnisse, und davon teilten sie 5 wirklich mit niemandem. Am häufigsten drehten sie sich um Beziehungen, darum, dass die Befragten unzufrieden waren mit ihrem Sex oder um Seitensprünge. Außerdem hielten sie Süchte geheim, Geldprobleme sowie Konflikte mit dem Gesetz. Klingt alles sehr normal und ist irgendwie auch alltäglich.
Aber wir merken schon, aus welcher Motivation sie aus diesen Dingen ein Geheimnis machten: aus Scham und Angst. Scham, weil ihnen die geheim gehaltenen Taten oder Gedanken peinlich waren. Und Angst, weil sie befürchteten, in den Augen anderer schlecht dazustehen oder mit ihnen Probleme zu bekommen. Bei einem Seitensprung ist das ja naheliegend.
An welchem Punkt aber bekommt ein Geheimnis eine wirklich zerstörerische Qualität? Wann wird es zu einem Gefühlserbe und wirkt womöglich über Generationen? Wenn das, was unbedingt verdeckt werden soll, die Werte und die Lauterkeit eines Familienmitglieds, vielleicht sogar der ganzen Familie fundamental Frage stellt.
Hier geht es also um so etwas „True Crime“, als Medien-Format sehr beliebt, nur leider nicht mit den eigenen Vorfahren.
Dass Millionen von Menschen ihre Taten im und für das Nazi-Regime über Jahrzehnte verheimlichten, ist aus der Sicht der Täter plausibel. Die allermeisten entgingen auf diese Weise der juristischen Verfolgung, vor allem aber: der Konfrontation mit den eigenen Kindern und Enkeln. Der Frage: „Wie konntest du das tun!? Und wieso hast du nie Verantwortung dafür übernommen?“
Allerdings müssen sich auch viele von uns Nachgeborenen der Tatsache stellen, dass wir nie gefragt haben. Warum? Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.
Nun könnten wir meinen, dass uns diese Unwissenheit schützt. Wenn wir von Verfehlungen oder gar Verbrechen unserer Ahnen nichts wissen, dann sind wir doch auch nicht davon belastet, oder? Doch, das sind wir. Und zwar womöglich sogar noch intensiver, als wenn wir davon wüssten. Und das ist wirklich eine super spannende Sache.
Kommunikation ist nämlich viel, viel mehr als die Vermittlung von Fakten. Nur etwa 20 bis 25 Prozent sind kognitiv gesteuert, sagt die Sozialpsychologin Angela Moré. Der viel größere Teil der Kommunikation ist nonverbal. Und gerade für diesen Teil sind kleine Kinder, die noch nicht sprechen können, besonders empfänglich.
Die „Geister im Kinderzimmer„: Dieser berühmt gewordene Ausdruck der Psychoanalytikerin Selma Fraiberg beschreibt, wie abgespaltene und unbewusste Anteile in der Psyche der Eltern oder Großeltern auf ganz kleine Kinder übergehen. Wenn die Stimme der Mutter einen schrillen Ton bekommt, die Gesichtszüge des Vaters sich verhärten, Wut oder Not, Aggression oder Verzweiflung den Raum bestimmen – dann beginnt der Spuk dieser Geister.
Natürlich können Säuglinge nicht verstehen, was Bezugspersonen zu ihnen sagen. Aber der Klang der Sprache, die Melodie, das Tempo und der Rhythmus, wirken auf sie, ebenso die Körpersprache der Bewegungen, Gesten und Gesichtsausdrücke. So werden Emotionen kommuniziert. Und der Säugling, ungeschützt in dieser emotionalen Atmosphäre seiner Eltern, nimmt sie in sich auf. So werden auch Traumata weitergegeben und können zu Introjekten der Kinder werden, unbewussten Anteilen, die unser Verhalten steuern. In Erlebnissen, Fantasien, Träumen und spontanen Reaktionen auf kritische Situationen werden sie aufs Neue inszeniert.
Das ist wichtig zu wissen im Zusammenhang mit Familiengeheimnissen: Fakten können verschwiegen werden, Gefühle nicht. Wir alle haben ein Gespür dafür, ob ein Mensch aufrichtig ist, ob er mit sich im Reinen ist oder etwas Unverarbeitetes, Angst- oder Scham-besetztes in sich trägt. Bei Kindern ist diese Wahrnehmung sogar noch ausgeprägter. Da ist ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Es verunsichert und macht Kindern ganz besonders zu schaffen.
Man muss ihnen nicht erzählen, dass auf dem Dachboden einmal etwas Schreckliches passiert ist: Sie spüren es an der Reaktion ihrer Eltern. Sie entwickeln eine eigene Fantasie und versuchen sich damit zu erklären, was es sein mag, das ihnen da verschwiegen wird. Unerklärliche Ängste oder Zwänge können auftauchen, rätselhafte Bilder, Gefühle von Selbstentfremdung. Auch körperliche Symptome wie etwa Enge in der Brust können die Folge sein.
