Angst und Panikattacken können tief in der eigenen Familiengeschichte wurzeln. In diesem sehr persönlichen Erfahrungsbericht schildert unsere Autorin, wie sie jahrelang von der Angst vor dem Tod und von Panikattacken beherrscht wurde – bis die Erkenntnis, dass sie ein Gefühlserbe in sich trug, den Wendepunkt darstellte. Eine Geschichte über transgenerationales Trauma, Trauer und Heilung.
Von Dorothea Rohde
Denkst du, sie kommen nur nachts? Sie kommen, wenn alle anderen schlafen? Dass sie sich im Dunklen anschleichen und einen dann peinigen? Nein, so waren meine Dämonen nicht. Sie gehörten zu der hyperaktiven Sorte. Tag und Nacht im Einsatz! Sie hielten jahrelang durch und waren dabei offenbar vollkommen resistent gegen jede Ermüdung. Sie waren stets in Topform. Solche Mitarbeiterinnen wünscht sich jede Chefin. Man muss jedoch damit leben, dass es sich um eine äußerst übergriffige und distanzlose Spezies handelt.
Ich spreche von Ängsten und Panikattacken.
Es gab in meinem Leben eigentlich keinen Anlass für diese ätzenden Mitbewohner. Dachte ich. Es begann schleichend. Mit Anfang 40 hatte ich beim Radfahren das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können und fühlte eine Enge in der Brust. Ich bekam nach einer Weile Angst, es könnte der Beginn einer schlimmen Krankheit sein. Immer schon leicht hypochondrisch bis panisch, was Berichte und Geschichten über Krebs betraf, versuchte ich die Symptome eine Weile zu ignorieren. Dann ging ich zitternd doch zum Arzt. Kein Befund, Riesen-Erleichterung! Das Symptom blieb, die Angst kam auch wieder. Sie bezog sich jetzt auf jedes Ziehen, Stechen, Wehwehchen, das ich irgendwo im Körper ausmachte. Gleich dachte ich wieder: ist bestimmt was Schlimmes.
Eines Tages schaute mich eine Bekannte an und meinte, ich solle sofort meinen Leberfleck im Gesicht untersuchen lassen. Sowas könne ganz schnell gefährlich werden. Fortan schmerzte der Leberfleck, und ich fantasierte Tag und Nacht von Horrorszenarien, wie ich daran sterben würde. Zu jener Zeit waren mein Mann und ich gerade dabei, ein altes Bauernhaus als Ferienhaus sanieren zu lassen. Ich glaubte nicht mehr daran, dass ich die Fertigstellung noch erleben würde. Als mir dann ein Arzt die Harmlosigkeit meines Leberflecks attestierte, brach ich vor Erleichterung in Tränen aus. Damit hatte ich ehrlich nicht gerechnet.
Aber es ging munter weiter. Ständig hatte ich die schlimmsten Horrorvisionen und Angst vor dem Sterben, hinzu kamen Ängste, dass mein Mann sterbenskrank werden könnte. Schlafstörungen, Alpträume, Panikattacken waren treue Begleiter. Es kam zu Schwindel bei geringster Höhe, zu Panik vor bestimmten Wegen, vor dem Fliegen sowieso und es begann die Angst vor der Angst. Eine Veranstaltung und Lektüre zu den Themen „Leben mit Angststörung“ oder „Verhaltenstipps bei Panikattacken“ hatten keine nachhaltigen Effekte. Kurz ging es mir danach etwas besser, weil es sich dann nur nach einem „Psychothema“ anfühlte und nicht nach einer lebensbegrenzenden Krankheit.
Mein Geist und mein Körper waren in dieser Zeit in einem so angespannten Zustand, dass ich nur noch durch Alkoholkonsum kurze Momente von angstfreier Fröhlichkeit und Leichtigkeit erlebte. Aber frag‘ nicht nach dem Morgen danach. Dämonen und Ängste lieben den Kater. Sie wüteten an den Tagen nach zu viel Wein vollkommen ungehemmt. Die Angst schien mein ganzes Leben aufzufressen.
