
Schwarze Schafe und Sündenböcke – eine Ehrenrettung
Schwarzes Schaf oder Sündenbock der Familie? Wie aus Familienrollen ein Gefühlserbe wird – und wie ein erster Schritt heraus gelingt.
Was ist für dich Erfolg? Eine Prüfung zu bestehen, aber wenn schon mit Bestnote? Das nächste Level beim Gaming zu erobern? Im Unternehmen befördert zu werden? Ins Wohneigentum ziehen zu können? Mit dem Rauchen aufgehört zu haben, den „dry january“ tatsächlich trocken durchzustehen oder als Paar die silberne Hochzeit zu erreichen? Oder noch etwas ganz anderes? Zum Beispiel: Einfach ein gutes, zufriedenes Leben zu führen?
Du merkst schon: So individuell wie unsere Bedürfnisse und Probleme, so unterschiedlich auch die Bewertung, was wir als Erfolg bezeichnen wollen. Ganz allgemein ist es das positive Ergebnis eines Bemühens, wenn wir etwas erreicht haben, was wir erreichen wollten. Dieses Ziel kann klein oder groß sein.
Aber dann gibt es Ziele, die in uns wahre Sehnsucht auslösen, wir fokussieren uns, strampeln uns ab, hängen uns richtig rein – und scheitern doch immer wieder. Warum nur? Eine Möglichkeit: weil tief in uns eine Angst lauert, die uns das Ziel jedes Mal wieder verpassen lässt. Der wissenschaftliche Begriff dafür: Methatesiophobie – die Angst vor dem Erfolg.
Der Anlass für dieses Thema war die Mail einer Frau, die ich aus Workshops kenne. Sie schrieb mir:
„Es wäre toll, wenn du mal einen Podcast zu einem Thema machen würdest, das, glaube ich, viele Menschen betrifft: Ich kann es nur umschreiben – es geht darum, dass man, sobald es einem etwas besser geht, richtig in Schwierigkeiten gerät, weil man sich nur im Überlebensmodus gut auskennt, nicht aber mit einem „normalen“ Zustand von Entspannung und Glück. Also gewissermaßen die Angst vor der eigenen Kraft oder dem eigenen Licht. Dann „passiert“ etwas, und man kennt sich wieder aus. So kann man im Grunde sein ganzes Leben verbringen, sich immer um sein Trauma drehen und nicht auf einen grünen Zweig kommen.“
Was die Autorin beschreibt, ist also nicht nur die Angst vor einem guten Leben, sondern auch den Mechanismus, mit dem wir es verhindern oder Ereignisse in Gang setzen, die uns wieder zurückfallen lassen. Wir können das „Selbstsabotage“ nennen. Was darunter liegt, hat die amerikanische Autorin und spirituelle Lehrerin Marianne Williamson in wunderbare Zeilen gebracht. Sie stammen aus ihrem Buch „A Return To Love“. Sie schreibt:
„Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Maßen kraftvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das wir am meisten fürchten.“
Verblüffend, oder? Wie kann das sein? Ringen wir nicht um Persönlichkeitsentwicklung, um Wachstum, um Selbstwirksamkeit, darum, dass wir unsere Ziele erreichen? Und brauchen wir dafür nicht unsere ganze Kraft, das helle Licht, das uns erstrahlen lässt? Ja, das brauchen wir. Aber immer ist da etwas, das uns zurückhält, uns ausbremst, das dafür sorgt, dass unser Licht doch nur wie eine mittelprächtige Funzel leuchtet. Bei den Kriegsenkeln gibt es dafür die Bezeichnung, im Leben wie mit angezogener Handbremse unterwegs sein.
Machen wir uns auf die Suche nach den Ursachen. Woran lässt sich die Angst vor Erfolg erkennen?
Und hier sind wir dann bei einer wichtigen Ursache der Angst vor Erfolg angekommen: dass er die Loyalität zu anderen gefährden könnte, Konflikte in Beziehungen provozieren, sei es im privaten oder im beruflichen Bereich. Indem wir Erfolg haben, ändert sich vielleicht die Statik dieser Beziehungen, werden wir anders wahrgenommen, treten hervor aus dem Dunkel und lösen vielleicht Neid oder Missgunst aus.