Was wir nicht übersehen sollten: Auch die Geheimnisträger selbst sind massiv belastet. Am meisten schaden ihnen Geheimnisse, die mit einem Trauma oder mit Scham verbunden sind. Einem Menschen Gewalt angetan zu haben, ist der schon zitierten Studie zufolge das beschämendste aller Geheimnisse. Und ein besonders folgenreiches, denn Scham ist nicht nur Folge von Gewalt, sondern kann auch wieder zu deren Ursache werden.
Und damit sind wir dann wirklich in einem Teufelskreis gelandet.
Das Dilemma der Nachgeborenen ist, dass ihnen oft die Angst im Weg steht, wenn sie etwas über die Vergangenheit wissen wollen. Sie hat verschiedene Facetten. Sie äußert sich in einer Frage wie dieser: „Darf ich das überhaupt wissen wollen?“ Die Antwort des Familiensystems lautet in aller Regel: „Nein!“ Ein Geheimnis soll selbstverständlich geheim bleiben, und jeder, der daran rührt, verletzt die Loyalität der Familie.
Dieses Frageverbot musste ein Mann, dessen Geschichte ich euch jetzt erzählen möchte, Jahrzehnte erleiden. Erst kurz vor seinem 50. Geburtstag rutschte Jürgen Jacob, der in Wahrheit anders heißt, bei einem Essen mit seiner Schwester diese Frage über die Lippen. „Sag mal, kann es sein, dass Papa gar nicht mein Vater ist?“ Einen Augenblick hielt die Schwester inne, dann antwortete sie: „Nein, er ist nicht dein Vater. Aber sag nicht Mama, dass du es von mir weißt.“
Auf einmal machte vieles Sinn. Einsam und fremd hatte Jürgen Jacob sich immer gefühlt, in einem Haus, das kein Zuhause war, in einer Familie, die keine Geborgenheit gab, in einem Dorf, in dem sich keine Freunde fanden. Im Juni 1946 geboren, hatte der heute 78jährige große Distanz erlebt. „Ich gehörte nicht dazu„, sagt er, „ich war in allem ganz anders.“ Nun also die Erklärung. Aber wer war sein Vater? Gespräche im Dorf und in der Verwandtschaft brachten verstörende Gewissheit: Alle hatten von seiner außerehelichen Herkunft gewusst. „Ich fühlte mich tief beschämt“, erinnert er sich.
Zwei Jahre vergingen, bis er sich überwand, seine Mutter anzusprechen. Sie reagiert harsch. „Ich wusste, dass du mir irgendwann damit kommst. Dein Vater war Serbe. Aber ich weiß ich nicht, was du willst. Du hattest doch einen Vater. Und komm‘ ja nicht auf die Idee, im Dorf Unruhe zu machen.“
Jetzt war da eine Spur – ein Serbe, also offenbar ein Zwangsarbeiter. Eine fieberhafte Suche begann. „Ich war in dieser Zeit wie besessen„, erzählte mir Jürgen Jacob, „aber ich hatte keine Wahl: Ich musste einfach die Wahrheit erfahren. Ich musste meine zweite Hälfte finden.“
Als er den Namen schließlich ermittelt hatte, konfrontierte er die Mutter. Und jetzt erfuhr er endlich auch die Umstände seiner Zeugung, auf dem Heimweg nach einer Veranstaltung im Nachbardorf. Auch den Grund, warum ihm seine Herkunft immer verschwiegen wurde. Es war die Bedingung seines Stiefvaters, der sich sonst hätte scheiden lassen. Die Mutter reagierte mit Ärger und Vorwürfen. „Du hast mich bloßgestellt„, hörte er von ihr. Die klassische Täter-Opfer-Umkehr. Eine Versöhnung gab es nicht mehr, auch nicht mit den Geschwistern. Seit mehr als fünfzehn Jahren gibt es keinen Kontakt.
Ein Familiengeheimnis aufzudecken, kann schmerzhaft sein. Das ist auch der Grund, weswegen wir oft davor zurückscheuen. Erinnern wir uns an die Fälle, die nach der Öffnung der Stasi-Unterlagen öffentlich wurden. Auf einmal waren Ehepartner, Familienangehörige und beste Freunde als Spitzel enttarnt. Eine emotionale Katastrophe für ihre Opfer.
Deswegen ist diese Frage besonders wichtig: „Will ich wirklich wissen, was ich da erfahren könnte?“ Es ist sicher kein Zufall, dass viele Jahrzehnte vergehen mussten, bis die Kriegskinder sich ihrer Geschichte annahmen, bis die Kriegsenkel mit der Aufklärung der Familienhistorie begannen. Nicht zuletzt lag es auch daran, dass diejenigen, die wirklich noch Nazi-Täter gewesen sein konnten, bereits gestorben sind. Die Vorstellung, sie mit einem Verdacht direkt konfrontieren zu müssen, war für die meisten von uns einfach zu schrecklich.