Zeit für eine Therapie. Mit der Therapeutin sprach ich aber ebenso wenig über die Ängste, wie mit meinem Mann oder irgendwem, weil ich die Befürchtung hatte, wenn ich die Themen ausspreche, dann manifestieren sie sich. Also redeten wir über die Enge in meiner Brust, über die Probleme mit meinem verhaltensauffälligen, pubertierenden ältesten Stiefsohn, der mir zuhause das Leben schwer machte, über die daraus entstehenden Probleme mit meinem Mann und darüber, wie ich mich frei machen sollte von meinen Verpflichtungen gegenüber der Familie, die ja laut Therapeutin gar nicht „meine“ Familie war. Das alles war nicht hilfreich. Ich hatte überdies das Gefühl, die Therapeutin nicht zu sehr belasten zu dürfen. Obwohl wir unsere Sitzungen immer vormittags hatten, gähnte sie ständig und war offensichtlich überlastet. Ich dachte: Vielleicht ist Therapie so? Erst später lernte ich: Das geht auch ganz anders.
Dennoch hatte eben diese erste Therapeutin nach etwa anderthalb Jahren bei einer Sitzung einen lichten Moment. Es ging um meine früh verstorbene Mutter, deren Grab ich nun schon fast 40 Jahre lang pflegte. Ich hatte mich gefragt, ob ich das Grab auflösen sollte. Die Therapeutin schlug vor, ich solle doch vielleicht mal ein paar alte Bilder von ihr raussuchen und mich mal etwas intensiver mit meiner Mutter befassen. Das haute mich komplett um. Es war, als würde ich in Einzelteile zerfallen. Ich ging wie auf Eiern nach Hause, legte mich sofort hin und schlief viele Stunden tief und fest.
Offensichtlich war etwas Bedeutendes in mir berührt worden. Trotz eines intensiven Widerstandes dagegen, mich den alten Fotos und Dokumenten meiner Mutter zuzuwenden, die sich in sicherem Abstand verwahrt in einem alten Koffer auf dem Dachboden befanden, raffte ich mich nach ein paar Tagen doch auf und traute mich. Es war verblüffend, wie nach und nach beim Betrachten die Angst vor den Bildern schwand. Es entstand eine neue, feine Verbindung zu meiner Mutter, die ich seit langem nur noch als Grab wahrgenommen hatte.
Ein Bild von ihr berührte mich besonders. Es schien die ganze Tragödie zusammenzufassen, die uns als Familie widerfahren war. Meine Mutter sitzt an Weihnachten in unserem Wohnzimmer. Ihr Körper ist gezeichnet vom Krebs, der Blick unendlich dunkel, traurig und verzagt. Die Geschichte dazu kenne ich. Es ist ihr letztes Weihnachten, danach kommt sie wieder ins Krankenhaus und stirbt keine zwei Monate später. Wir, meine Brüder, mein Vater, meine Oma und ich bleiben ohne sie zurück. Meine Mutter wurde gerade mal 43 Jahre alt.
Nach und nach schob sich die Ahnung in mein Bewusstsein, dass ich also genau in jenem Alter war, in dem meine Mutter, schwer erkrankt, gegen die tödliche Krankheit kämpfte. In meinem Unbewussten hatte ich nie damit gerechnet, älter werden zu können, als sie es geworden war. Es ging sogar so weit, dass ich keinerlei Altersvorsorge hatte. Wozu auch? In meiner Vorstellung wäre es frech von mir gewesen, ungezogen und unmöglich, meine Mutter altermäßig zu „überleben“. Es tauchten Fantasien auf, wie meine Mutter im Wissen um ihren nahenden Tod eifersüchtig auf mein junges Leben geschaut hatte, ihr Neid auf meine Zukunft mir eine längere Lebensspanne als die ihre verbot. Ich wollte doch brav sein und es ihr gleichtun. Und so arbeitete ich seit Jahren daran, durchlebte Ängste, als sei ich diejenige, mit der es zu Ende ging. Was ich damals noch nicht verstand: Ich lebte mit einem tief verwurzelten Gefühlserbe, das ich als Kleinkind unbewusst von meiner sterbenden Mutter übernommen hatte.
Meine Therapeutin gab eines Tages zu bedenken, dass eine Mutter ihren Kindern üblicherweise ein glückliches, langes, erfolgreiches und gesundes Leben, eben einfach nur das Beste wünscht. Das war ein vollkommen neuer, fast unfassbarer Gedanke für mich. Könnte es wirklich sein, dass ich weiterleben sollte? Dass meine Mutter mir ein gesundes und unbeschwertes Leben mit meinem Mann und meiner Familie gewünscht hatte? Nur tröpfchenweise konnte ich diesen Gedanken in mich einsinken lassen.