Ich möchte dich zu einer Erinnerung einladen: Was haben deine Eltern gesagt, wenn du früher mit einer Klassenarbeit nach Hause gekommen bist, sagen wir: es war eine 2 plus.
a: Sie haben gar nichts gesagt, es hat sie nicht interessiert.
b: „Wieso ist es keine 1? Hast du wieder nicht genug gelernt?“
c: „Geht doch!“
d: „Denk dran: das hast du nur erreicht, weil ich mit dir geübt habe.“
oder, e: „Hey, wie schön! Und wie geht es dir mit dem Ergebnis? Bist du zufrieden?“
Wir erkennen schon die fundamentalen Unterschiede in der Haltung. Sie wechselt zwischen Desinteresse, maximalem Erwartungsdruck, narzisstischer Inanspruchnahme und wahrem Interesse, das sich am Bedürfnis des Kindes orientiert. Und nur bei der letzten Variante kann das Kind ein eigenes Gefühl zu dem entwickeln, wofür es sich anstrengen will und wie sich das auf das Ergebnis seiner Anstrengungen auswirken wird.
Ebenso ist auch nur diese letzte Variante der Weg zu einem stabilen Selbstwertgefühl, indem wir einschätzen lernen, was wir können und woran wir noch arbeiten sollten oder wollen. Wir lernen zu unterscheiden, was für uns ein Erfolg ist und was nicht.
Ich habe noch eine Frage an dich: Wie haben deine Eltern und Großeltern über die Erfolge anderer Menschen gesprochen?
Hast du also gelernt, dass Erfolg etwas ist, das Respekt verdient, was Ausdruck eigener Anstrengung und Hingabe ist? Oder eher, dass Erfolg einen anderen Menschen verachtenswert macht, egoistisch, rücksichtslos und asozial? War deine Familie der Ansicht, dass die da oben das Leben denen da unten versauen? Dass Reichtum per se unmoralisch ist? Wenn das alles so war: Wie kannst du dann selbst erfolgreich sein, ohne in derselben Kategorie eingeordnet zu werden?
Und vielleicht gibt es noch eine andere Dynamik in deiner Familie. Nämlich dass du selbst erlebt hast, wie deine Erfolge kleingeredet, blockiert oder verächtlich gemacht wurden. Das ist mies! Wie konnten sie?! Dem eigenen Sohn, der eigenen Tochter zu vermitteln, dass sie zu doof, zu faul oder zu schwach sei, um ein ihnen wichtiges Ziel zu erreichen! Um dann vielleicht noch, als Pointe, von Nachbarskindern zu schwärmen, weil die ja viel schlauer und deswegen auch viel erfolgreicher seien!
Nehmen wir ein – freilich sehr gut getarntes – Wohlwollen dahinter an, dann soll diese Abwertung vielleicht den Protest und Widerstand anregen, einen „dir zeig‘ ich’s“-Impuls. Pädagogisch eher untauglich. Viel häufiger steckt dahinter aber wohl eine narzisstische Dynamik, eine Abwertung, um sich selbst aufzuwerten. Um nicht erleben zu müssen, dass die eigenen Kinder erreichen, was man selbst erreichen wollte, aber nicht konnte, muss man eben deren Erfolg mit allen Mitteln verhindern.
Ich möchte nicht so viel Aufwand darauf verwenden, die Motive hinter diesem zerstörerischen Verhalten zu erforschen. Dass wir es mit einem Gefühlserbe zu tun haben, das aus früherer Zeit stammt, als man einen brutalen Umgang mit Menschen – ja, auch Kindern – normal und angemessen fand, ist ziemlich klar. Auch die Auswirkungen von Krieg und Not sind darin zu spüren. Wir erleben eine Ausrichtung am Mangel, an resignativer Zufriedenheit, aber immer wieder auch eine Psychopathologie, ein „zerstöre, was du nicht beherrschen kannst“, einen Widerschein totalitärer und faschistischer Ideologie. Und nicht selten sind hier Menschen zu Tätern geworden, die vorher Opfer waren, ihrer Eltern nämlich. Eine Erklärung, keine Entschuldigung.