Die nächste Frage lautet: „Was bedeutet das, was ich erfahre, für mich?“ Wenn wir uns der Tatsache aussetzen müssen, dass ein Mensch, dessen Gene und Gefühlserbschaften wir in uns tragen, sich schuldig gemacht hat und dieser Schuld ausgewichen ist, kann das eine Identitätskrise auslösen. Zu erfahren, dass mein Vater an der Belagerung von Leningrad beteiligt war, einem der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, bei dem mehr als eine Million Menschen verhungerten, hat mich total schockiert. Ich habe das in einer Therapie bearbeitet und leidlich integriert. Wirklich versöhnen aber kann ich mich nicht. Wie soll das gehen?
Hier liegt natürlich auch der Grund, weswegen nicht alle Mitglieder einer Familie die Recherche in der Vergangenheit gutheißen. Weswegen viele die Beschäftigung damit rundweg ablehnen, nach Möglichkeit verhindern oder gar verbieten. Weil eine Mauer des Schweigens eingerissen wird und ins Bewusstsein der Familie kommt, was nicht ins Bewusstsein kommen darf.
Das ist ja der Sinn der Abwehr: alles unterm Deckel zu halten, was uns destabilisieren könnte. Wenn es gewusst wird, müssen wir einen Umgang damit finden. Hier wird also deutlich, warum die Entscheidung, die Abgründe der Familiengeschichte auszuloten, nicht nur eine individuelle Komponente hat. Wir wirken in das Familiensystem hinein und fordern gleichsam jede und jeden auf, sich ebenfalls diesem Thema zu stellen.
Und wieder greift die Abwehr. Manche vermeiden das Thema und nehmen es nicht zur Kenntnis, andere verleugnen die Relevanz, wieder andere werden aggressiv und werten diejenigen ab, die das Tabu brechen. Sie wehren alles ab, das sie fürchten, spüren zu müssen: Entsetzen, Angst, Scham oder Trauer. Hier liegt der tiefere Grund, warum Angehörige denjenigen, die sich der Familiengeschichte zuwenden wollen, den Zugang zum Familienarchiv verweigern: zu jenen Kisten mit Fotos, Urkunden und Tagebüchern, die in alten Koffern auf Dachböden lagern und die Geister der Vergangenheit in die Gegenwart entlassen, sobald wir sie öffnen.
Was ich nicht verschweigen will: In manchen Familien herrscht geradezu ein Regiment der Loyalität. Aus diesem Geist der Hierarchie und Unterordnung wird das Tabu bewacht. Ich erinnere Gespräche mit Menschen, die sich vorsichtig der Geschichte annähern wollten, in denen meine Frage nach Verwandten aber unmittelbar Angst und Unsicherheit auslöste. Wie damit umgehen?
Sich dem Schweigegebot zu beugen, hätte einen hohen Preis. Wir würden uns verleugnen, uns untreu werden und der Familie einen Teil unseres Selbst opfern. Es entstünde große Spannung, begleitet womöglich von psychischen und körperlichen Symptomen. Wir können daran krank werden.
Außerdem: Wir würden auch der nächsten Generation wieder diese Last aufbürden. Denn leider erledigt sie sich eben nicht von selbst.
Haben Familienmitglieder also das Recht, von uns die Einhaltung des Schweigegebots zu fordern? Ich finde nicht. Aber es gibt eben auch die andere Seite: Folgen wir unserer Wahrheit und brechen das Tabu, kann das Konsequenzen haben: Streit in der Familie bis hin zum Kontaktabbruch.
Nach vielen Jahren, in denen ich Seminare zu diesem Thema gebe, kann und möchte ich keinen Rat geben, wie andere mit den Rätseln der Familie umgehen sollen. Ich kann für mich sprechen: Licht in dieses Dunkel gebracht zu haben, war für mein Leben ein bedeutender Schritt zu mehr Ruhe, Zufriedenheit und Ankommen im Selbst. Auch, wenn vieles, was ich erfahren habe, alles andere als schön war. So habe ich das auch bei vielen anderen Menschen erlebt, die in meinen Workshops waren oder mit denen ich im Coaching gearbeitet habe. Aber ich kenne eben auch andere Geschichten, negative Erlebnisse.
Noch einmal zu Jürgen Jacob. Seine Geschichte nahm ein versöhnliches Ende. In Serbien, in einem tief verschneiten Dorf in den Bergen. Nein, zur Begegnung von Sohn und Vater kam es nicht. Der war bereits gestorben, in einem Altersheim in Australien. Aber es gab Verwandte, die er am Ende seiner fast zweijährigen Suche kennenlernte. Das ganze Dorf wartete auf ihn, als er dort ankam. Zu seinen Ehren wurde gefeiert. An einer langen Tafel und mit Verwandten, die ihn kennenlernen und mit selbstgebranntem Slibowitz mit ihm anstoßen wollen.
Was er dort erlebte, hat Jürgen Jacob aufgeschrieben: „Alles ist so anders als in Hamburg, aber ich fühle mich nicht fremd. Ein uralter Mann kommt, ein Jugendfreund meines Vaters. Er hat wunderbare blaue Augen und sieht mich unverwandt an. Er nimmt meine Hände – und will sie nicht mehr loslassen.„

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