Und langsam drang auch das Ungeheuerliche in mein Bewusstsein: Ich spielte das Leben meiner Mutter nach, hatte ihr Schicksal für meines gehalten. Ich trug ihr Gefühlserbe in mir – ohne es zu wissen, ohne es je gewählt zu haben. Ihre Krankheit und ihr Sterben waren geschehen, als ich noch keine kognitiven Möglichkeiten hatte, mich von ihr zu unterscheiden. Ich war dreieinhalb Jahre alt gewesen, als sie starb. Ihre Emotionen waren die meinen, ihre Angst und Panik vor dem Tod die meine. Dieses Gefühlserbe hatte sich tief in mein Unbewusstes eingeschrieben und von dort aus jahrzehntelang meine Ängste und Panikattacken genährt. Jetzt aber wurde ich langsam erwachsen. Löste mich aus der Emotions-Symbiose und fühlte mich meiner Mutter erstmals seit ihrem Tod wirklich nah. Sah sie als Person außerhalb von mir, fragte mich, wie sie wohl war, als Frau, als Mutter, als Freundin, als Mensch.
Nach und nach ging es mir besser, die Ängste wurden weniger, Panikattacken brachen seltener aus. Ich traute mich an Plätze, die ich lange gemieden hatte, lernte, dass es ein Leben ohne permanente Gedankenkreisel um den Tod gibt. Die Auseinandersetzung mit meinem Gefühlserbe hatte mich befreit – von Ängsten, die ursprünglich gar nicht meine gewesen waren.
Während meiner sukzessiven und vollständigen Genesung von den Ängsten und Panikattacken, blieb das Grab meiner Mutter noch weitere zehn Jahre bestehen, bis ich es nach fünfzig Jahren Ruhezeit auflösen ließ. Und auch das änderte die Beziehung zu meiner Mutter noch einmal. Es war meine Gewohnheit gewesen, ihr Grab vor meinem inneren Auge zu sehen, wenn ich an sie dachte. Ihr früher Tod war doch immer das Bestimmende an ihr gewesen. Nun, da ich das Grab nicht mehr als Gedanken-Anker hatte, trat ihr Leben vor und außerhalb der Krankheit für mich mehr und mehr in den Vordergrund. Ich fand noch einmal Bilder von ihr, die ich immer übersehen hatte, ging auf Forschungsreise in ihre alte Heimat Sachsen-Anhalt, in der ich nie zuvor gewesen war. Fand das Haus, in dem sie mit meinen lieben Großeltern gelebt hatte, ihre Jugend und als junge Frau die Kriegsjahre verbracht hatte. Diese Reise war auf wundersame Weise ein weiteres Puzzleteil zu Heilung und innerer Ruhe, zu einem Angekommensein in meinem Leben.
Wie gut, dass ich die Dämonen vertrieben und überlebt habe. So lebt auch meine Mutter noch lange durch mich fort. In diesem Sommer 2026 ist schon ihr hundertvierter Geburtstag.
Dieser Beitrag erzählt von einer persönlichen Erfahrung und möchte Mut machen, ersetzt aber natürlich keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn Angst, Panik oder Todesfurcht das Leben stark belasten oder über längere Zeit anhalten, ist es wichtig, sich rechtzeitig Unterstützung zu holen.
Fachlich gilt: Panikattacken haben meist mehrere Ursachen. Ein Gefühlserbe oder transgenerationales Trauma kann dabei eine Rolle spielen, die in der klinischen Praxis leicht übersehen wird. Wichtig ist eine verantwortliche Abklärung und Behandlung, die körperliche Ursachen ausschließt und psychotherapeutisch evidenzbasiert arbeitet — etwa mit Psychoedukation und einer geeigneten Therapie. Je nach Ausprägung können auch Medikamente sinnvoll sein. Entscheidend ist außerdem, die Angst ernst zu nehmen, ohne sie zu verstärken: benennen, entlasten, schrittweise behandeln.
Und hier gibt es Hilfe, wenn es dringend ist:
TelefonSeelsorge – für akute Belastung, rund um die Uhr. Kostenlos, anonym und Tag und Nacht erreichbar, auch an Wochenenden und Feiertagen, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Trauer, Angst und Einsamkeit gehören ausdrücklich zu den Themen. Wer lieber schreibt, nutzt die Chat- und Mailberatung über online.telefonseelsorge.de.
Deutsche Angst-Hilfe – speziell für Angst und Panik. Der Verein bietet Peer-to-Peer-Beratung und praktische Hilfe für Betroffene und Angehörige und vermittelt bundesweit Angstselbsthilfegruppen – telefonisch, per E-Mail oder über die Onlineberatung. Info und Kontakt: angstselbsthilfe.de.

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