Was ich nicht verschweigen möchte: dass die begrenzenden Sprüche der Vorfahren tatsächlich auch beschützend gemeint sein könnten. Wie bei jenem Großvater der Klientin einer Kollegin, der ihr diesen Glaubenssatz eingepflanzt hatte: „Wer in der ersten Reihe steht, wird erschossen.“ In Kriegszeiten ohne Zweifel ein wichtiger und lebensrettender Glaubenssatz. In Friedenszeiten dagegen die perfekte Haltung, um keinen Erfolg zu haben, um nicht das eigene Potenzial auszuschöpfen. Der Opa hat es natürlich gut gemeint. Aber es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.
Ich bin voller Mitgefühl, wenn ich solche Geschichten erzählt bekomme. Und voller Hochachtung, was diese Menschen dennoch erreicht haben. Dass diese Erfahrung trotzdem wie eine Art Treibanker in ihrem Leben hängt und ihr Fortkommen hin zu Erfolg, Zufriedenheit und Glück behindert, ist aber nur natürlich. Ich denke, das ist es, was die Autorin der eingangs zitierten Mail damit meint, wenn sie schreibt: „So kann man im Grunde sein ganzes Leben verbringen, sich immer um sein Trauma drehen und nicht auf einen grünen Zweig kommen.“
Warum ist das so? Warum kommen wir selbst dann nicht auf einen grünen Zweig, wenn diejenigen, die uns ausgebremst haben, gar nicht mehr leben oder wir den Kontakt längst abgebrochen haben? Weil sie als Stimme in uns, als Introjekt, immer noch präsent sind. Wenn da ein „Nimm dich nicht so wichtig!“ in uns tönt, wenn wir uns gerade wichtig nehmen wollen, dann ist das, na ja, ein Hindernis. Freilich eins, das im Unbewussten wirkt und uns damit umso mächtiger blockiert. Wenn wir uns an die Tiraden beim Abendbrot über „die da oben“ erinnern, dann ist es schwer, selbst nach „da oben“ zu kommen, weil wir ja nicht gegen die Werte der Familie verstoßen wollen.
Zumeist merken wir es gar nicht, aber wenn sich auf einmal die Chance auf eine Öffnung, einen Aufstieg, einen Erfolg zeigt, ein Ereignis, das alles ändern könnte – genau dann „passiert“ etwas, das alles zunichte macht, was wir gerade zu hoffen gewagt hatten. Die Spannung zwischen der Sehnsucht und dem Familiensystem ist so groß geworden, dass unser Unbewusstes rebelliert. Das ist der tiefere Grund für die Selbstsabotage, die wir im Rückblick auf das Geschehene identifizieren können.
Wer mich ein bisschen kennt, aus diesem Podcast oder auch im persönlichen Kontakt, weiß, dass ich das so nicht stehenlassen möchte. Wie also können wir uns aus dieser familiären Verstrickung lösen, unser Gefühlserbe überwinden?
Affirmationen sind eher nicht der geeignete Weg. Jedenfalls nicht für Menschen, die sich mit ihrem Selbstwert schwertun. Wenn sie sich einen Satz wie „Ich kann alles erreichen, was ich will“ vorsagen, melden sich im Bruchteil von Sekunden auch die Gedanken an Gegenbeweise. Zum Beispiel: „Wenn ich das könnte, wieso bin ich dann so ein Loser?“ Wir glauben uns den positiven Satz einfach nicht und fühlen uns umso mieser, weil die angeblichen Gegenbeweise so wuchtig werden.
Aber das heißt natürlich nicht, dass Erfolg nicht trotzdem möglich sei. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir unserer Sehnsucht folgen sollen. Ebenso glaube ich daran, dass in uns alle Möglichkeiten stecken, das auch zu tun. Deswegen mein hartnäckiges Beharren darauf, unsere Ressourcen zu aktivieren – und: unsere Erfolge als Erfolge wahrzunehmen.
Wie jetzt? Geht es in diesem Artikel nicht um die Angst vor dem Erfolg, also davor, dass wir erreichen, was wir uns wünschen? Ja, natürlich. Es geht aber auch darum, überhaupt wahrzunehmen, was ein Erfolg für uns ist! Zur Symptomatik dieser Angst mit dem sperrigen Namen „Methatesiophobie“ gehört auch die Weigerung, eigene Erfolge anzuerkennen.
Erinnern wir uns an die Definition: Ein Erfolg ist, wenn wir ein vorher definiertes Ziel erreichen. Und nun die entscheidende Frage: Wer hat dieses Ziel definiert? Du selbst? Deine Familie? Deine Peergroup? Die Gesellschaft? Und wann ist es tatsächlich ein Erfolg – wenn du den Erwartungen gerade so entsprochen hast oder nur, wenn sie massiv übererfüllt wurden? Wer hat hier die Deutungshoheit?
Es ist verblüffend, manchmal auch erschreckend, wie viele Jahre unseres Lebens wir uns abstrampeln, um Ziele zu erreichen, die gar nicht wirklich unsere sind. Ich hatte meinen Zusammenbruch mit Anfang 50, als ich endgültig daran gescheitert war, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Es war das nutzlose Bemühen, endlich von meinem Vater gesehen zu werden – der war zwar schon zehn Jahre zuvor gestorben, aber Familienaufträge sind nicht an lebende Personen gebunden: Wir tragen sie in uns selbst!
Ob mein Vater mich gesehen hätte, wenn ich zu seinen Lebzeiten ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden wäre? Ich bezweifle es. Auch in der Familie Rohde gab es eine narzisstische Dynamik, die noch von meinem Großvater ausging. Vielleicht war mein Scheitern also auch das Ergebnis einer Selbstsabotage.
Die Sache ist gut ausgegangen. Ich wünsche niemandem einen Zusammenbruch, aber wenn man ihn schon hat, soll man seinen Nutzen daraus ziehen. Ich habe also etwas völlig Neues angefangen. Coaching, Workshops, Podcast. Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich das könnte, und ich wusste nicht, welche Freude mir das bereiten würde. Ich hatte also auch nicht das Ziel, das zu tun – aber wie kann ich dann entscheiden, ob ich erfolgreich war oder bin? Woran messe ich das?
Ein Vorschlag: Mein Körper sagt es mir, und dein Körper sagt es dir. Wenn alles richtig ist, so, wie es sein soll, dann fließt ein Energiestrom frei und ungestört durch den ganzen Körper, er breitet sich aus wie jenes Lächeln, das irgendwann bis zu den Ohren reicht. Wenn wir mit uns tief verbunden sind, mit unseren Bedürfnissen, unseren Werten, unserer Sehnsucht, dann ist das der Erfolg. Und dann ist es wirklich ganz egal, ob andere das auch finden.
Ich behaupte: Wir alle kennen diese Empfindung, wenn vielleicht auch nur aus wenigen kostbaren Momenten. Wenn wir diese Erinnerung aber als Leitstern nehmen, machen wir uns gleichsam auf den Weg zu uns selbst. Wahrscheinlich müssen wir Konditionierungen aufbrechen, Loyalitäten infrage stellen, Traumata integrieren, Ängste überwinden.
Lohnt sich aber. Für uns selbst wie für andere.
Eingangs hatte ich Marianne Williamson aus ihrem Buch „A Return To Love“ zitiert, in dem sie unsere Angst vor der eigenen Kraft beschreibt, vor unserem hellen Licht. Es war nur der Anfang ihres Gedichts. Hier kommt der Schluss:
„Und wenn wir unser Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.“
Ein schönes Ziel, oder?

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